Es klingt wie eine Mischung aus "liberal" und "pubertär"

08.11.2000

Teil 1: Was ist libertäre Ideologie?

Wer Anfang des 21. Jahrhunderts die juristischen Entwicklungen zum Internet verfolgt oder sich mit technologischen Entwicklungen wie Nanotechnologie beschäftigt, der begegnet auf Schritt und Tritt (oder auf Klick und Kommandozeile) "libertarians", Anhängern libertärer Ideologie. Die relativ junge Ideologie konnte vor allem über das Internet ihre Basis wesentlich verbreitern. Bei einer Netz-Umfrage 1996 gaben bemerkenswerte 25,1% der Teilnehmer ihre Haltung als "libertarian" an.

Obwohl der Wert solcher Umfragen schon aufgrund ihrer Freiwilligkeit, der Fragestellung, ihrer geringen Datenbasis und ihrer Amerikazentriertheit fragwürdig ist, fällt die im Unterschied zu Umfragen außerhalb des Netzes doch große Zahl von sich selbst als libertär einstufenden Personen auf. Gary Kamiya sprach in Salon bereits 1997 von "libertarianism" als "herrschender Ideologie des Web" , John Perry Barlow behauptete in Wired, daß die Netzkultur "30 Millionen Libertäre" hervorgebracht hat und auch Paulina Borsook stufte in ihrem Buch "Cyberselfish" , das diesen Mai erschien, die vorherrschende Internet-Kultur als libertär ein.

Die vor allem in den USA bedeutsame Ideologie ist in Deutschland bisher kaum bekannt. "Libertarianism" ist, kurz gesagt, die Absolutsetzung der Individualrechte. Aus dem Glauben an ein absolutes und uneinschränkbares Recht auf Privateigentum erwächst die libertäre Forderung nach laissez-faire in der Wirtschaft. Steuern werden als institutionalisierter Diebstahl von Privateigentum betrachtet, den der Staat dazu nutzt, noch tiefer in die Rechte von Individuen eingreifen zu können. Eine volkstümliche Definition von "libertarianism" lautet deshalb "Anarchismus für Reiche." Auch einflussreiche libertäre Ideologie ist meist recht hausbacken. Sie setzt sich kaum mit Widersprüchen auseinander und beschränkt sich auf ein Preisen der heilenden Kräfte des Eigennutzes und des Marktes sowie auf ein Verdammen staatlicher Einflussnahme. Gerade diese Hausbackenheit scheint aber ein Ideal für libertäre Ideologie zu sein.

linksanarchistische und amerikanische Bedeutung

Der Begriff "libertarianism" ist in seiner heutigen Bedeutung eine amerikanische Schöpfung. In Europa war im 19. Jahrhundert "libertarian" oder "libertär" ein verbreitetes Synonym für linksanarchistisch. Noch heute gibt es etwa in der PDS ein "Libertäres Forum." Bis zum Zweiten Weltkrieg waren auch in Amerika anarchistisch-libertäre Vorstellungen (wie etwa die von Emma Goldman) mit dem Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit, wirtschaftsliberale Vorstellungen jedoch nicht unbedingt mit der Bejahung sexueller Freiheiten verbunden. Erst nach dem 2. Weltkrieg entdeckten die amerikanischen Befürworter völlig unregulierter Märkte den Begriff "libertarian" für sich. Er setzte sich gegenüber konkurrierenden Bezeichnungen durch und ging im Laufe der 1960er Jahre in die amerikanische Alltagssprache ein. Mit der zunehmenden Bedeutung libertärer Ideologie befindet sich die ältere, europäische Bezeichnung immer mehr auf dem Rückzug. Im Oktober 1999 verwendete die Süddeutsche Zeitung "libertär" bereits ohne weitere Erklärung in der neueren, amerikanischen Bedeutung. Zu dieser Begriffsverwirrung kommt hinzu, dass im deutschen Sprachraum "libertär" auch heute noch öfter mit "libertinär" (sexuell zügellos) verwechselt wird, z.B. in der fehlerhaften deutschen Übersetzung von Michel Houellebecqs "Les particules élémentaires."

Libertäre Ideologie scheint im heutigen Amerika an vielerlei Stellen auf. Politisch finden sich Libertäre nicht nur in der Libertarian Party: So gilt etwa der Gouverneur von Minnesota, der Ringer Jesse Ventura, als in Ansätzen libertär, und auch in der Republikanischen Partei gibt es einen "Republican Liberty Caucus", der die Minderheit von Libertären innerhalb der Partei zusammenfaßt.

Zunehmend wird libertäre Ideologie auch ökonomisch bedeutsam. Ein sich nach der berühmtesten Romanfigur Robert Heinleins "Lazarus Long" nennender amerikanischer Millionär arbeitet seit einiger Zeit am Aufbau eines als libertäre Utopie geplanten Inselstaates aus Korallenfelsen in der Karibik. Im Werbetext der Unternehmung heißt es:

New Utopia wird von einem Regierungsvorstand geleitet werden, Experten im Management der perfektesten Stadt, die jemals entwickelt wurde - nach den Philosophien sowohl von Ayn Rand als auch von Robert Heinlein.

