Das IOC mag das Internet nicht
Wenn nicht regionale Grenzen im Internet gezogen werden können, bleibt das Netz bei Live-Übertragungen von Olympischen Spielen bis 2008 ausgesperrt
Das Internationale Olympische Komitee (IOC) steht in Gefahr, mit der von ihm verfolgten Politik der Übertragungsrechte in ähnliche Schwierigkeiten zu geraten, wie dies bei der Musikindustrie der Fall war. Schon bei den Olympischen Spielen in Sydney wurde das Internet - und wurden die Internetjournalisten - mehr oder weniger ausgesperrt. Audio- und Videoaufzeichnungen durften nicht live gesendet werden, von NBC, der sich die meisten Rechte für über 700 Millionen Dollar gesichert hatte, wurden sie erst mit einer Verspätung von 15 Stunden im Internet übertragen. Dieser Ausschluss des Internet soll jetzt bis zum Jahr 2008 Geltung haben.
Auf der gerade in Lausanne stattfindenden zweitätigen Tagung über neue Medien hat der demnächst von seinem Amt als Präsident zurücktretende Juan Samaranch für den Aufbruch plädiert: "Die Welt verändert sich, der Sport verändert sich, das Internet ist wichtig für die Zukunft des Sports." Mit der Zukunft will sich der IOC aber noch Zeit lassen und sitzt den Erfolg von Sydney erst einmal aus. Dick Pound, der Marketing-Leiter des IOC und wahrscheinliche Nachfolger von Samaranch, hat die in Sydney praktizierte Politik noch einmal bestätigt: "Für die Spiele in den Jahren 2004, 2006 und 2008 sind die Sende- und Internetrechte an bestimmte Fernsehgesellschaften in bestimmten Ländern vergeben worden." Solange Anbieter nicht garantieren können, dass die Übertragungen im Internet nur innerhalb eines bestimmten geografischen Raums empfangen werden können, werde man bei dieser restriktiven Haltung bleiben und schauen, wie sich die Dinge in Zukunft entwickeln.Zupass scheint dem IOC zu kommen, dass zwar die mit dem Sponsor IBM eingerichtete offizielle Internetsite www.olympics.com während der Spiele in Sydney über 11 Milliarden Hits zu verzeichnen hatte, dass aber insgesamt das Internet weder wirtschaftlich noch medial eine Bedrohung oder eine Bedeutung dargestellt habe. Nach den Spielen betonte Pound, man sei einem Internet-Hype verfallen gewesen. Es dauere noch lange, bis es zum Fernsehen in Konkurrenz treten könne. Auch während der Tagung warnte er vor zu großen finanziellen Erwartungen. Aber nicht nur deswegen setzt das IOC weiterhin auf das überdies leichter kontrollierbare Massenmedium Fernsehen, sondern auch, weil es schlicht durch langfristige Verträge gebunden ist. Vor allem der amerikanische Fernsehsender NBC hat sich die Übertragungsrechte bis 2008 gesichert, wofür er die Rekordsumme von fast 800 Millionen Dollar zahlen wird, was sich aber als Bumerang erweisen könnte.
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Natürlich weiß niemand, wohin in den nächsten Jahren die Entwicklung laufen wird, weswegen solche Verträge über lange Zeitabschnitte einfach nicht mehr mit der schnelllebigen Entwicklung im technischen Sektor kompatibel sind. Pound versichert zwar, dass man noch nachverhandeln könne, da "ein Vertrag, der 1997 auf der Höhe der Zeit war, im Jahr 2008 vielleicht wie eine Höhlenmalerei" wirken kann - was vermutlich der Fall sein wird -, gleichwohl sagte er, dass er im Augenblick für Veränderungen keine Notwendigkeiten sieht. Aber das hatte die Musikindustrie erst einmal auch geglaubt ....
