Am deutschen Wesen soll das Internet genesen

Ernst Corinth 12.12.2000

Wenn es unsere Jugendschützer nicht schon gebe, man müsste sie sofort erfinden

Richtungweisend ist jedenfalls das, was Experten für Jugendschutz nun dem allein schon vom Titel her ehrwürdigem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend als Diskussionspapier vorgelegt haben sollen. Nach einem Bericht des Magazins für den Computer- und Videospielehandel MCV soll darin nämlich die Einführung von Zeitzonen im Internet vorgeschlagen worden sein. Was mittlerweile, wenn auch etwas halbherzig, von einer Ministeriums-Sprecherin bestätigt wurde.

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Vorbild liefert das gute alte Fernsehen, wo bekanntlich vermeintlich jugendgefährdende Sendungen erst nach 22 Uhr ausgestrahlt werden dürfen. Was übrigens dazuführt, dass bei der kleinen Schwester dieses alten Mediums, dem digitalen TV, selbst 80-jährige Singles einen vierstelligen Code eingeben müssen, wenn sie einen Actionfilm, der ab 16 Jahren freigegeben wurde, vor 22 Uhr schauen möchten. Sonst bleibt der Bildschirm eben schwarz. Und wehe man vertippt sich bei der Eingabe der Zahlenfolge.

Und schwarz sollen nun auch die PC-Monitore bleiben, wenn sich Jugendliche tagsüber auf Netzseiten klicken, die anstößiges Material enthalten. Technisch ist das sogar machbar, obwohl es für die Anbieter von Netzseiten und für die Provider, die den Internbetzugang ermöglichen, sehr aufwendig und die Kontrolle zudem sehr personalintensiv sein würde. Aber Arbeitslose, die dann massenhaft einen Job als Jugendschützer finden könnten, gibt es ja genügend.

Doch einen entscheidenden Nachteil hat das Ganze leider: die Welt wird sich nämlich kaum nach unseren Jugendschutzbestimmungen und vor allem nicht nach unserer Uhrzeit richten. Und da die Welt inzwischen ja vernetzt ist, würde es gar nichts nutzen, wenn man im fernen Amerika nach deutschem Vorbild auch solche Zeitzonen einrichten würde. Denn dann könnten sich unsere Jugendliche am frühen Morgen das ausschließlich für Erwachsene gedachte Nacht-Netzangebot in den USA anschauen, und die Kids in den USA schauen deutschen Netz-Sex dann am frühen Nachmittag.

Daher sollten die Jugendschützer ihren Vorschlag lieber konsequent zu Ende denken und endlich ein ausschließlich nationales Internet fordern. Ein Netz, das sie richtig gut kontrollieren können. Die dazu notwendige Kontrolltechnologie könnte dann sogar zum Exportschlager werden für Länder wie China, Iran oder Irak. Und am deutschen Wesen würde mal wieder die Welt genesen.

http://www.heise.de/tp/artikel/4/4464/1.html
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Von der Einführung nationaler Grenzen zu Zeitzonen

Florian Rötzer 12.12.2000

Wenn es um die Kontrolle geht, werden Politiker kreativ

Offenbar besteht die Phantasie der Politiker gegenwärtig vornehmlich darin, die Freiheit im Netz möglichst schnell aus den unterschiedlichsten Motiven heraus zu beenden. Die virtuelle Welt des bislang grenzenlosen Cyberspace, die erst die Faszination ausgelöst hat, auf die sich der ECommerce stützt, soll nicht nur den Regeln der wirklichen Welt mit ihrer territorialen Gliederung wieder angepasst werden, was in einem seltsamen Widerstand gegenüber der wirtschaftlich verfolgten Globalisierung steht, sondern eigentlich soll die virtuelle Welt noch besser kontrolliert werden, als dies in der wirklichen Welt möglich ist. Jetzt denken die deutschen Politiker mit ihrer sprichwörtlichen Regelungskreativität auch noch über die Einführung von Zeitzonen im Cyberspace nach.

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