Die Identitätskrise des postmodernen Krieges und der eWar

Chris Hables Gray 17.01.2001

Historisches, modernes und postmodernes Kriegswesen: eine politisch-technologische Entwicklungsgeschichte

Das postmoderne Kriegssystem entwickelt sich seit mehr als einem halben Jahrhundert. Die ihm innewohnenden Paradoxien haben sich in dieser Zeit noch verschärft, weil sie technologisch oder gar militärisch nicht gelöst werden können. Die kontinuierliche und starke Vermehrung von Waffen, die angeblich neuen Konfliktsituationen wie "Infowar" und die zunehmende Wichtigkeit von friedenserhaltenden und friedensschaffenden Missionen unterstreichen nur die Instabilität der postmodernen Kriegsführung. Um die noch auf uns zukommenden Methoden der Kriegsführung ausloten zu können, ist es notwendig, diese und andere Entwicklungen in ihrem historischen, politischen und technologischen Kontext zu begreifen. Bei der Analyse muss neue Informationstheorie ebenso wie altmodischer gesunder Menschenverstand eingesetzt werden. Es scheint extrem wahrscheinlich, dass der zukünftige "eWar" vollkommen anders als die historische, die moderne, und auch die postmoderne Kriegsführung sein wird. Er wird entweder apokalyptisch oder utopisch, aber sicherlich nicht beides.

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Am 20.Januar 2000 wurde Sergeant Major Philip Stoniger als letzter vom U.S. Militärstützpunkt auf Haiti zurückgezogen. Seit dem Einmarsch von 1994, der die gewählte Regierung von Präsident Jean-Bertrand Aristide stützen sollte, war das US-Militär in Haiti konstant präsent. Mit der Abreise von Stoniger hat sich das geändert, obwohl humanitäre Aktionen weitergehen werden.

Sergeant Major Stoniger ist ein 42jähriges Mitglied der "Green Berets", einem Elitekommando. Sein Spezialgebiet ist Politikwissenschaft. Politikwissenschaft? Ist das jetzt ein militärisches Spezialgebiet? Für Sergeants? Das ist es in der Tat. Willkommen im postmodernen Krieg! Der Krieg ist nicht mehr ein Teil der Politik, heute ist die Politik oft ein Teil des Krieges. Es ist sogar noch komplizierter: Das Kriegswesen steckt in einer eklatanten Identitätskrise, die nur mit den Umbrüchen vergleichbar ist, die vor etwa dreitausend und dann wieder vor fünfhundert Jahren stattgefunden haben. Zunächst hatte sich der ursprüngliche Krieg in einen rituellen (primitiven) Krieg verwandelt, eine Entwicklung, die mit der Entstehung der Zivilisation einherging. Ein weiterer fundamentaler Umbruch hat dann zum modernen Krieg geführt.

Die kurze und schmutzige Geschichte ist die, dass der Krieg immer mehr zu einem rationalen politischen Instrument wurde und dabei seine Bedeutung als irrationales männliches Ritual, bei dem es um die nackte Gier nach Beute und Macht geht, immer mehr abnahm. Vor fünfhundert Jahren wurde dann die Tradition von der Technologie ersetzt und die Aristokratie wich der Leistungsgesellschaft. Der totale Krieg wurde zur Norm. Bis zum Zweiten Weltkrieg ging dieser Trend weiter, bis schließlich der Krieg global wurde, die Kämpfe kontinuierlich weitergingen und Waffen Absolutheitscharakter bekamen.

Mit der Atombombe als erstem Beweis wurde klar, dass die Grundprämisse der modernen Kriegführung, nämlich die Nützlichkeit des totalen Krieges, nicht mehr zu halten war. Dennoch bleibt das Gros des modernen Kriegssystems im Rennen: der militärisch-industrielle Komplex, die Mobilisierung der technischen Wissenschaft und die Annahme, dass der Krieg nach wie vor das effektivste politische Mittel sei, das die Politik einsetzen kann.

