Die Website für die Auktion von Wahlstimmen wurde vom DNS-Server abgehängt

03.11.2000

Dabei geht es darum, ob amerikanisches Recht Internetrecht sein kann - und um die Erfolgsstrategie eines provokativen Unternehmens

Die Agentur, die sowieso auf Spektakuläres oder Schockmarketing setzt, wird nicht unerfreut sein, dass die von ihr betriebene Website www.vote-auction.com schon wieder Opfer eines Zensurversuchs geworden ist, weil dadurch schlicht die willkommene Aufmerksamkeit wächst. Die sich nicht gerade unbescheiden www.ubermorgen.com nennende Agentur kann dadurch demonstrieren, dass sie weltweite Aufmerksamkeit erzeugen kann.

Der DNS-Server gab:

DNS Domain 'www.vote-auction.com' is invalid: Host not found (authoritative).

zurück.

Der Cache war nicht in der Lage, den in der URL enthaltenen Hostnamen aufzulösen. Überprüfen Sie, ob die Adresse korrekt ist.

Generated Fri, 03 Nov 2000 00:00:19 GMT

Wie auch immer, politisch wirklich Ernst nehmen kann man Ubermorgen.com nicht, höchstens als Provokateure (Schock-Marketing aus dem Netz-Underground). Bekanntlich musste aufgrund einer Klage in Chicago die dort einst vom amerikanischen Erfinder registrierte Website, die später an die österreichischen Betreiber verkauft wurde, den Domainnamen von Voteauction.com zu Vote-auction.com aufgrund eines vorläufigen Gerichtsentscheids ändern, um der amerikanischen Gerichtsbarkeit zu entgehen, obgleich sie von einem österreichischen Provider ins Netz gestellt wird (Anstatt Voteauction gibt es jetzt Vote-Auction.com). Der amerikanische Registrat aber war belangbar. Am ersten November, so melden jetzt die Betreiber, sei jetzt auch noch ohne Hinweis die Domain von www.Internic.net, einer zentralen, dem Wirtschaftsministerium unterstehenden US-amerikanischen Institution, die alle DNS-Daten für .com, .org und .net speichert, gesperrt worden. Wer also versucht, in seinem Browser die Domain www.vote-auction.com aufzurufen, wird nicht mehr dorthin kommen, weil der Name nicht mehr aufgelöst wird.

Allerdings braucht man lediglich die IP-Adresse 62.116.31.68 anzugeben, um gleich bei der Website landen zu können. Vote-auction.com wurde über einen deutschen Registrar angemeldet, gleichwohl haben die Kläger, die Wahlkommission von Chicago, sich möglicherweise direkt an Internic gewandt und sie gebeten, die Domain aus dem Verzeichnis zu nehmen. Das scheint zumindest gegen das Recht zu verstoßen, denn amerikanisches Recht erstreckt sich nicht auf das gesamte Internet, selbst wenn für das Internet zentrale Institutionen wie Internic und - ja auch - ICANN ihren Rechtssitz in den USA besitzen. Kann möglicherweise ein amerikanisches Gericht aufgrund amerikanischer Gesetze auch die ICANN dazu auffordern, aus dem zentralen Router bestimmte Domainnamen und IP-Nummern zu entfernen, um sie damit für alle Internetnutzer unzugänglich zu machen? Der vorläufige Gerichtsbescheid lautete jedenfalls recht umfassend so, dass den Angeklagten und allen, die mit ihnen zusammen arbeiten, der Gebrauch, der Betrieb und die Bereitstellung von dem Domainnamen "voteauction.com" oder der Zugang zu diesem untersagt ist, sowie dass sie eine derartige Website ganz vom Netz nehmen müssen oder, als Alternative, Website so verändern müssen, dass jeder illegale Inhalt gelöscht wird.

Vote-auction.com überlegt gerade, welche rechtlichen Schritte gegen diese Maßnahme eingeleitet werden können. Andy Müller-Maguhn, frisch gewählter ICANN-Direktor, will sich angeblich um diese Angelegenheit kümmern, die - unabhängig von der Position, die man gegenüber Vote-auction.com bezieht - tatsächlich einen schwerwiegenden inhaltlich-politischen Eingriff von angeblich technisch orientierten Organisationen wie Internic darstellt. Sollte das Schule machen, könnten die USA, wenn es zu Konflikten kommt, schnell mal aus irgendwelchen juristischen Gründen die Server eines Landes unauffindbar machen.

Schnell haben sich die Ubermorgler andere Domainnamen gesichert, wie www.voteauction.at, www.voteauction.de. www.voteauction.cu oder www.voteauction.ru unter denen sie neben ihrer IP-Adresse bis zum 2.11. erreichbar sein wollten, was offenbar aber etwas zu früh angekündigt worden ist. Zwar sind www.vote-auction.net oder www.vote-auction.org auf Ubermorgen registriert, aber auch noch nicht erreichbar.

"Glücklicherweise", so verkündet man stolz. "war dieser DNS-Shutdown zeitlich nicht gut abgestimmt. Dank der Taktiken unserer 'Gegner' wird Vote-auction.com jetzt bestimmt online und für die Öffentlichkeit am Wahltag über verschiedene Domains und unter der von einer europäischen Institution: www.ripe.net verwalteten IP-Adresse erreichbar sein." Die ganze Aufregung scheint aber nur wenige in dem Sinne zu interessieren, dass sie wirklich ihre Stimme verkaufen wollen. Die nämlich kann man bislang fast an der Hand abzählen, irgendwie wahlentscheidend und daher interessant für einen Bieter sind sie wohl nicht. Und wenn das so wäre, so würde die Auktion auch schnell selbst für wohlhabende Parteien zu teuer werden. Aber Dada und ähnliche provokative Aktionen haben schon immer von der Überreaktion gelebt und profitiert.

Wie so oft haben letztlich diejenigen, die gegen eine Gefährdung vorgehen wollen, erst wirklich die Aufmerksamkeit, also die Medien, auf das gelenkt, was sie am liebsten verschwunden sehen möchten. In den komplexeren Zeiten und Verhältnissen des Internet aber wären möglicherweise subtilere Praktiken die effektiveren. Ob man etwas kostenlos tauscht, was eigentlich bezahlt werden müsste wie bei Napster, oder ob man etwas gegen Bezahlung tauschen will, was eigentlich nicht verkauft werden sollte, sind nur Aspekte der durch das Internet geschaffenen Möglichkeiten, die am Rande des Legalen oder am Beginn des Illegalen angesiedelt sind. Findet sich gar ein politischer Bertelsmann für solche Möglichkeiten wie Vote-auction.com?

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