Amerika Online 17

13.12.2000

Geschichte erfinden: Eine Reihe von Fragezeichen

Mark Amerika beendet seine Kolumne Amerika-Online in Telepolis mit einem fiktiven Interview zwischen sich selbst und seinem idealen Leser.

Was war Netzkunst ?

Mark Amerika: Das ist keine leichte Frage. Als ich damit begann, meine Kolumne Amerika On-line zu schreiben, sowohl für Telepolis als auch meine eigene Site www.altx.com/amerika.online, da hoffte ich, dass ich zumindest die Anfänge eines Vokabulars verorten könnte, mit dem sich die gerade auftauchenden Formen der Internet-Kunst artikulieren ließen. In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre war die Szene sehr lebendig und eine gemeinsame Rhetorik, die Ideen aus Literatur, Architektur, Kunst, Konzeptkunst und sogar Graffiti miteinbezog, erforderte es von uns, es radikal neu zu denken, was es hieß, als Künstler in einer vernetzten Kultur zu leben. Es gab weltreisende Konzept-Charaktere, nomadische Markennamen, interventionistische Strategien, etc.. Es gab spontane Überschneidungen von Ideen. Man konnte z.B. alle möglichen wilden Energien und Ideen auf internationalen Kunst- und Literaturfestivals aufschnappen, auf Mailinglisten, Websites usw.. Es war eine Ära.

Aber eine sehr kurzlebige Ära?

Mark Amerika: Ja, aber die Dinge verändern sich heute sehr schnell und man muss bereit sein, jederzeit den Kurs zu wechseln und die Strategie neu auszurichten. Ich finde es besonders interessant, inwiefern Netzkünstler eigentlich einen Vorsprung dabei hatten, erste Spuren in der Elektrosphäre zu hinterlassen, während die Dot-Coms erst später die Bühne betraten. Und dann starb die Netzkunst noch vor dem Crash der Dot-Coms. Wird es ein Revival der Netzkunst geben? Wird dieses zu einem nachhaltigen Börsenhoch der Dot-Coms führen? Wahrscheinlich nicht.

Warum?

Mark Amerika: Weil es unmöglich ist, auf diesem Markt die Einnahmen zu erzielen, um die horrenden P/E-Ratios (Price/Earning) zu rechtfertigen. Die P/E-Ratios bei Netzkunst waren noch außerirdischer als bei den Dot-Coms. Allerdings müsste man bei Netzkunst und manchen avantgardistischen Unternehmungen von einer A/E-Ratio sprechen.

A zu E Ratio? Art/Entertainment?

Mark Amerika: Nein, Aufmerksamkeit/Gewinn-Verhältnis. Das bedeutet, es gab Künstler, die das Internet sehr schlau benutzt haben, um unverhältnismäßig viel Aufmerksamkeit auf ihre Netzkunst-Sites zu lenken, damit zu Markennamen und "Kunst-Stars" wurden, obwohl sie keinen Pfennig dabei verdienten. Ihre Bilanzen sahen am Ende fürchterlich aus. Wer möchte sich in so einen Lebensstil einkaufen?

Wie konnten sie also überleben?

Mark Amerika: Nun, das hing davon ab, wo man sein Hauptquartier hatte. Wenn man sich in den USA befand, dann stehen die Chancen hoch, dass man nun in der New Economy arbeitet und viel Kohle damit verdient, das Netzkunst-Wissen in die Design- und Strategieabteilung eines wichtigen Startups zu transferieren. So etwas gab es in Europa zwar auch, doch gab es dort auch adäquate öffentliche Förderungen, um zumindest gezielt bestimmte Netzwerke am Leben zu erhalten - und teilweise existieren diese öffentlich geförderten Netzwerke noch immer. Natürlich gibt es auch ganz viele so genannte Künstler, die Geld im Hintergrund haben, bei denen also Papa und Mama helfen, dass nichts schiefgeht. Und nun, da Netzkunst ein Ding der Vergangenheit wird, ist auch zu beobachten, wie einige von uns Professoren für Internet-Kunst werden.

Jetzt beginnt also die Historisierung?

Mark Amerika: Ja, Historisierung und Mythologisierung, das sind die Bereiche, in denen man die faszinierendsten Arbeiten sehen wird. Nicht so sehr in dem Sinne, dass "Netzkunst nun kanonisiert und in die Annalen der Kunstgeschichte eingehen wird", sondern eher mittels neuer Formen vernetzter Kollaborationen, die es sich zum Ausgangspunkt machen, dass Netzkunst in einer Art und Weise rekonfiguriert werden kann, dass sie zu einer Lebenspraxis wird, die "Geschichte macht" oder eine, wie im Falle der Rollenspiel-Performances, die von manchen Künstlern selbst verkörpert werden, die tatsächlich "Geschichte erfinden" kann. Das ist übrigens etwas, was ich zum Bestandteil des Lehrplanes für neue digitale Medienkunst machen werde, den ich an der Universität von Colorado gerade entwickle.

