Am deutschen Wesen soll das Internet genesen
Wenn es unsere Jugendschützer nicht schon gebe, man müsste sie sofort erfinden
Richtungweisend ist jedenfalls das, was Experten für Jugendschutz nun dem allein schon vom Titel her ehrwürdigem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend als Diskussionspapier vorgelegt haben sollen. Nach einem Bericht des Magazins für den Computer- und Videospielehandel MCV soll darin nämlich die Einführung von Zeitzonen im Internet vorgeschlagen worden sein. Was mittlerweile, wenn auch etwas halbherzig, von einer Ministeriums-Sprecherin bestätigt wurde.
Vorbild liefert das gute alte Fernsehen, wo bekanntlich vermeintlich jugendgefährdende Sendungen erst nach 22 Uhr ausgestrahlt werden dürfen. Was übrigens dazuführt, dass bei der kleinen Schwester dieses alten Mediums, dem digitalen TV, selbst 80-jährige Singles einen vierstelligen Code eingeben müssen, wenn sie einen Actionfilm, der ab 16 Jahren freigegeben wurde, vor 22 Uhr schauen möchten. Sonst bleibt der Bildschirm eben schwarz. Und wehe man vertippt sich bei der Eingabe der Zahlenfolge.Und schwarz sollen nun auch die PC-Monitore bleiben, wenn sich Jugendliche tagsüber auf Netzseiten klicken, die anstößiges Material enthalten. Technisch ist das sogar machbar, obwohl es für die Anbieter von Netzseiten und für die Provider, die den Internbetzugang ermöglichen, sehr aufwendig und die Kontrolle zudem sehr personalintensiv sein würde. Aber Arbeitslose, die dann massenhaft einen Job als Jugendschützer finden könnten, gibt es ja genügend.
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Doch einen entscheidenden Nachteil hat das Ganze leider: die Welt wird sich nämlich kaum nach unseren Jugendschutzbestimmungen und vor allem nicht nach unserer Uhrzeit richten. Und da die Welt inzwischen ja vernetzt ist, würde es gar nichts nutzen, wenn man im fernen Amerika nach deutschem Vorbild auch solche Zeitzonen einrichten würde. Denn dann könnten sich unsere Jugendliche am frühen Morgen das ausschließlich für Erwachsene gedachte Nacht-Netzangebot in den USA anschauen, und die Kids in den USA schauen deutschen Netz-Sex dann am frühen Nachmittag.
Daher sollten die Jugendschützer ihren Vorschlag lieber konsequent zu Ende denken und endlich ein ausschließlich nationales Internet fordern. Ein Netz, das sie richtig gut kontrollieren können. Die dazu notwendige Kontrolltechnologie könnte dann sogar zum Exportschlager werden für Länder wie China, Iran oder Irak. Und am deutschen Wesen würde mal wieder die Welt genesen.
http://www.heise.de/tp/artikel/4/4464/1.html- wo denn ? (17.12.2000 13:12)
- LOL - Super Artikel..... (14.12.2000 12:11)
- Wer anderen eine Grube gräbt... (13.12.2000 19:52)
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