Jetzt nicht die Mouse anfassen!
"Refresh - The Art of the Screensaver": Im Internet und an der Stanford University ist eine Ausstellung mit Bildschirmschonern zu sehen
Wenn man Kunst sehen will, muss man hinschauen. Und wenn auf dem Computerbildschirm der Bildschirmschoner läuft, sieht man in der Regel nicht hin. Doch wer die digitale Kunst sehen will, die zur Zeit im Internet und an der kalifornischen Universität Stanford zu sehen ist, sollte besser auf den Bildschirm seines Rechners schauen, auch wenn man nicht an ihm arbeitet. Denn bei der Ausstellung, die off- wie online präsentiert wird, werden zweiundzwanzig Screensaver von Künstlern gezeigt. Und die laufen eben nur, wenn man nicht am Rechner arbeitet.
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| Mick und Ted Skolnick |
Refresh ist wahrscheinlich die erste Ausstellung, die man herunterladen muss, um etwas von ihr zu haben. Alle "Exponate", die bei "Refresh" gezeigt werden, können von der Website von artmuseum.net heruntergezogen und auf dem eigenen Rechner installiert werden. So ist man plötzlich Inhaber einer Arbeit von zum Teil sogar relativ bekannten Künstlern wie Peter Halley und Jenny Holzer - oder genauer gesagt, der digitalen Kopie eines Kunstwerks, von der unendlich vielen weitere Kopien möglich sind. Im Museum der Stanford University sind sie zur Zeit auf Bildschirmen an der Wand zu sehen.
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Die meisten Kunstschoner laufen auf verschiedenen Computertypen, einige der Ausstellungsstücke nur auf dem Mac, andere ärgerlicherweise nur unter Windows2000; manche laufen auch gar nicht, jedenfalls nicht auf dem Computer des Rezensenten. Trotzdem ist Refresh eine gute Idee: die Ausstellung thematisiert ein Element der Computerausstattung, die bisher nur selten von Künstlern als Gegenstand gewählt worden ist.
Dabei wäre es eigentlich naheliegend: Screensaver sind schon durch ihre digitale und darum beliebig oft kopierbare Form dem Multiple verwandt, das seit den 60er Jahren von Künstlern als Mittel benutzt wurde, um billige, kleine Kunstwerke an so viele Leute wie möglich zu verteilen. Bei Refresh wird leider durch eine martialische "Single Copy Licence" untersagt, die Screensaver so weit wie möglich zu verbreiten. Vor jedem Download muss der User durch Mouseklick eine Erklärung akzeptieren, die es ihm verbietet, mehr als eine Kopie auf seinem Rechner zu speichern oder diese gar weiterzugeben. So stellt man sich Kunstvermittlung bei dem von Intel gesponserten "artmuseum.net" vor, zu dessen vorangegangenen Glanzstücken eine "begehbare", dreidimensionale Version von zwei Gemälden von Van Gogh gehörte - ob dieser Einsatz wohl durch Van Goghs künstlerische "Lizenz" abgedeckt war?
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| Peter Halley |
Qua ihrer Struktur sind Screensaver den Videoloops verwandt, mit denen Künstler in den letzten Jahren häufig experimentiert haben, und es wäre interessant gewesen, was Videokünstler wie Klaus vom Bruch oder Daniel Pflumm, die vorwiegend mit Loops arbeiten, mit diesem Format angefangen hätten. Gerade für bildende Künstler, die audio-visuell oder mit Film und Video arbeiten, könnten Screensaver ein ideales Format sein, um Arbeiten für den Computer zu machen. Der Bildschirmschoner lässt den Computermonitor als reines Bild erscheinen (zu dem auch Ton hinzugefügt werden kann), das vom Plastik der Chassis umfasst wird wie von einem Bilderrahmen.
"Was den Loop eines Screensaver von einem Videoloop unterscheidet", sagt James Buckhouse, der Kurator von Refresh, "ist, dass das Loop hier verschiedene Ausdrucksformen annehmen kann. Ein computergeniertes Loop kann durch einen Algorithmus variiert werden. Einige der Bildschirmschoner in unserer Ausstellungen beschäftigen sich genau mit dieser Möglichkeit. Andere leben gerade von der Möglichkeit einer exakten Wiederholung."