Wie kommt das denn?

Mark Amerika: Im nächsten Semester werde ich in einem neuen Seminar unterrichten, das sich "Histories of Internet Art: Fictions and Factions" nennt, und dabei werden wir eine Mischung aus Online-Ausstellung und -Studie schaffen, welche die Frage stellt, "Was war Internet-Kunst?". Die Ausstellung wird ein einzigartiges Web-Interface haben, das Online-Werke sowohl von international bekannten als auch von ganz jungen Künstlern vorstellt, mit Interviews mit diesen Künstlern, Hintergrund-Essays prominenter Medientheoretiker, welche die Frühgeschichte der Netzkunst beschreiben, ein Cluster von Künstler-Statements über die letzten 6 Jahre ihrer Praxis, eine automatisierte "People's History of Internet Art", bei der Besucher der Site ihre eigene Version der Geschichte der I-Kunst schreiben können (100 Worte oder weniger) und, idealerweise, einige neue I-Kunst-Arbeiten, die vom Alt-X-Netzwerk in Auftrag gegeben werden und zum Thema der Ausstellung passen.

Kannst du uns noch mehr über das Seminar und die Ausstellung "Histories of Internet Art" erzählen?

Mark Amerika: Das Thema der Ausstellung handelt von einem pulralistischen Zugang zur Erfindung von Kunstgeschichte und wird versuchen, eine alternative Perspektive darauf zu entwickeln, wie neu entstehende künstlerische Arbeiten, die spezifisch für das Internet entwickelt wurden, "Geschichte machen" oder sogar, wie ich bereits gesagt habe, "Geschichte erfinden". Hier können wir sehen wie das Fließende in der historischen Verarbeitung in digital vernetzten Kulturen die Entwicklung sowohl historischer Fiktionen als auch Faktionen ermöglicht. Wer entscheidet, welches Kunstwerk und welcher Künstler historisch signifikant ist? Sehr oft übernehmen Institutionen und Kuratoren diese Rolle. Doch in der Welt der Internet-Kunst hat sich das verändert und es sind die Künstler selbst, die ihre Internet-verwobenen Geschichten erfunden haben, sowohl indem sie sich mit verteilten Netzwerk-Communities zusammengetan haben (Faktionen), als auch indem sie Guerrilla-Marketing-Strategien benutzen, welche die gesamte Idee der Kunstgeschichte in Frage stellen (Fiktionen).

Ein exzellentes Beispiel dafür ist Natalie Bookchins Einführung in Netzkunst 1994 bis 1999, das wir für unsere Forschungszwecke in Colorado eine historische "Fiktion" nennen könnten - oder vielleicht eher eine Metafiktion -, während sich ihre Open-Source-Netzkunst-Story "Power of The Line" eher wie eine historische "Faktion" liest. Wir wollen untersuchen, wie sich diese multiplen Methoden und Neuinterpretationen der Geschichte der Netzkunst jeweils zu sich selbst und zueinander verhalten.

Mir scheint, ich habe hier ein großes Problem damit, dass ich, mit dem was du hier sagst, eine ganze Anzahl widersprüchlicher Signale auffange. Einerseits sagst du, Netzkunst ist ein Ding der Vergangenheit. Ich denke, du wirst nicht viel Widerspruch von deinen Kollegen erhalten, die in den letzten ein, zwei Jahren die Ära der überfließenden kulturellen Produktion und Intervention dahinschwinden sahen. Doch aus dem anderen Mundwinkel heraus scheinst du auch zu sagen, dass es noch immer sehr viel mehr Arbeit zu tun gibt, dass die Geschichte selbst im Begriff ist, "gemacht" zu werden, und dass das eigentlich der Inbegriff der Netzkunst ist - eine Geschichte-im-Begriff-gemacht-zu-werden und als solche ein prozessorientiertes Work-in-progress, das auch auf nützlichere Lebenspraktiken angewandt werden kann. Wie kannst du die Frage stellen, was Netzkunst "war", wenn du ihr immer noch soviel Potential gibst, unser Alltagsleben zu beeinflussen?

Mark Amerika: Ja, das ist schon irgendwie widersprüchlich. Aber ich kann mit diesen Widersprüchen leben. Und das sogar in einer Art, dass diese meine Lebenspraxis zu noch mehr vernetzter kultureller Produktion antreiben. Indem wir fragen, was "war" Netzkunst, flüstern wir gleichzeitig die Frage, "gibt es ein Leben nach der Netzkunst?", und, wenn ja, wie sieht dieses aus?

Soll ich diese Frage beantworten?

Mark Amerika: Klar, wenn du möchtest. Ich stelle auch gerne Fragen.

Nun, ich denke das ist ein Nicht-Thema.

Mark Amerika: Warum?

