Beifall von der falschen Seite

26.11.2000

Neonazis solidarisieren sich mit ihrem Gegner

Wer sich in das rechtsextreme Diskussionsforum auf nit.de klickt, erlebt eine gar seltsame Überraschung. Über den einzelnen Beiträgen ist nämlich ein Banner angebracht, das "Freiheit für Burkhard Schröder" fordert, mit Schröders Netzseite verlinkt ist und den Dateinamen "burks88.gif" trägt ("88" steht im Neonazijargon für "Heil Hitler"). Das wäre gewiss nichts ungewöhnliches, wenn Schröder (Spitzname: burks) ein Neonazi wäre, den just die Justiz am Schlafittchen gepackt hätte. Doch der Berliner Journalist ist genau das Gegenteil. Er gilt als anerkannter Experte für Rechtsextremismus nicht nur im Internet. Er hat zahlreiche Bücher zu dem Thema veröffentlicht und ist daher in der rechten Szene alles andere als beliebt.

Dennoch ermittelt die Berliner Polizei jetzt gegen ihn, weil er auf seiner Homepage Links geschaltet hat, die zu mehr als 100 rechten Gruppen führen - Vorwurf: "Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen" und "Links mit strafrechtlich relevantem Inhalt" (Sind Links auf Nazi-Seiten selbst strafbar?). Und genau diese Ermittlungen sind den Rechten bei nit.de nun Anlass genug für ihre merkwürdige Solidaritätsbekundung.

Dass dahinter womöglich die Absicht steckt, Schröder geschickt in die Pfanne zu hauen, also durch die Aktion seinen Ruf zu beschädigen, weist der Betreiber der Seiten, André Goertz, in einer Email blauäugig zurück:

"Wieso in die Pfanne haun? Muß man jetzt schon um Erlaubnis fragen, wenn man sich mit Justizopfern solidarisiert? Ihnen wäre wohl ein Banner "Freiheit für Kay Diesner" lieber gewesen, paßt ja besser ins Klischee. NIT hat den Banner nicht gemacht, sondern sich der Aktion angeschlossen. Fragen Sie doch mal bei den Leuten von der Nationalen Anarchie nach, die wissen da mehr. Freiheit für burks!"

Die "Leute von der Nationalen Anarchie", also vor allem der Berliner Einzelkämpfer Peter Töpfer, schweigen jedoch lieber. Was sie auf ihren Netzseiten übrigens bieten, ist eine solch beachtlich unsinnige Mischung aus strammen Nationalismus, wilden Anarcho-Punk-Sprüchen und dämlichen Möchtegern-Germanentum, dass man an ihrer mentalen Gesundheit eh schon arg zweifeln muss.

Geantwortet hat dagegen Burkhard Schröder:

"Die versuchen natürlich damit, mir zu schaden. Nach dem Motto "die Nazis finden Schröder gut". Nazis, die zu Ironie fähig sind, halte ich für gefährlicher als solche, die mich auf Steckbriefe im WWW stellen mit der Aufforderung "dem gehört was auf die Schnauze".

Ich kann damit leben, weil ich mich lächerlich machen würde, wenn ich etwas dagegen unternähme. Man kann sich des Beifalls von der falschen Seite nicht erwehren. Neonazis und Salonfaschisten - wie die Betreiber von NIT - machen sich natürlich sowieso lächerlich, wenn sie vorgeblich für Meinungsfreiheit kämpfen. Ihre geistigen Väter haben Bücher verbrannt, Juden vergast und die halbe Welt mit Krieg überzogen. Was Nazis von Meinungsfreiheit halten, steht unter anderem in "Mein Kampf" von Adolf Hitler - nämlich gar nichts. Allein schon deshalb sollte man das Machwerk online lesen können."

Doch das Blicke in Hitlers "Machwerk" oder auf die diversen Neonazi-Seiten im Netz, wie zumindest Schröder hofft, durchaus auch aufklärende Wirkungen haben können, bezweifeln Leute wie Jürgen Gechter. Was ja ihr gutes Recht ist. Doch erschreckend ist der Ton, der dabei meist von ihnen angeschlagen wird. Statt zu argumentieren, wird mit Unterstellungen, Verdächtigungen gearbeitet und den Rest erledigen Totschlagargumente der schlimmsten Art.

Das bewies leider nicht nur Gechter (der vermutlich identisch ist mit dem gleichnamigen "Bundessprecher - Ressort Internet der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten") erst kürzlich in seiner Reaktion auf einen Telepolis-Text (Zivilcourage im Cyberspace). Erst wurde von ihm der Autor in die rechte Ecke gerückt, dann dessen Argumente als "Gesülze von der angeblich verletzten Meinungsfreiheit" bezeichnet und am Schluss folgte als finale Keule die fürwahr böse Unterstellung, dass der Autor und seine Gesinnungsgenossen demnächst wohl auch noch die Kinderpornografie verteidigen würden. Schlimmer geht's wirklich nimmer. Und man bekommt bei solchen Beiträgen sogar ein wenig Angst vor diesen angeblichen Demokraten und selbst ernannten Antifaschisten.

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