Der Aufstieg des modernen Krieges vor fünfhundert Jahren fiel zusammen mit der Gründung von Nationalstaaten, der Verbreitung des europäischen Kolonialismus und einem Triumph des Rationalismus, der in Wissenschaft und Technik seine feste Form fand. Diese Entwicklungen hingen alle zusammen. So nimmt es nicht wunder, dass die derzeitige Krise des postmodernen Krieges mit einem Kräfteverfall des Nationalstaates, dem Kollabieren des europäischen Kolonialismus und einer wachsenden Kritik am reduktionistischen Rationalismus einhergeht. In den letzten fünfzig Jahren zeichnet sich noch ein weiterer Wandel in der fundamentalen Natur des Krieges ab.

Gerade in dem Moment, als der Krieg sich zu einem dominierenden Konzept der industriellen Welt entwickelt hat, das unsere politischen Beziehungen und unsere Vorstellungen prägt (wie die massive militärische Aufrüstung während des Zweiten Weltkriegs gezeigt hat) wird dieses Konzept hinterfragt wie nie zuvor. Zum ersten Mal in der Geschichte - und möglicherweise auch zum ersten Mal überhaupt - wird die pure Existenz von Krieg von vielen Menschen nicht nur als unnötig empfunden, sondern sogar als eine direkte Bedrohung des menschlichen Überlebens. Und das mit gutem Grund.

Seit den späten Achtzigern habe ich dafür plädiert, die typische zeitgenössische Konfliktsituation als postmodernen Krieg zu bezeichnen. Mehr als ein Jahrzehnt später erkennen wir langsam die Auswirkungen dieser neuen Situation. Der moderne Krieg steht vor dem Zusammenbruch, aber er ist noch nicht von der Bildfläche verschwunden. Die Widersprüche zwischen dem System des modernen Krieges und den Technologien, die ihn absurd gemacht haben, könnten schnell zu einem entsetzlichen Konflikt führen, bei dem nukleare und biologische Waffen eingesetzt werden. Gleichzeitig versucht eine ganz neue Form des Krieges (oder sogar des Friedens) Fuß zu fassen. Diese Periode des Übergangs kann meines Erachtens nach als "postmodern" bezeichnet werden. Aber was bedeutet das in politischen Zusammenhängen? Wenn die Apokalypse unser Schicksal ist, dann gibt es nichts mehr zu spekulieren. Wenn nicht, dann haben wir ein paar reale Möglichkeiten. Um diese ausloten zu können, muss zunächst der späte postmoderne Krieg 'en détail' analysiert werden.

Beginnen wir mit dem konkreten Problem der Massenvernichtungswaffen. Dann werde ich erklären, warum die Idee des Informationskrieges ein Mythos ist, da sie die vollständige Veränderung der militärischen Realitäten hinter Phrasen wie Friedensschaffung und Friedenserhaltung verbirgt. Schließlich werde ich den Gedankengang erläutern, der hinter einigen neueren Vorhersagen über die Zukunft des Krieges steht, Vorhersagen, die sowohl auf moderner Informationstheorie als auch auf gesundem Menschenverstand basieren. Mögliche Zukunftsszenarien werden aber trotzdem ersichtlich.

Massenvernichtungswaffen

Am fünfzehnten Tag waren die kleinen Verfärbungen auf Ustinovs Körper dunkelblau und seine Haut war dünn wie Pergament. Die Blutpfützen darunter begannen durchzusickern. Das Blut strömte aus seiner Nase, seinem Mund und seinen Genitalien. Es ist ein bestimmter, etwas rätselhafter Mechanismus, der bewirkt, dass der Virus normale Blutgerinnung verhindert. Wenn sich der Virus im Körper ausbreitet, beginnen die inneren Organe buchstäblich wegzuschmelzen.[1]

Nikolai Ustinov arbeitete in einem sibirischen Labor für Biowaffen das "Vector" hieß. 1988 injizierte er sich versehentlich den Marburg Virus in seinen Daumen. Sein grauenhafter Tod macht ihn zu einem treffenden Symbol für die Kraft der Massenvernichtungswaffen im 21. Jahrhundert.

