Dont goethe that joint, my friend, hand it over to me...
oder: Wie der SPIEGEL über Goethes geheimrätlichen Giftschrank stolperte
Spätestens seit Lange-Eichbaums Untersuchungen über "Genie, Irrsinn und Ruhm" wissen wir, dass echte Genies auch echten Stoff brauchen, um auf poetische Hochtouren zu kommen. Poesie und Drogen liegen so dicht beieinander, dass der Stoff, aus dem die Dichtung ist, dem härteren Stoff auf den Lungenzug oder die Einspritzung folgt. So konnten wir bis zur letzten Woche in diesem giftkreativen Weltbild die Dichter nicht nur nach ihrer literarischen Stoffwahl unterscheiden. Bisher stand fest, dass Goethe die Wahrheit im Wein respektive ein bis zwei täglichen Flaschen fand, während etwa Baudelaire seine künstlichen Paradiese im Mohnfeld suchte. Doch seit letzter Woche Montag, dem SPIEGEL-Tag, ist alles ganz anders.
In der Kokain-Titelstory, die uns den Koks der ganzen gestressten BRD-Online-Gesellschaft in die Nase rieb, vermittelte der SPIEGEL en passant den Schock für alle klassisch Leitkultivierten, Deutschlehrer und die unschuldig im Geist der Dichterfürsten aufstrebende Jugend. Auch Friedrich Schiller habe manchmal mit dem geheimrätlichen Freund und Rivalen ein Haschischpfeifchen geraucht. Während der SPIEGEL weiß, dass Goethe "ein eigentümliches Gefühl, begleitet von einem tiefen Summen" überkam, spornte Schiller gleich den Pegasus und brachte doch nur uninspirierte "Sätzchen wie 'Ein frommer Knecht war Fridolin' zu Papier". Die deutschen Klassiker, der Kanoniker der deutschen Hochkultur und der Moraltrompeter von Säckingen, wären nichts als, es verschlägt uns die Sprache, horribile dictu, gemeine Feld-, Wald- und Wiesenjunkies.
Alle Germanisten weinen, der Himmel über Weimar stürzt ein, vielleicht muss gar das restriktive Betäubungsmittelgesetz radikal novelliert werden. Mindestens aber die Goethe-Forschung muss jetzt sehr tapfer sein. Plötzlich klingt Mephistopheles in der Faust'schen Tragödie zweiter Teil so high: "Mir brennt der Kopf, das Herz, die Leber brennt,/ein überteuflisch Element!/Weit spitziger als Höllenfeuer." Sollte der Geheimrat diese feurigen Zeilen mal wieder unter dem überteuflischen Eindruck einer Überdosis geschrieben haben?
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Nein, die Tragödie faustischen Wissens hat noch einen dritten Teil, der uns ins Irdische zurückführt. Diesmal trifft die Tragödie allerdings den SPIEGEL selbst, der ja seit je für die Aufführung faktenreicher Gesellschaftsdramen verantwortlich zeichnet. SPIEGELS harte Fakten über Goethes Trip stammen aus einer launigen Parodie der Schweizer WochenZeitung. Deren Redakteur Constantin Seibt hatte unter dem Pseudonym "Johann Seibt" am 24.12.1993 - unchristlich genug - behauptet, auf vier losen Quartblättern in einem Aktenschrank der Magdeburger Stasi-Zentrale Dichters Drogenwallen hienieden entdeckt zu haben. Nun birgt die Stasi-Zentrale zwar vermutlich noch genug Geheimwissen der Republik, Goethes Konfessionen aus seinem geheimen Kifferleben sind aber nichts als ein fake, ein Medienhack der klassisch-virtuellen Art. Bis auf weiteres kiffte der Olympier nicht. Wie immer in Zeiten informatorischer Durchdringung sickerte die Nachricht, die keine ist, fröhlich in Suchmaschinen, wurde zum ungeprüften Kolportagestoff von "Zeit" über "Unità" bis zum "Jornal do Brasil".
War das SPIEGEL-Archiv, das dem faustischem Wissensdrang wenig nachstehen wollte, bislang berühmt, jetzt ist es auch berüchtigt. Und die Moral von der Geschichte? Um ein Archiv zu hacken, braucht es nicht immer genialer Hacker und Cracker. Es reicht schon aus, den Stoff zu liefern, der die SPIEGEL-Welt erst richtig rund macht, um den Trends bis in die historischen Haarwurzeln nachzuspüren. Der Häme, einer Parodie aufgesessen zu sein, die sich nicht als solche kenntlich machte, versagen wir uns. Das kann in den Zeiten virtueller Erscheinungen noch schneller passieren, als weiland dem armem Fritz J. Raddatz, der Goethe auf dem Bahnhof, der indes zu jener Zeit nicht existierte, absetzte und darob selbst als Feuilletonchef abgesetzt wurde.
Der SPIEGEL ist in seine eigene Mediengrube gefallen, die Welt nicht nur zu spiegeln, sondern sie zu Lesers Freude so anzureichern, dass aus einem Daum'schen Haar gleich die gesamtdeutsche Kokaingesellschaft sprießt. Magnus-Essay-Enzensberger hatte bereits 1957 dem deutschen Nachrichtenmagazin vorgeworfen, die Nachricht der Story zu opfern. Ja, es ist schwer genug zu schreiben, wenn flüchtige Leser das Event, wenn nicht gar die volle Dröhnung focus-sieren. Dann werden selbst die Klassiker zu Erlebnissüchtigen, die demnächst im allfälligen Dementi wieder entwöhnt werden müssen.
http://www.heise.de/tp/artikel/4/4201/1.html- hab´s heute mit haarp... (14.12.2000 16:57)
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