Zensur und Werbung
Nach dem französischen Urteil gegen Yahoo steigen geografische Filter im Kurs, wie sie beispielsweise von eBay bereits eingesetzt werden
Natürlich wird in China der Zugang zur Internetseite des Fernsehsender CNN geblockt. Dass aber bald amerikanische Internet-Nutzer nicht auf die Website des kanadischen Angebots iCraveTV zurückgreifen könnten, ist neu. An einer solchen geografischen Filterung arbeitet das Unternehmen derzeit fieberhaft. Hintergrund: Die Seite strahlt Inhalte von US-Sendern für Kanadier aus. Die amerikanischen Sender sorgen sich, ihnen könnten die Kunden für ihr werbeunterbrochenes Programm fehlen, wenn das gleiche im Netz verfügbar ist.
Geografische Filtersysteme sind wieder im Gespräch. Spätestens seitdem ein französischen Richter entschieden hat, Yahoo müsste Franzosen mit Filtern von seinen US-Auktionsseiten fernhalten. Damit Menschen, die in Frankreich surfen, keine SA-Dolche zu kaufen bekommen, gesellt sich Frankreich zu den 45 Staaten, die weltweit den Internetzugang ihrer Bürger einschränken (Französisches Recht soll weltweit für Franzosen gelten).
Tatsächlich ist das Urteil gegen Yahoo leichter durchzusetzen wie noch vor einigen Jahren. Denn geografischen Filter sind nun offenbar in der Lage, relativ zuverlässig ihren Job zu tun. Das amerikanische Unternehmen Quova hat noch für dieses Jahr seine Software "Geopoint" angekündigt. Sie soll E-Commerce Unternehmen helfen, Werbung und Inhalte lokal anzupassen. Geopoint soll prinzipiell Staat, Land, Postleitzahl eines Nutzers benennen können.
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Möglich ist dies anhand der IP-Adresse. Durch diese lange Zahlenfolge ist jeder Computer im Netz lokalisierbar. In den frühen Tagen des Netzes wurden IP-Adressen recht unsystematisch von der IANA (Internet Assigned Numbers Authority) verteilt. So sind die mit 192 beginnenden Nummern über den ganzen Globus verstreut und dementsprechend jetzt nur schwer zu orten. Heute werden ganze Blöcke von IP-Adressen an drei Unterorganisationen RIPE NCC für Europa und Afrika, ARIN für Nord- und Südamerika und APNIC für Asien und den Pazifikraum verteilt. Die wiederum weisen die Adressen blockweise Internetprovidern zu. Welcher Provider welche Adressblöcke hat, ist aus öffentlich zugänglichen Quellen wie den Whois-Abfrageformularen auf den Seiten von APNIC, RIPE NCC und ARIN zu erfahren. So hat Quova auch seine Datenbank erstellt: Etwa 4,2 Milliarden IP-Adressen gibt es heute - wie viele das Unternehmen erfasst hat, ist nicht bekannt.
Infosplit hingegen demonstriert seine Technik heute schon. Auf den Internetseiten des Unternehmens wird der Standort des Surfers recht genau bestimmt. Außer bei AOL. Bei diesem Online-Dienst hat auch Quova eingestanden, den genauen Standort der Nutzer nicht bestimmen zu können. AOL sendet alle Anfragen nach Internetseiten erst an Server in den USA, bevor sie dort IP-Adressen erhalten und ins Netz gehen.
Wie leistungsfähig Filtertechnik ist, kann man auf den Auktionsseiten von ebay.com testen - uns zwar sowohl mit AOL als auch anderen deutschen Providern. Wer sich aus Deutschland die Auktion "20 ORIGINAL HIMMLER 5X7" PHOTOS,NEVER PUBLISH" ansehen will, erhält die Mitteilung:
"Dear User:
Unfortunately, access to this particular category or item has been blocked due to legal restrictions in your home country. Based on our discussions with concerned government agencies and eBay community members, we have taken these steps to reduce the chance of inappropriate items being displayed. Regrettably, in some cases this policy may prevent users from accessing items that do not violate the law."
Und tatsächlich werden für Nutzer aus Deutschland auch legale Nachrichtenfotos der Agentur AP (1941 AP Photo Hitler) blockiert.
Welche Technik eBay einsetzt, was und seit wann blockiert wird, ist nicht zu erfahren. Auf die Bitte um eine Stellungnahme hat bis zur Veröffentlichung dieses Artikels kein Vertreter der Firma reagiert.
Die Folgen solcher Filtermaßnahmen sind absehbar. "Wenn es technisch möglich ist, den Zugang für bestimmte Staaten einzuschränken, ist die globale Reichweite des Internets gefährdet", sagt Andrew Shen vom Electronic Privacy Information Center (EPIC). Bald dürften Internet-Nutzer die Nachteile kapitalistischer und autoritärer Staaten genießen: Zensur und Werbung. Denn Unternehmen wie DoubleClick haben bereits Interesse an noch zielgruppenspezifischer Werbemaßnahmen durch geografische Filter bekundet.
Auf die Idee, über einige wenige internationale Standards für Inhalte (zum Beispiel die Ablehnung der oft zitierten Kinderpornographie) zu verhandeln, ist hingegen noch niemand gekommen. Klar: Dann wäre Zensur ja wohlmöglich unnötig und der Nutzer könnte selbst entscheiden.
http://www.heise.de/tp/artikel/4/4349/1.html- KEIN FUSSBREIT DEN FASCHISSTEN! [ohne Text] (8.12.2000 7:55)
- eBay getestet (5.12.2000 14:31)
- tja... (4.12.2000 15:11)
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