Hamstern von Genen

Florian Rötzer 15.11.2000

Mit rasanter Geschwindigkeit werden Gene patentiert

Offenbar ist, wie der britische Guardian berichtet, bei Firmen, Stiftungen und Behörden ein Wettrennen ausgebrochen, bei dem es darum geht, sich möglichst schnell möglichst viele Gene zu sichern. Privatunternehmen unterscheiden sich da nur wenig von öffentlichen Institutionen. Inzwischen sind mehr als 500000 Gene von Lebewesen einschließlich des Menschen bereits patentiert oder als Patent beantragt.

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Der Guardian hat die unabhängige britische Organisation www.genewatch.org/ beauftragt, einmal nachzuprüfen, wieviele Gene bereits patentiert worden sind. Das überraschende Ergebnis war nicht nur, dass bereits so viele Gene geschützt worden sind, sonder mit welcher Geschwindigkeit der Aneignungsprozess abläuft und offenbar noch an Geschwindigkeit zunimmt. Als GeneWatch im letzten Monat mit der Überprüfung begann, entdeckte man, dass 126672 menschliche Gene oder Teile von menschlichen Genen bereits patentiert oder als Patent beantragt waren. In dieser Woche waren es jedoch bereits 161195: ein Zuwachs von 27 Prozent.

Natürlich kommen die Patentinhaber vorwiegend aus den USA, Westeuropa und Japan. Offenbar liegt im Rennen eine französische Firma, Genset, mit Patentanträgen für über 36000 Gene an der Spitze. an fünfter Stelle aber kommt schon das amerikanische Gesundheitsministerium. Patentanträge gibt es für menschliche Gene, die Vorgänge beim Herz, bei der Zunge, der Leber oder der Haut, bei den Ohren, den Lungen, dem Blut, Spermien oder dem Immunsystem steuern.

Entdecken lassen sich Gene mit den neuen Technologien und den Verfahren der Bioinformatik schnell und leicht. Schwieriger ist schon, deren Funktion zu beschreiben und einen Anwendungszweck anzugeben. Das nämlich ist eigentlich notwendig, um ein Gen als "Erfindung" patentieren zu lassen. Obgleich nicht nur von Regierungsvertretern, sondern auch von den entsprechenden die Haltung beruhigend verkündet wird, dass Gensequenzen als solche nicht patentiert werden sollen, spricht die Geschwindigkeit der Patentanträge, aber auch die Zahl der gewährten Patente dafür, dass die Patentämter keine große Überprüfung der Ansprüche durchführen.

Wie der Guardian berichtet, soll aber vorerst über die Gewährung von Patenten auf Gene beim Europäischen Patentamt nicht diskutiert werden. Die Gefahr besteht, dass bei der Geschwindigkeit, mit der Patente auf Gene beantragt und gewährt werden, der Weg für die künftige Forschung und Entwicklung mit Lizenzen zugepflastert werden könnte und so womöglich wichtige Entwicklungen nicht zustande kommen. Sue Mayer, Direktorin von GeneWatch, findet die Geschwindigkeit und die Menge der Patentanträge beunruhigend: "Es ist unmöglich, dass dies durch einen plötzlichen Ausbruch an Kreativität und Erfindergeist verursacht wird. Wenn die Menschen dieses Thema nicht Ernst nehmen und die Regeln nicht in den nächsten Jahren abgeändert werden, dann werden entdecken, dass grundlegende Erkenntnisse und Informationen privatisiert worden sind." Und dies oft von Firmen, Instituten oder Behörden, die lediglich die "Erfindungen" der massenhaft isolierten und identifizierten Gene patentieren.

http://www.heise.de/tp/artikel/4/4269/1.html
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