Was unter anderem heißt: keine Form von Steuern und jede mögliche Form von Technologie zur Unsterblichkeitsforschung. Auch im akademischen Bereich gewinnt libertäre Ideologie zunehmend an Bedeutung: Der Mitautor des umstrittenen Werkes "The Bell Curve", Charles Murray, der mit seiner statistischen Auswertung der Intelligenz einzelner ethnischer Gruppen großes Aufsehen erregte, ließ 1997 das Werk "What it means to be a Libertarian" folgen, mit dem er sich als Anhänger libertärer Ideologie auswies. Auf etwas niedrigerem akademischen Niveau propagiert in Miami eine komplette Hochschule, die "Universidad Latinoamericana de la Libertad Friedrich Hayek", libertäres Denken.

An den Schnittstellen von Technologie und populärer Kultur

An den Schnittstellen von Technologie und populärer Kultur ist libertäre Ideologie besonders deutlich sichtbar: Die 1982 gegründete "Libertarian Futurist Society" vergibt jährlich den "Prometheus Award" für den besten libertären Science Fiction-Roman sowie den "Hall of Fame Award" für den besten klassischen Freiheitsroman. Die "Island One Society" ist eine Gruppe von Libertären, die auf eine Kolonisation des Weltraums, auf ein Öffnen der Space Frontier. Das von Libertären initiierte Artemis Project. will eine private ständige Siedlung auf dem Mond errichten.

Doch nicht nur der Weltraum dient libertärer Ideologie als Projektionsfeld: Transhumanisten und "Extroprianer" sind Libertäre, die auf künstliche Veränderungen des menschlichen Körpers bzw. auf dessen Unsterblichkeit oder Überwindung hinarbeiten. Die Bionomik beschreibt ökonomische Prozesse mit Metaphern aus der Biologie, wobei sie in ihren Ergebnissen meist zu libertären Sichtweisen kommt. Im Computerbereich verbindet libertäre Ideologie so gegensätzliche Figuren wie den Open Source-Theoretiker Eric Raymond, der das Libertarianism FAQ verfasste, und den Microsoft-Program Manager Vinod Valloppilli. Auch wo es um die freie Rede, die Privatsphäre oder um Kryptographie geht, sind libertäre Organisationen wie das Center for Democracy & Technology stark vertreten. Auf der anderen Seite findet sich libertäre Ideologie auch in rückständigeren gesellschaftlichen Bereichen: bei den Milizen und den militanten Waffenbesitzern sowie bei den Gegnern öffentlicher Schulen.

Historische Vorbilder

Das relativ späte Entstehen libertärer Ideologie hindert deren Theoretiker nicht an der Suche nach weit in der Geschichte zurückliegenden Wurzeln. Der libertäre Parteigänger Murray N. Rothbard führt in seinem Lexikonartikel über "Libertarianism" in der Encyclopedia Americana die Ursprünge libertärer Ideologie über Herbert Spencers "Social Statics" und Étienne de La Boétie auf Laotse und die Taoisten des alten China zurück. Tatsächlich stellt der Taoismus und seine Vorstellung von Selbstorganisation in der Natur eine beliebte Quelle für libertäre Vorstellungen dar. Der Taoismus sah sich selbst als Gegensatz zu vorherrschenden "kollektivistischen" Konfuzianismus. Auch die am taoistischen Prinzip des "Wu-Wei", des Handelns durch Nicht-Handeln orientierte Politik des Bauernkaisers und Begründers der Han-Dynastie, Liu Pang, kann als frühe Deregulierung nach Reichseinigung und Zentralisierung angesehen werden. Oft genannte historische Vorbilder libertärer Theoretiker sind auch das mittelalterliche Irland , die freien Städte des europäischen Mittelalters und die amerikanische Frontier im 19. Jahrhundert, der "Wilde Westen". Auch das mittelalterliche Island, über dessen "private Sicherheitsdienste" David Friedman schrieb , wird als Beispiel für Gesellschaftsformen herangezogen, die nach libertärer Sichtweise mehr Freiheit und Wohlstand als heutige Formen boten. Verlassen wir jedoch den Bereich der mythischen Vorläufer, so begegnen uns im 18. und 19. Jahrhundert zwei sehr unterschiedliche Strömungen, aus denen sich libertäre Ideologie ableitet: der klassische Liberalismus und der Anarchismus.

