Retrocomputing in der Tanzmusik
Micromusic macht "low tech music for high tech people"
Samstag abend in der Lounge des Berliner Clubs WMF. Auf der Bühne, auf der normalerweise DJs ihre Plattenteller drehen, stehen zwei Männer und zwei Frauen hinter einer Batterie aus Laptops und hacken auf den Tastaturen herum oder klicken mit der Maus. Ein paar Leute versuchen, zu den die Beine verknotenden Tracks zu tanzen. Auf den Monitoren und der Videoprojektion an den Wänden der Bar flackern holprige Animationen, die aussehen, als stammten sie aus der Frühzeit des PCs. Erinnerungen an alte Computerspiele für den Commodore 64 oder alte Atari-Konsolen kommen auf, während bewegte Bilder in schriller 16-Farben-Ästhetik hin und her wackeln. War das da gerade eine wandelnde Pac-Man-Pizza, die über den Bildschirm gehopst gekommen ist? Immer wieder fährt ein Schriftzug zwischen den hüpfenden Männchen und Icons hin und her, auf und ab: micromusic.net.
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Die Website www.micromusic.net, seit gut einem Jahr am Netz, ist zu einem Treffpunkt für alle diejenigen geworden, die alte Computer und neue Tanzmusik mögen. Gegründet in der Schweiz von dem ehemaligen etoy-Mitglied Carl, der schon für die Netzkunstgruppe kleine Songs in klapperigem MIDI-Sound komponiert hatte, ist sie zu einer Ressource für Musik geworden, die klingt, als würde man mit einem alten Spaceinvaders-Spiel neue Drum&Bass-Musik komponieren. Die Tracks, die sich auf der Website von Micromusic finden, werden mit historischen Rechnern gemacht oder klingen zumindest so, als kämen sie von Computern aus der digitalen Steinzeit, aber sie orientieren sich am aktuellen Dancefloor. Das Motto der Website: "Low Tech Music for High Tech People".
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Einen Namen hat das seltsame, neue Genre bisher nicht. Miromusic-Gründer Carl sagt:
"Mir gefällt der Ausdruck Webscreen-Musik am besten. Wir finden, dass man zu unserer Musik gut im Internet surfen kann. Viele Leute, die ihre Tracks auf Micromusic veröffentlichen, komponieren mit dem Gameboy. Andere benutzen alte Computer wie zum Beispiel den historischen Atari. Ich selbst bin schwer verliebt in Retro-Computergameklänge, also diese typischen Sounds alter Computerspiele."
Seit einem Jahr laden Hobbymusiker aus der ganzen Welt ihre ungewöhnlichen Kinderzimmer-Produktionen auf den Micromusic-Server in der Schweiz. In den letzten Monaten haben auch bekannte Musiker die Website entdeckt. Zwischen den Kompositionen von Unbekannten gibt es neuerdings auch Material von erfolgreichen Computermusikern wie Lektrogirl. Mit dem Auftritt in Berlin wollen Micromusic ihre erste, demnächst erhältliche CD vorstellen, die sie aus den Tracks auf ihrer Website zusammengestellt haben.
Micromusic treten zu einem Zeitpunkt an die Öffentlichkeit, zu dem die ersten Personal Computer langsam zum Gegenstand einer neuen Art von Nostalgie werden. Beim Internet-Auktionshaus werden alte Rechner wie der VC 64, der MacClassic oder der Atari 1040 ST, Spielkonsolen wie Intellivision oder Vectrex zu immer weiter steigenden Preisen angeboten; auf Abandonware-Seiten können alte Spiele für antiquierte Computer heruntergeladen werden; und von vielen historischen Programmen werden inzwischen im Netz Emulatoren angeboten, mit denen sie auf neueren Betriebssystemen wie Windows 2000 benutzt werden können. Auch alte Spiele von Firmen wie Williams werden heute wieder auf CD-Rom veröffentlicht.
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Auch Carl von Micromusic gibt gerne zu, dass er zu denjenigen Computerusern gehört, die bereits in ihrer Jugend am Rechner gesessen haben:
"Wir haben schon als Teenager mit den Geräten, die uns zur Verfügung standen, gearbeitet. Ich kann mich daran erinnern, dass ich mich mit meinem Vater um den Fernseher streiten musste. Er wollte damit die Nachrichten sehen, ich brauchte ihn als Monitor, um auf meinem Computer Basic-Programme zu schreiben."
Die Leute, die bei Micromusic mitmachen, sind für ihn zum Teil alte Computerfreaks, deren einst exzentrisches Hobby inzwischen gesellschaftsfähig geworden ist:
"Früher musste man sich dafür verteidigen, wenn man sich mit Computern beschäftigt hat. Viele haben einen ausgelacht oder für merkwürdig gehalten. Darum ist die Computerszene, die eigentlich schon länger sehr groß ist, von der Öffentlichkeit nie so richtig wahrgenommen worden. Aber durch den Erfolg des Internets haben die Computerfreaks in den letzten Jahren ein gewisses Selbstvertrauen bekommen und zeigen sich jetzt öfter."
