Keine Angst vor den globalen Eliten

14.11.2000

Die Bilderberg-Konferenzen: Geheime Weltregierung oder seniler Debattierklub?

Alljährlich im Frühsommer treffen sich die reichsten Unternehmer der westlichen Welt mit den führenden Politikern und Herausgebern und Chefredakteuren der wichtigsten Medien zu einer zweieinhalbtägigen Konferenz. Diese trägt den Namen "Bilderberg" nach einem Hotel in Holland, wo die Konferenz 1954 zum ersten Mal stattgefunden hat. Was bei den Bilderberg-Konferenzen genau besprochen wird, bleibt der Spekulation überlassen. Denn die Konferenzen finden stets in abgeschirmten Luxushotels außerhalb urbaner Zentren statt. Mini-Armeen von privaten und staatlichen Sicherheitsagenten sorgen dafür, dass sich die Einfahrtstore vor den Nasen neugieriger Journalisten schließen. Für die Teilnehmer ist es Bedingung, dass sie später nichts über den Inhalt der Gespräche verlauten lassen und die Vertreter hauptamtlicher Nachrichtenmedien sorgen persönlich dafür, dass nichts in ihren Presseorganen zu lesen sein wird.

Als Initiator der Bilderberg-Konferenzen gilt der Exil-Pole Joseph Hieronim Retinger (1888-1960), dem auch enge Kontakte zum britischen SIS nachgesagt wurden. Den geschichtlichen Hintergrund bildete das Abkühlen der transatlantischen Beziehungen zu Beginn der fünfziger Jahre. "Transnationale" Kreise in Europa wie in den USA waren an stabilen Beziehungen der Westmächte interessiert. Retinger, eine Art "graue Eminenz" hinter den Kulissen und ohne politisches Amt, involvierte Prinz Bernhard von den Niederlanden. Dieser wurde erster Vorsitzender bei der namensgebenden Konferenz vom 29. - 31 Mai 1954 im Hotel "de Bilderberg" in Oosterbeek bei Arnheim. (siehe Foto)

Zieht man den politischen Einfluss und die wirtschaftliche Macht der Bilderberg-Konferenzteilnehmer in Betracht, ebenso wie die fast vollständige Geheimhaltung, so is es kein Wunder, dass sich die wildesten Verschwörungstheorien um diese Treffen ranken. Für Kritiker der Linken ebenso wie der extremen Rechten ist Bilderberg eine Art geheimer Weltregierung, die dafür sorgt, dass die Globalisierung unter dem Vorzeichen westlich-kapitalistischer Dominanz voranschreitet. Kosovo? Die NATO-Bombenangriffe wurden schon bei der Bilderberg-Konferenz 1998 in Schottland beschlossen. Die Europäische Währungsunion? Eine von langer Hand vorbereitete Intrige der "Bilderberger". US-Präsidentschaftswahlen? Bilderberg unterzieht die Kandidaten einem vorherigen Screening und entscheidet, wer gewinnen darf. Tschetschenien? Die "Bilderberger" beschlossen, dass die NATO Putin freie Hand gibt und sich die Westpresse danach in gespielter humanitärer Entrüstung übt.

Doch so unwahrscheinlich derartige Behauptungen auch klingen, eines steht fest, nämlich dass die Bilderberg-Konferenzen selbst nicht zum Reich der Verschwörungstheorien zu zählen sind. Die Konferenzen finden mit schöner Regelmäßigkeit tatsächlich jedes Jahr statt und dieses Jahr wurde die 48. Bilderberg-Konferenz in Belgien abgehalten. Das mit der Organisation betraute Bilderberg-Sekretariat hat auf Anfrage sogar eine Pressemeldung verschickt, allerdings erst nach dem Ende der Tagung. In dem lapidaren Statement heißt es:

"Die 48.Bilderberg-Konferenz wurde vom 1. bis 3. Juni 2000 in Brüssel, Belgien abgehalten. Neben anderen Themen diskutierte die Konferenz die US-Wahlen, Globalisierung, die New Economy, den Balkan, die EU-Erweiterung und die europäische extreme Rechte. Etwa 100 Personen aus Europa und Nordamerika haben an den Diskussionen teilgenommen. Das Treffen war privat, um eine offene und freie Diskussion zu ermöglichen".