Wirtschaftsanarchismus und Anarcho-Kapitalismus

Der Begriff "Anarchism" wird in Merriam-Webster's Collegiate Dictionary als politische Theorie definiert, die alle Formen von staatlicher Autorität für "nicht notwendig und nicht wünschenswert" ansieht. Das Wort selbst kommt vom griechischen ajnarciva - ohne Herrschaft. Über diese Negativdefinition hinaus gibt es wenig Gemeinsamkeiten unter den verschiedenen Formen des Anarchismus, deren wichtigste der individualistische, der syndikalistische, der mutualistische, der pazifistische, der kommunistische und der kapitalistische Anarchismus oder Anarcho-Kapitalismus sind. Eunice Minette Schuster unterscheidet in ihrem Werk über den amerikanischen Anarchismus noch zwischen den ersten fünf Spielarten, ohne den Anarcho-Kapitalismus zu erwähnen. Tatsächlich entstand dieser erst mit der libertären Ideologie ab den 1940er Jahren. Ein Vorläufer des Anarcho-Kapitalismus steckte in dem, was Schuster als "economic anarchism" bezeichnete und als Teilbereich des Individualanarchismus sah. Dieser Wirtschaftsanarchismus unterschied sich aber in einem entscheidenden Punkt vom späteren Anarcho-Kapitalismus: In der vom Pionierleben im Westen der USA geprägten Ideologie bezog sich die Würdigung des Privateigentums nur auf die Produkte der eigenen Arbeit, nicht auf jene fremder. Einer der Väter dieses Pioniersanarchismus, der vor allem auf Benjamin Tucker großen Einfluss ausübte, war der oberfränkische Lehrer Max Stirner. Er erleichterte in seinem einzigen größeren Werk "Der Einzige und sein Eigentum" von 1844 Hegels Entwurf einer Gesellschaft um die Verbindung der Individuen zu einem Ganzen. Was blieb, war der absolute Einzelne, der sich von jeder objektiven Bindung an andere, von jeder Vermittlung mit dem allgemeinen Weltzustand gelöst denkt. Der Hegelschen Dialektik folgend sah Stirner in einer "Union der Egoisten" die Antithese der wirtschaftlichen Probleme seiner Zeit.

Amerikanische Individualanarchisten wie Lysander Spooner oder Benjamin Tucker versuchten die soziale Frage theoretisch zu lösen, indem sie argumentierten, dass der Anarchismus die aus der Zinsnahme resultierende Ausbeutung mit den Mitteln des freien Wettbewerbs von selbst abschaffen würde. Die ungerechte Mehrwertabschöpfung seiner Epoche resultierte nach Benjamin Tucker nicht aus dem ökonomischen Prozess selbst, sondern aus Privilegien, d. h., aus der Verfügungsgewalt von wenigen Menschen über viel Macht, was schließlich zu Monopolen führt. Absolut freier Wettbewerb hat nach Tucker einen "gerechten Preis" von Waren und Arbeit zur Folge. Wie die vier Reiter der Apokalypse kannte Tucker vier Monopole: das Landmonopol, das Kreditmonopol, das Zollmonopol, sowie das Urheber- und Patentmonopol. Den Staat sah Tucker als obersten Bösewicht und Verursacher dieser Monopole: Die Grundrente existierte nach seiner Ansicht nur, weil der Staat Besitzansprüche auf Land mit Gewalt durchsetzte. Auch die Zinsnahme würde, so Tucker, nach dem Ende der künstlichen Geldverknappung durch eine Monopolwährung verschwinden. Der Bakunin-Übersetzer Tucker ließ sich sogar einsperren, weil er sich aufgrund seiner Gegnerschaft zum Staat weigerte, Steuern zu zahlen. Nach dem Ende von Tuckers Zeitschrift "Liberty" 1907 trat der Individualanarchismus in den USA gegenüber einem vorwiegend von Einwanderern geschätzten Kollektivanarchismus in den Hintergrund. Doch auch diese Spielart des Anarchismus konnte nach der Zerschlagung der Gewerkschaft IWW, den Deportationen von Alexander Berkman und Emma Goldman sowie dem spektakulären Sacco-und-Vanzetti-Fall keine breite Basis in der amerikanischen Bevölkerung behaupten. Stattdessen wurden utopische Bedürfnisse ab den 1940er Jahren mittels der Theorien zweier österreichischer Ökonomen, die der Tradition des klassischen Liberalismus entsprangen, in eine amerikagerechtere Strömung kanalisiert.

Teil 2: Kapitalismus und Freiheit: Die Wiener Schule der Volkswirtschaft und ihre amerikanischen Schüler.

Teil 3: Final Frontiers: Die Rolle der Science Fiction in der Entwicklung libertärer Ideologie

Teil 4: Von der utopischen Dystopie zur dystopischen Utopie

Teil 5-6: Regierungen vs. Internet: Kontrolle und Zensur und Paranoia

Teil 7-8: Von freier Liebe zu freier Software: Kalifornische Ideologie, Netzwerkökonomie und Open Source-Bewegung

Teil 9: Libertärer Gnostizismus: Extroprianer und Transhumanisten

Teil 10: Monopol und Copyright: Die Sollbruchstellen libertärer Ideologie

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