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| C5 |
Bisher haben sich nur wenige Künstler mit diesem eigentlich so naheliegenden Sujet beschäftigt - wohl nicht zuletzt wegen der hohen Kosten, die diese programmierintensive Aufgabe nach sich zieht, wenn man nicht selbst lernen will, die notwendige Software bedienen zu lernen. General Idea, Jenny Holzer, Alan Rathwww.hainesgallery.com/AR.work.screensaver.html und Francis Alys gehörten zu den wenigen Künstlern, die bisher Screensaver geschaffen haben, und interessanterweise waren sie alle Künstlern, die sich sonst kaum oder gar nicht mit dem Computer als Kunstmedium beschäftigt haben.
"Normalerweise sind Screensaver kitschig, banal und uninteressant, und darum war ihre Transformation in Kunstwerke so ein aufregendes Thema", sagt Buckhouse. "Alle Arbeiten in dieser Ausstellung versuchen, den Raum des Bildschirms zu hinterfragen oder zu feiern." Die Arbeiten, die er bei Refresh zeigt, sind zum größten Teil eigens für die Ausstellung entstanden. Nur wenige Kunst-Bildschirmschoner gab es bereits vorher, wie zum Beispiel SoftSub, ein Programm, das in den Ruhepausen am Bildschirm die Festplatte analysiert und ideosynkratische "Schnappschüsse" auf einen eigenen Webserver hochlädt - eine der besten Arbeiten bei Refresh.
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| Greg Neimeyer |
Fast wie ein "richtiger" Bildschirmschoner sieht die Arbeit "Emptiness is Form" von Scott Snibbe aus: nur wer sich mit viel Zeit vor dem Rechner setzt, sieht die Umrisse eines Menschen in Lotussitz, die sich langsam aus einem schwarzen Hintergrund heraus schälen. Bei "Survey" von Greg Neimeyer wird der Betrachter wie bei einer Kamerafahrt in unheimliche, virtuelle Räume hineingezogen; eine Art Objektiv zeigt, ähnlich wie die Optik des Terminators oder RoboCops, den Ort und die Zeit des fiktiven Geschehens an.
Einige Arbeiten nehmen Themen auf, mit denen sich die Künstler schon länger beschäftigen: Jenny Holzer hat zum Beispiel ihre schockierende Arbeit "Lustmord", bei der es um Vergewaltigung geht, für den Screensaver "adaptiert". Peter Halley hat eines seiner knallbunten Bilder von Netzwerkknoten zu einem flackernden Etwas animiert; Glenn Ligon zeigt Nahaufnahmen von einem seiner Ölbilder, und Patty Chang hat recht umstandslos eins ihrer Videos als Bildschirmschoner ausspielen lassen.
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| Francis Alys |
Besser sind die Arbeiten, die sich direkt mit dem Computer und Internet auseinandersetzen: Eher indirekt und ohne aufdringliche "Das ist Computerkunst"-Marker ist zum Beispiel "The Thief" (Der Dieb) von Francis Alys, bei dem eine geisterhafte Figur wieder und wieder durch aus einem Fenster hinaussteigt, als wollte er das Windows-Interface verlassen - oder will sie eigentlich in den Desktop einbrechen?
"cameraSS" von dem Entropy8Zuper zeigt Webcambilder von den Künstlern (die wirklich immer vor dem Computer zu sitzen scheinen, wenn es stimmt, das die Bilder tatsächlich von der Webcam auf dem Rechner des Künstlerpaars stammen). "EveryImage" von Alex Galloway lädt ununterbrochen Bilder aus der Datenbank der Netzkunstsite Rhizome, an der er mitarbeitet, aus dem Internet auf den Desktop. Jetzt nicht die Mouse berühren, sonst ist alles vorbei!
