Webcasting am Scheideweg

15.11.2000

Werbejingles halten auch im Netzradio Einzug; Lizenzzahlungen und Rechtsverhältnisse unklar

Radio hören ohne Werbeunterbrechung könnte auch im Internet bald der Vergangenheit angehören. Unter dem Druck nervöser Investoren, anstehender Lizenzzahlungen und unklarer Rechtsverhältnisse setzen Anbieter wie Live365.com auf Werbespots und Jingles. Leiden müssen darunter die kleinen, unabhängigen Wohnzimmerfunker.

Radio hören über das Internet ist bisher immer noch eine experimentelle Sache. Tausende von kleinen Stationen, vom Collegeradio bis zum Bedroom-DJ, funken online um die Wette. Techno aus Südamerika, Tango aus Japan - für Netzradiohörer gibt es kaum etwas, was es nicht gibt. Radio machen im Internet ist bisher ebenfalls sehr experimentell. Ohne Rücksicht auf die Quote kann hier jeder einfach losfunken. Die eigene Sendung ist schnell auf einem der zahlreichen Anbieter untergebracht, das Ergebnis sofort weltweit empfangbar, ganz ohne Staumeldungen und Werbeblöcke. Bisher jedenfalls.

Anfang November hat der populäre Netzradio-Anbieter Live365.com damit begonnen, seine Stationen mit Werbespots auszustatten. Der Server bietet Hobby-Webcastern seit gut einem Jahr die Möglichkeit, ohne technisches Know How eine eigene Radiostation ins Netz zu stellen. 21 500 solcher Radiostationen hostet Live365.com mittlerweile, Tendenz stetig steigend. In einer ersten Phase werden nun zu Anfang jedes Streams ein paar Werbesekunden abgespielt, später sollen auch Spots in die Programme integriert werden.

Vom Sender zum unbezahlten Redakteur

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Bei den Webcastern regt sich dagegen Widerstand. Viele fürchten, ihre sowieso meist nicht besonders zahlreichen Hörer könnten beim Einspielen von Werbespots gleich wieder zum normalen Radio wechseln. Weit verbreitet ist auch die Sorge, dass unpassende Werbespots die Hörerschaft abschrecken könnten. In einem Posting auf dem Live365-Messageboard bemerkt dazu ein Webcaster:

"Ich betreibe eine Heavy Metal Station. Was glaubt ihr, wie die Reaktion eines Haufens langhaariger Metalhead-Hörer aussehen wird, wenn sie plötzlich eine Werbung für Homey G Records neueste Veröffentlichung hören? Sie werden mir eine Email schreiben und sagen, dass ich zur Hölle fahren soll."

Für Live365.com dagegen ist es natürlich ein Ding der Unmöglichkeit, jeden Werbespot auf Langhaarigen-Kompatibilität zu testen. An diesem Konflikt zeigt sich ein lang gepflegtes Missverständnis: Viele Hobby-Webcaster gingen bisher davon aus, sie seien sozusagen selbst der Sender und Anbieter wie Live365.com nur eine Art kostenloser Relay-Server. Jetzt müssen sie plötzlich feststellen, dass die klassische Trennung von Anzeigengeschäft und Inhalt auch im Netz weiterlebt. Sie sind nur noch ein unbezahlter Redakteur, die Regeln fürs Senden definieren andere.

Webcasting könnte noch teuer werden

Live365.coms Werbespot-Offensive fällt in eine Zeit, in der sich immer mehr Internet-Unternehmen Sorgen um ihre Bilanzen machen müssen. Auch der Online-Musikbereich macht gerade eine Pleitewelle durch. Erschwerend kommt für die Webcasting-Companies hinzu, dass bisher noch viele Lizenzfragen offen sind. Einen ersten legalen Rahmen fürs Webcasting legte der Digital Millennium Copyright Act (DMCA) von 1998 fest. Wie viele Lizenzgebühren Webcaster zahlen müssen, regelte das Gesetz jedoch noch nicht. Das US Copyright Office entwirft dazu zwar derzeit ein Lizenzgebührenmodell, das auf der Entwicklung des Marktes fußen will, doch mit Ergebnissen wird frühestens in einem Jahr gerechnet.

Das Dilemma daran: Die Marktentwicklung des Sektors kann momentan niemand voraussehen. Einige Streaming Audio-Firmen versuchen deshalb, schon vorher zu Einigungen mit den Rechteinhabern zu kommen, um sich so günstigere Verträge zu sichern. Auch Live365.com befindet sich in Verhandlungen mit der RIAA und den Verwertungsgesellschaften ASCAP, BMI und SESAC. Bisher sieht alles danach aus, als ob Webcasting für viele Firmen noch ein teurer Spaß werden könnte. Offiziell dürfen keine Zahlen über die Verhandlungen nach außen dringen. Doch offenbar verlangt die RIAA derzeit entweder 0.3 Cent pro gespielten Song oder bis zu 15 Prozent des via Webcasting erzielten Umsatzes. Im Oktober hat die RIAA außerdem mit dem Sound Exchange ihre eigene Lizenz-Stelle gegründet, um das Abschließen solcher Verträge noch zu forcieren.

Streitfrage: Was ist interaktiv?

Neben solcher ungeklärten Lizenzfragen belasten auch juristische Probleme das Webcasting-Geschäft. Theoretisch zieht der DMCA eine feste Grenze zwischen Online-Radiosendungen und interaktiven Musik-Jukeboxen. Sobald Zuhörer den Ablauf einer Sendung selbst bestimmen können oder über den Senderverlauf bereits im Vorfeld informiert sind, gilt ein Service als interaktiv - Webcaster müssten dann mit erheblich höheren Gebühren rechnen und Verträge mit jedem einzelnen Label abschließen.

In der Praxis sind die DMCA-Konventionen jedoch je nach Standpunkt äußerst dehnbar und Konflikte damit vorprogrammiert. Gut möglich, dass sich Yahoo in dieser Frage als erstes mit der RIAA anlegt. Nach Wired-Informationen befindet sich Yahoo momentan in Verhandlungen um eine mögliche Partnerschaft mit Musicmatch. Deren Produkt Musicmatch Jukebox ermöglicht schon heute den Empfang einiger hundert Radiostationen. In einer noch in der Testphase befindlichen Version soll es möglich sein, einfach zwischen den verschiedenen Programmen hin- und herzuspringen. Damit bestimmt der Benutzer zwar nicht den Ablauf eines einzelnen Programms, kann sich aber aus den existierenden Stationen sein persönliches Wunschprogramm zusammenstellen. Nach Meinung der RIAA ist so etwas interaktiv - Musicmatch sieht sich jedoch auf der sicheren Seite.

So lange solche Fragen und die sich daraus ergebenden Kosten nicht eindeutig geklärt sind, bewegen sich Webcaster immer auf unsicherem Boden. Fest steht: Mit steigenden Ausgaben bleibt den Anbietern oft gar nichts anderes übrig als die Kommerzialisierung der eigenen Angebote - Werbejingles sind da nur ein erster Schritt. Denn leider können sie nicht ewig den Ratschlag befolgen, den ein Live365.com-Webcaster der Firma in ihrem Messageboard gab:

"Bitte überlegt euch andere Einkommensquellen. Vielleicht könnt ihr an die Börse gehen und wie Amazon.com sein: Extrem wohlhabend, ohne Profit zu machen ..."

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