Dieser letzte Satz ist eine Standardformulierung, die als Paradoxon das Bilderberg-Problem zusammenfasst. Diskussionen müssen also abgeschottet von der Öffentlichkeit stattfinden, damit sie "frei und offen" sein können. Nach einigen weiteren Erläuterungen, die wenig erhellend über den Inhalt sind und Presseerklärungen vergangener Jahre exakt gleichen, folgt eine Teilnehmerliste. Das 2000er-Treffen muss ein wenig Low key gewesen sein, was vielleicht daran lag, dass der Konferenzort in letzter Minute aus Österreich, das gerade etwas zu weit nach rechts gerutscht war, nach Belgien verlegt worden war. Gekommen sind natürlich Bilderberg-Veteranen, die seit Jahrzehnten kaum ein Meeting ausgelassen haben, wie Henry Kissinger, David Rockefeller, FIAT-Boss Agnelli und James D. Wolfensohn, Weltbankpräsident. Ebenfalls regelmäßig vertreten sind Personen aus der deutschen Wirtschafts-Intelligenzia. Im Jahr 2000 waren das u.a. Hilmar Kopper von der Deutschen Bank AG, Gerhard Cromme, Thyssen Krupp AG und Matthias Nass vom Hausblatt des deutschen liberalen Großbürgertums Die Zeit.

Interessanter ist allerdings, wer entsprechend den Themenschwerpunkten 2000 extra eingeladen worden war. Und siehe da, trotz ihrer vielfältigen Verpflichtungen mit ICANN fand Esther Dyson Zeit, mit Spitzen von Old Economy und Politik über die New Economy zu diskutieren. Pascal Lamy, EU-Kommissar für Handel war dabei, nachdem schon in den Vorjahren die EU-Kommissare Mario Monti und Erkki Liikanen zur Bilderberg-Konferenz gekommen waren. Und auch der EU-Verwalter für Bosnien und Herzegowina, Wolfgang Petritsch, findet sich auf der offiziellen Anwesenheitsliste Bilderberg 2000.

Die Teilnahme höchster EU-Beamter bei diesen Treffen ist ein äußerst umstrittenes Thema. Die Abgeordnete der irischen Grünen im Europaparlament, Patricia McKenna, quält die Kommission in den letzten Jahren mit offiziellen Anfragen bezüglich der Teilnahme von Mitgliedern der EU-Kommission. Der heikle Punkt ist, inwiefern EU-Politik von diesen Treffen beeinflusst wird. Auf McKennas Anfrage bezüglich des Bilderberg-Einflusses auf die Kommission antwortete Mario Monti:

"Die Bilderberg-Konferenzen sind ein internationales Forum, bei dem politische Führer und Vertreter der Wirtschaft ihre persönlichen Ansichten über Themen von allgemeinem Interesse ausdrücken, insbesondere in den Themengebieten Außenpolitik und Weltwirtschaft. Die Teilnehmer treten als Privatpersonen auf und ihre Statements sind für die Kommission nicht bindend. Es werden keine Resolutionen verfasst, keine Abstimmungen vorgenommen und keine politischen Kommuniques herausgegeben."

Gerade jedoch dieses Nicht-Herausgeben von Kommuniques ist, was vernünftige Kritiker ebenso wie Verschwörungstheoretiker erst so richtig aufstachelt. Indem die Bilderberger derartig großes Gewicht auf die "Privatheit" ihrer Diskussionen legen, wird alles für möglich gehalten. Bereits 1974 schrieb ein Kolumnist der Financial Times, Gordon Tether: "Wenn die Bilderberg-Gruppe keine Verschwörung irgendeiner Art ist, dann ist ihr Verhalten jedenfalls so, dass es den erstaunlich stichhaltigen Eindruck einer Verschwörung ergibt". Herr Tether wurde wenig später von der FT gefeuert. Chefredakteure und Herausgeber der FT zählen seit langer Zeit zu den geladenen Gästen der Bilderberg-Treffen...

Ebenso bedenklich wie die Teilnahme von EU-Kommissaren ist die von gewählten Politikern. Waren Verteidigungsminister Rudolf Scharping und Wolfgang Ischinger, Staatssekretär im Auswärtigen Amt, im Juni 1999 in Portugal etwa in ihrer Eigenschaft als "Privatpersonen" bei der Bilderberg-Konferenz, und das ausgerechnet zum Höhepunkt und Ende des NATO-Bombardements? Haben sie mit Power-Brokern wie Richard Holbrooke, USA, und Carl Bildt, Schweden, wirklich nur "private" Gespräche über die Lage der Welt im allgemeinen und auf dem Balkan im besonderen geführt, unter dem wohlmeinenden Auge eines Henry Kissinger? Haben sie ihre Flüge selbst bezahlt, um an diesen inspirierenden Gesprächsrunden teilnehmen zu können?