Mit der Einschränkung, dass Live-Sendungen nur so lange über das Internet verboten seien, so lange niemand garantieren könne, dass diese nur innerhalb des Sendegebiets zu empfangen sind, scheint das IOC nicht nur dem alten Medium, sondern auch der alten Raumordnung anzuhängen. Allerdings werden von vielen Seiten derzeit Wünsche laut, in das globale Medium Internet wieder Grenzen einzuziehen, die die territorialen Grenzen der staatlichen Geografie wiederspiegeln (Zensur und Werbung). Geht es den einen um die Durchsetzung des Verbots von rassistischen Inhalten oder von Kinderpornographie, so den anderen um die Zensur von kritischen Informationen. Nationales Recht im Internet zu realisieren, heißt, den Bürgern Zugang zu dem zu verwehren, das auf dem Staatsterritorium verboten, anderen Orts erlaubt ist oder auch nur geduldet wird. Neben den ganz unterschiedlichen Interessen der Staaten treten die der Wirtschaft. So hat die unter Druck stehende Musikindustrie bereits ein sogenannten Rights Protection System geschaffen (Werkeln an der Zollstation), das eigentlich nichts anderes ist als ein Filtersystem, um den Zugang von einem Land zu unerwünschten Seiten zu unterbinden.
Wie beim französischen Prozess gegen Yahoo breit diskutiert und von Experten vorgetragen wurde, lassen sich nationale Zugangssperren, die aufgrund der Identifizierung der IP-Nummern arbeiten, bislang nur unvollständig verwirklichen. Zwischen 10 und 20 Prozent der Internetbenutzer würden nicht erfasst werden, weil sie beispielsweise bei AOL sind - die Einführung von nationalen Sperren könnte dem Provider einerseits neuen Aufschwung geben, andererseits würde aber auch der Druck wachsen, feste und lokalisierbare IP-Nummern an die Kunden zu vergeben. Relativ leicht zu umgehen, wären solche nationalen Kontrollen, die etwa von eBay schon eingesetzt werden, um beispielsweise Deutschen den Zugang zu Nazi-Gegenständen auf den Auktionsseiten zu verwehren.
Möglicherweise könnte die Kongruenz von Fernsehen und Internet dem national aufgespalteten Netz eine durchsetzbare Lösung anbieten, wenn der Zugang über das Kabel geschieht. Und eben darauf scheinen die ans Fernsehen gewöhnten und von diesem durch immer höhere Gewinne durch Vermarktungsrechte verwöhnten IOC-Vertreter auch zu setzen.
Allerdings wurden während der Tagung auch warnende Stimmen laut. So kritisierte Philip Melchior von der Nachrichtenagentur Reuters, dass es nicht die Aufgabe des IOC sei zu kontrollieren, wie die Menschen auf das zugreifen, was sie sehen wollen. Die Aufteilung der Rechte könne auch zu weit gehen. Auch wenn das in Sydney noch funktioniert habe, sei das keine Garantie für die Zukunft. Neil Bradford von Forrester Research verwies auf den Konflikt, der zwischen Tauschbörsen wie Napster und der Musikindustrie entstanden ist: "Alle Geschäftsmodelle, die auf der Kontrolle der Inhalte basieren, sind dem Untergang geweiht." Überdies hätten die Menschen wegen MP3 mehr CDs gekauft. Man müsse mit der Technik, nicht gegen sie arbeiten. Viele Menschen, die die Spiele im Fernsehen verfolgt haben, hätten auch das Internet benutzt, um sich weitere Informationen zu holen. Und Phil Dwyer von Jupiter Research Europe meinte, dass sich das letztendlich nicht kontrollieren ließe, weswegen das IOC Fernseh- und Internetrechte getrennt vergeben solle. Überdies seien Live-Übertragungen im Internet mit streamed Video keine wirkliche Konkurrenz zum Fernsehen.
http://www.heise.de/tp/artikel/4/4403/1.html- olympische spiele? (8.1.2001 11:05)
- was passiert denn.. (5.12.2000 12:47)
- Ich mag das IOC nicht! (5.12.2000 11:51)
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