Die Tradition, in der Micromusic steht, ist die der Tracker. Diese damals weitgehend übersehene Jugendkultur lud in den 80er und frühen 90er Jahren eigene MIDI-Dateien, die nur mit spezieller Software gehört werden konnte, in Mailboxen; eine Kultur, die sich nur zum Teil ins WorldWideWeb übertragen hat. Doch schon lange vor MP3 und Napster war Musik für viele Kids die Killer-Application der Online-Kommunikation. Auf der Website von Micromusic wird diese Tradition wieder aufgenommen. Die Mitglieder müssen sich namentlich anmelden; und wie die Betreiber der alten Mailboxen ist man bei Micromusic darum bemüht, eine persönliche und halb private Atmosphäre aufzubauen. Dazu trägt auch die Möglichkeit bei, mit Usern, die gerade online sind, zu chatten, während man Musik hört oder hochlädt. Allerdings sind die Teilnahmebedingungen streng; Musik, die nach Ansicht der Betreiber nicht zum Sound von Micromusic passen, wird vom Server gelöscht.
Auf der Website finden sich auch Stücke, die in einem Club funktionieren könnten, obwohl - oder vielleicht gerade - weil ihr Sound so seltsam anachronistisch und holprig klingt.
"Es wird jetzt sehr oft nach Platten gefragt, weil DJs unsere Sachen in Clubs auflegen wollen. Und die Leute wollen uns live sehen. Damit müssen wir uns auseinander setzten. Wir wollen keine Tourneen um die Welt machen. Aber wir haben schon Anfragen aus New York gehabt. Vielleicht machen das ja Leute aus den USA, die an der Website mitarbeiten. Als Micromusic können auch Menschen auftreten, die wir noch nie gesehen haben."
Die Arbeitsatmosphäre bei Micromusic ist kooperativ, findet Carl:
"Das macht mich sehr glücklich, weil ich die Befürchtung hatte, dass das Internet total kommerzialisiert wird und die Leute online nur noch konsumieren wollen. Aber so schlimm ist es gar nicht. Diejenigen, die bei uns mitmachen, haben ihren Job. Da kommt Geld rein, aber sie wollen auch Sachen machen, die ihnen Spaß bereiten. Von denen lebt Micromusic. Für die ist das eine Art Sport oder eine Möglichkeit sich zu entspannen. Im Augenblick macht das niemand als Vollzeitjob."
Carl selbst hat den Verdienst aus einigen großen Aufträgen von Multimedia- und Internet-Firmen in den Aufbau von Micromusic investiert. Die komplexe Datenbank und die anderen Funktionen der Website hat er selbst programmiert, zum Teil auf der Basis von Freier Software.
Für ihn ist die Arbeit mit digitaler Musik eine Methode, sich mit der Ästhetik des Computers auseinanderzusetzen. Computerspiele sind seiner Ansicht nach genauso wie Computermusik "ein Kampf mit der Maschine, damit sie das macht, was man will. Wir haben versucht, diesen Aspekt bei Micromusic umzusetzen. Wie bei einem Computerspiel muss man zuerst ein gewisses Level erreichen, um an gute Stücke heranzukommen. Bei Micromusic geht es um die Faszination mit Musik und der Bildschirmästhetik des Computers." Wer sich nicht an dem Wettstreit der PC-Komponisten beteiligen will, kann Micromusic allerdings auch wie einen Netzradio-Sender hören. Wer die Homepage ansurft und sich nicht weiter klickt, hört nach einem Zufallsprinzip ausgewählte Tracks aus der Datenbank des Micromusic-Servers; allerdings braucht man dafür Flash und den sid-Plug-In.
So weit, wie man meinen könnte, wollen sich Micromusic allerdings gar nicht vom Mainstream der Popmusik entfernen. Carl sagt zwar über seinen eigenen Musikgeschmack:
"Mir selbst gefallen bei Micromusic diese kleinen, lärmigen sinnlosen Tracks am besten, die nicht tanzbar sind." Aber er sieht auch in den Charts verwandte Geister am Werk: "Die Vengaboys haben auch diese billigen Synthesizerklänge und Computerspiel-Melodien. Die sind in punkto Ästhetik gar nicht so weit von uns entfernt."
- Ich kann's nich mehr hoeren!!! (23.1.2001 22:24)
- boa ! (8.12.2000 1:02)
- und die ewige Kleinschreibe hatten wir auch schon! (7.12.2000 14:20)
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