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| Greg Lynn |
"Computer sind heute viel allgegenwärtiger als damals und unsere Monitore brauchen eigentlich auch gar keine Bildschirmschoner mehr", beton James Buckhouse. "Wenn man heute einen Bildschirmschoner einsetzt, ist das eine aktive Wahl und keine pragmatische Entscheidung, mit der man das eigene Equipment schützt." Tatsächlich werden heute keine Bildschirmschoner mehr benötigt, weil sich auch lange auf dem Monitor stehende Bilder nicht mehr in den Schirm des Monitors einbrennen.
Das war in der Frühzeit des Personalcomputers noch anders. Einer der ersten Bildschirmschoner tauchte in den 70er Jahren in den Computerlaboren der University of California in Berkeley auf. Er zeigt lediglich eine einzige bezeichnenden Zeile Text: "Take me, I'm yours." Das sollte den Monitor vor Schäden bewahren, aber auch zeigen, dass die Maschine zur Arbeit zu Verfügung stand. In den 80er Jahren wurden Bildschirmschoner populär, besonders als Screensaver von Firmen wie AfterDark vor allem für die ersten Macs mit GUI die beliebten Bildschirmschoner mit fliegenden Toaster und Sternenfeldern produzierten. Aus dieser Zeit stammen auch die Bildschirmschoner, die mit flackernden Farbfeldern und sich drehenden Mustern an psychedelische Rauschfilme oder an die Videokunst von Leuten wie Steve Beck erinnerten. Auch heute gehört zu jeder neuen Version von Windows eine Auswahl von Bildschirmschonern. Als Werbematerial für Filme oder Software sind Bildschirmschoner bis heute beliebt.
"Diese screen savers funktionieren wie Lava-Lampen in Studentenbuden oder wie Muzak in Warenhäusern", schreiben die Organisatoren von Refresh auf der Website der Ausstellung. Für sie sind die Bildschirmschoner, die sie für die Ausstellung zusammengetragen haben, auch eine neue Art von Kunst im öffentlichen Raum, die nicht mehr auf Plätzen und an Hausfassaden stattfindet, sondern auf den Computermonitoren, vor denen viele Menschen heute mehr Zeit verbringen als im öffentlichen Raum.
Gleichzeitig sind die Kunst-Bildschirmschoner aber auch ein hinterlistiger und vielleicht unfreiwilliger Kommentar zur Rolle der Kunst in der Informationsgesellschaft. In der Vergangenheit war Kunst eine Beschäftigung für Mußestunden, die zum Verweilen und zur konzentrierten Reflexion einlud. Heute macht sich der Computer selbstständig, wenn er Pause macht, und zeigt Kunst-Bildschirmschoner zu einer Zeit, in der der User gerade nicht konzentriert ist. "Bei der Arbeit gucken die Kollegen auf den Screensaver, wenn man nicht am Arbeitsplatz ist", sagt Kurator Buckhouse. "Wenn man nicht da ist, zeigt der Bildschirmschoner gleichzeitig die eigene Abwesenheit an, indem er den Stillstand des Rechners hervorhebt, aber auch die eigene Anwesenheit, weil er die Tatsache betont, dass man den Rechner individuell gestaltet hat. Der Bildschirmschoner erscheint gerade dann, wenn er ignoriert wird, und wir nehmen ihn höchstens nebenbei wahr."
Ein interessantes Sujet hat Refresh also auf jeden Fall entdeckt, und es bleibt zu hoffen, dass dies nicht der letzte Versuch war, aus dieser Form von Software künstlerischen Honig zu saugen. Andererseits bleibt bei den gezeigten Arbeiten die Frage, ob nicht einige der kommerziellen Screensaver der Vergangenheit letztlich radikaler an ihr Thema herangegangen sind: der Rasenmähermann, der den Mac-Desktop einfach wegschor, die auf meinem PC installierten Bildschirmschoner, die das Interface wie ein Puzzle zerlegen oder von einer imaginären Lupe vergrößern und verzerren lassen, untersuchen ihren Gegenstand letztlich auf eine gründlichere Weise als die Kunst-Bildschirmschoner, die bei artmuseum.net gezeigt werden.
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