Ein weiterer besorgniserregender Punkt ist die Teilnahme von Politikern, bevor sie in hohe Ämter gewählt werden. 1991 wurde Bill Clinton von seinem Freund Vernon E. Jordan Jr. bei Bilderberg eingeführt, 1992 wurde er Präsident der USA. 1993 nahm Tony Blair an der Bilderberg-Konferenz teil, 1994 wurde er Spitzenkandidat von New Labour. Manche sagen, die "Bilderberger" würden Präsidenten und Regierungschefs "machen", andere meinen, die Leute aus dem Bilderberg-Kreis hätten eben die Kontakte und das richtige Gespür für die "kommenden" Leute.

Nicht zuletzt gibt es eine erstaunliche Kontinuität darin, dass alle NATO-Generalsekretäre der letzten 30 Jahre regelmäßige Bilderberg-Teilnehmer waren - Joseph Luns (1971-1984), Lord Carrington (1984-1988), Manfred Wörner (1988-1994), Willy Claes (1994-1995), Javier Solana (1995-1999) und Lord Robertson (1999- ). Die bevorzugte Erwähnung von Teilnehmern aus der Politik soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die eigentlichen Bilderberg-Schwergewichte die Wirtschaftsmagnaten sind. Die passenderweise "Grenzwissenschaften" genannte Website zitiert Egon Bahr bezüglich Bilderberg wie folgt:

"Wenn Tausende von Milliarden Dollar in Gewicht von Zentnern zu rechnen wären, dann würde der Fußboden einsturzgefährdet sein, auf dem sich die Herren Rockefeller, Agnelli, Ford, Rothschild, Heinz, kleinere Millionäre wie Wolff von Amerongen, Herren der Banken, Minister, Präsidenten und sonstige Koryphäen bewegten, die etwas zu sagen haben, dank ihrer Stellung oder ihres Gehirns."

Und so läuft das verschwörungstheoretische Argument letztlich darauf hinaus, wie weit der Einfluss der Banker und Wirtschaftsleute auf die internationale Politik tatsächlich geht. Die auf der Seite der Verschwörungstheorie glauben, dass bei den Bilderberg-Konferenzen die politischen Konzepte entwickelt werden, die später von anderen internationalen Gremien wie G7/8, Währungsfonds, EU und NATO nur noch sklavisch abgestempelt werden. Moderatere Kritiker (und gelegentlich auch Bilderberg-Teilnehmer selbst) sprechen von "einer Art grundsätzlichem Konsens", der trotz vieler Meinungsverschiedenheiten erzielt werden würde und später vor allem zur gezielten Beeinflussung der öffentlichen Meinung führen würde.

Ein Problem gibt es allerdings auch mit den Bilderberg-Kritikern. Diese kommen nämlich überwiegend aus den USA und stehen politisch sehr weit rechts. Ihre Kritik an Kapitalismus und Globalisierung kippt nahtlos in die nur zu bekannte Rede von der "jüdischen" Weltverschwörung. Die aufgeklärte und demokratische Linke hat Bilderberg als Thema seit Anfang der achtziger Jahre als heiße (rechte) Kartoffel fallengelassen. Erst mit dem Internet, in dem bekanntermaßen Verschwörungstheorien von geheimen Weltregierungen einen hohen Beliebtheitsgrad haben, kamen die "Bilderberger" wieder vermehrt ins Gespräch.

Wieweit der Einfluss des geheimniskrämerischen Debattierklubs wirklich geht, können wir nicht beurteilen. Das Problem jedoch ist die Geheimnistuerei selbst, das bedeutsame Schweigen in den wichtigsten Medien. Eine Abfrage des Spiegel-Online-Archivs führte zu genau einem Treffer, doch dieser bezog sich auf eine Bildagentur namens Bilderberg. Mit dem Fehlen jeglicher Berichterstattung ist auch nicht überprüfbar, was unsere EU-Vetretern und Politiker bei den Bilderberg-Konferenzen tatsächlich treiben. Anstatt aber vor lauter Angst vor der angeblichen Allmacht der Banker und Politiker in Ohnmacht zu fallen, sollten wir uns zuletzt noch ein Zitat von Marshall Mc Luhan in Erinnerung rufen. Nachdem er 1969 an einer Bilderberg-Konferenz teilgenommen hatte, soll er gesagt haben, er sei "beinahe erstickt von der Banalität und Irrelevanz" der Gespräche und beschrieb die Teilnehmer als "durchgängig von der Geistesverfassung des neunzehnten Jahrhunderts, aber vorgebend sich auf das späte zwanzigste Jahrhundert zu beziehen".

Der Großteil der Materialien, die diesen Artikel ermöglichten, findet sich auf der Website Bilderberg.org von Tony Gosling, einem ehemaligem BBC-Radiojournalisten.

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