Biologische Kriegführung ist nicht neu. Das Vergiften von Brunnen mit Leichen beispielweise ist eine alte Taktik, und vor Hunderten von Jahren gab man Indianern die Decken von Pockenopfern. Während des Zweiten Weltkrieges machten Japaner und Deutsche Menschenversuche mit Biowaffen und auch die Briten, Sowjets und Amerikaner forschten in diesem Bereich. Aber erst seit kurzem haben die Fortschritte in Biologie und Waffenplattformen die biologische Kriegführung potentiell sehr effektiv gemacht. Indem bereits existierende Erreger verändert werden und verschiedene Organismen miteinander kombiniert werden, können, insbesondere dank der Gentechnik, schon sehr bald Biowaffen entwickelt werden, die extrem wirksam sind, sich gezielt einsetzen lassen (sogar nach Rassen getrennt) und für die es kein "Gegengift" gibt.

Raketen, Spray- und Explosivtechnologien haben sich so sehr verbessert, dass die Beschaffung solcher Waffen immer einfacher wird. Der Molekularbiologe Keith Yamamoto und der Journalist Charles Piller wiesen vor über zehn Jahren (1988) darauf hin, dass die Gentechnik gründlich militarisiert wurde, dass die Defensive auch hier schnell zur Offensive werden kann. Sie kamen zu dem Schluss, dass der einzige Weg, um die Entwicklung und Verbreitung von Genwaffen zu verhindern, ein gemeinsam von Politik und Wissenschaft postulierter Aufschub sei. Das ist ein wichtiger Punkt auf den ich bei den abschließenden Bemerkungen zurückkommen werde.

Kriege zu verhindern, ist zu wichtig und auch zu schwierig, als dass man dies jetzt noch den Generälen und Politikern allein überlassen dürfte. Die Verbesserungen in der Technologie erklären die Rückkehr der chemischen Waffen. Kürzlich hat der Irak sie gegen rebellische Dörfer eingesetzt und es ist wahrscheinlich, dass ähnliches noch öfter passieren wird. Biologische und chemische Waffen werden oft "the poor-man's nukes", die "Atombombe des kleinen Mannes" genannt, und an dem Begriff ist etwas Wahres. Er verschleiert jedoch das destruktive Potential biologischer Waffen.

Eine einzige biologische Waffe kann Hunderte von Millionen Menschen umbringen, mehr als nukleare Waffen. Nukleare Waffen haben den Vorteil, dass sie im Krieg bereits eingesetzt wurden, sie sind ein akzeptiertes Element im Geflecht der internationalen Beziehungen. Deshalb ist die Anzahl der Nuklearwaffen auch immer größer geworden. Die Selbstüberschätzung der atomar gerüsteten Länder ("Wir haben Atombomben und ihr nicht!") hat bewirkt, dass der Atomsperrvertrag nicht wirklich etwas bringt. Lediglich technische und innerpolitische Probleme verzögern die Vermehrung von Atomwaffen, aber sie werden sie schwerlich stoppen. Jetzt, da Indien und Pakistan dem "nuklearen Club" beigetreten sind, ist es unvermeidlich, dass sich noch mehr moslemische und asiatische Länder Atomwaffen beschaffen werden, wenn das internationale System das gleiche bleibt. Es gibt keinen Grund, warum nukleare oder biologische Waffen nicht auch in einem regionalen Konflikt eingesetzt werden sollten.

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion, der Vermehrung von nuklearen Waffen und der wachsenden Verbesserungen ist die Gefahr groß, dass Massenvernichtungswaffen in die Hände von "non-state actors" gelangen. Wenn Nicht-Staaten sich die Handlungsbefugnisse von Staaten aneignen, dann wird das als Terrorismus bezeichnet, dabei stellten die Nationalstaaten selbst in den letzten hundert Jahren die wichtigsten Terroristen, wie die Regime von Hitler, Stalin und Pol Pot zeigen. Trotzdem ist es beunruhigend, dass Massenvernichtungswaffen in die Hände von terroristischen Gruppen gelangen können.