Weil das wirklich nur von dir und deinen Netzkunst-Kollegen beantwortet werden kann. Für alle anderen gab es sowieso immer ein Leben, ein Parallelleben im Verbund mit unseren alltäglichen Verrichtungen. Wir brauchen uns nicht den Kopf darüber zu zerbrechen, ob es "ein Leben nach der Netzkunst gibt", weil es gar nie die Frage war, ob es ein Leben vor, während oder nach der Netzkunst gab. Was möchtest du uns eigentlich wirklich sagen?

Mark Amerika: Ich möchte überhaupt nichts sagen. Ich will etwas tun. Der größere Teil meines Lebens ist diktiert von meiner Was-muss-ich-noch-tun-Liste. Möchtest du meine derzeitige Liste sehen?

Okay.

Mark Amerika: Hier ist sie.

1) eine neue Theorie erfinden
2) die neue Theorie in einen konzeptuellen Kunst-Charakter transformieren und diesem einen diakritischen Namen geben
3) eine pseudo-autobiographische Fiktion rund um den Konzeptcharakter aufbauen
4) andere theoretisch aufgeladene Konzept-Charaktere schaffen und ihnen ebenfalls diakritische Namen geben
5) diese Konzept-Charaktere in einer pseudo-autobiographischen Fiktion zusammentreffen lassen und so ein Netzwerk der Diskurse schaffen, wobei sie ihre eigenen Verhaltensweisen erzeugen, indem sie sagen, was sie meinen, und meinen, was sie sagen
6) während sich dieses "Theorie-Theater" ereignet, Notizen über die sich entwickelnden Formen von Hyperrhetorik machen, die aus den folgenden Diskursen entstehen und sie wieder zu späteren "Schreib-Szenen" zurückzuführen
7) diese "Schreibszenen" in post-pädagogische Performances verwandeln
8) die post-pädagogischen Performances als neue Formen von Internet-Kunst rekonfigurieren.

Sieht aus wie das Arbeitsprogramm eines Seminars

Mark Amerika: Es ist ein Anfang.

Es sieht auch ganz so aus, als ob du deine Praxis erneut rekonfigurieren müsstest.

Mark Amerika: Ja, das stimmt.

Bedeutet das, dass es keine Telepolis-Kolumnen von dir mehr geben wird?

Mark Amerika: Leider ja, die Zeit ist gekommen, meine Rhetorik und meine Design-Strategien zu verändern,

Design-Strategie?

Mark Amerika: Wie Flusser sagte, "als ein Verb kann 'to design' bedeuten 'etwas gestalten', 'simulieren', 'skizzieren', 'zeichnen', 'formen', 'etwas im Sinn haben'". In meiner letzten Kolumne bezog ich mich auf meine neue Strategie "Design-Schreiben". Ich lasse den Essay im Kolumnenstil nun hinter mir und möchte mich an lebendigeren Formen des Ausdrucks versuchen. Einige der Ergebnisse werden vielleicht sogar hier in Telepolis erscheinen. Außderdem bin ich, wie einige meiner Kollegen, im Begriff meine Praxis zu hybridisieren, so dass es noch mehr Offline-Online-Interaktion geben wird. In unmittelbarer Zukunft werde ich eine CD machen, eine Konzeptkunsterzählung als MP3, eine Serie von Performances, deren Premiere am Osterfestival in Luzern sein wird, sowie einen Versuch, die Anstrengungen der Medienindustrie zur Quantifizierung der E-Bücher zum Explodieren zu bringen.

Möchtest du noch etwas sagen, befor deine letzte AOL-Kolumne in Telepolis nun endet?

Mark Amerika: Ja, nur um das noch näher auszuführen - mein Redakteur Armin Medosch war ein Mitreisender auf dieser Erkundung. Obwohl er nicht immer mit meinem Denken oder meiner Rhetorik übereinstimmte, war er, wie jeder gute Redakteur, gewillt, mich sagen zu lassen, was ich zu sagen hatte - auch wenn ich manches immer wieder gesagt habe, bis hin zum Punkt der sinnlosen Wiederholung (was ich jedoch bewusst als Mittel eingesetzt habe, während ich dieses neue Konzept von Surf-Sample-Manipulate entwickelte).

Oh ja, Surf-Sample-Manipulate, was ist denn damit?

Mark Amerika: Nun, das ist das Thema das Osterfestivals in Luzern im April. Ich werde mit meinen neuen Sound-Koproduzenten da sein, Twine, wir werden eine semi-improvisierte Performance vorstellen, die zugleich ein Seminar ist. Ich möchte, dass meine Seminare mehr wie Multimedia-Performances sind und sie auch gelegentlich aus dem Universitäts-Kontext herauslösen und sie unterwegs, im Club, bei Festivals remixen.

Es gibt also doch Leben nacht der Netzkunst?

Mark Amerika: Wir werden sehen.

Mark Amerika ist der Gründer von Alt-X, einer der ältesten überlebenden Netzkunst-Sites.

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