Walter Laqueur, einer der führenden Experten in Terrorismusfragen, machte seine Karriere mit der These, dass diese Gefahr überbewertet wird. Doch erst kürzlich hat er seinen Standpunkt grundlegend geändert. Vieles was wir bisher über Terrorismus wussten, muss neu überdacht werden. Das Wesen des Terrorismus wandelt sich, Beschränkungen, die es früher gab, heben sich auf und die Gefahr, die den Menschen droht, ist so groß wie noch nie. Angesichts des Misserfolgs des Atomsperrvertrages steht zu erwarten, dass ähnliche Arrangements bezüglich biologischer und chemischer Waffen ebenfalls scheitern werden.

Es ist sicher, dass auch die Nanotechnologie neue Massenvernichtungswaffen hervorbringen wird. Das liegt allerdings noch weit genug in der Zukunft, so dass wir noch etwa zehn Jahre warten können, bis wir anfangen müssen, uns darüber Sorgen zu machen. Unterdessen sehen Experten eine neue Form des Krieges auf uns zukommen, einen Krieg der angeblich auf Information basiert und leichte, vielleicht sogar unblutige Siege verspricht.

Mythos Infowar

Zwei Tage vor Weihnachten berichtete die BBC 1999, dass die revolutionären "Armed Forces of Columbia" (FARC), eine marxistische Guerilla Gruppe, für den Y2K gerüstet sei. Juan, FARCs Webmaster verkündete stolz, dass sie alle komplexen Datenbanken aufgerüstet hätten. Dank Satelliten und Laptops ist FARC selbst mitten im entlegensten Dschungel Camp "online". Das zeigt, warum es nicht zu leugnen ist, dass die intensive Nutzung von Computern das Wesen des Krieges verändert. Aber heißt das wirklich, dass ein ganz neuer Typus von Krieg, sei es ein Info-, Netz- oder Cyberkrieg geschaffen wurde?

Nein. Der Begriff Infowar entstand aus zwei miteinander zusammenhängenden Krisen. Da ist zunächst die Informationskrise. Der unglaubliche Machtzuwachs der Informationstechnologien verursacht zahlreiche ökonomische und politische Verschiebungen. Und dann ist da die gegenwärtige Krise in welcher der Krieg selbst sich befindet. Diese bejahrte Einrichtung hat den Punkt ihrer "reductio ad absurdum" erreicht, und zwar als direkte Folge aus der sogenannten "Info-Revolution", die Massenvernichtungswaffen (ob nuklear, biologisch oder chemisch) nicht nur möglich, sondern auch leicht zugänglich für viele Staaten und kleinere Institutionen gemacht hat. Ironischerweise war es die Globalisierung, die eine Überschwemmung mit Infowar-Theorien auslöste. In den 80er Jahren bemerkten zwei RAND Forscher, John Arquilla und David Ronfeldt, dass die mexikanische Zapatista-Bewegung das Internet benutzt, um - sehr effektiv - internationale Unterstützung zu gewinnen.

Sie verknüpften verschiedene Aspekte des postmodernen Krieges - die Zentralität von Information, das System der Weltkommunikation, die Behauptung, dass Politik mittlerweile selbst eine Form von Krieg sei, die schnelle Vermehrung von unerklärten Kriegen und Konflikten, die Ausbreitung des Krieges auf jedes nur erdenkliche Schlachtfeld - und verabsolutierten diese. Eine Zeitlang war der Infowar regelrecht "angesagt" und Rufe nach Kapital wurden laut, um sich auf diesen "neuen" Krieg vorzubereiten. Nun aber, da die Hysterie sich gelegt hat und das Kapital bereitgestellt wurde, wird der Infowar langsam in den zeitgenössischen Krieg integriert. Von der Vorstellung eines Krieges, der ausschließlich im Cyberspace stattfindet, hat man sich verabschiedet.

In den Vereinigten Staaten wurde das "Unified Space Command" mit den Operationen bezüglich des Infowar betraut, eine passende Wahl, da in mancher Hinsicht die Kontrolle des Cyberspace viel Ähnlichkeit mit der des Weltraumes hat, zumindest hinsichtlich ihres Verhältnisses zur traditionellen Auseinandersetzung. Der Cyberspace ist einfach nur eine neue Operationsfront. Das Pentagon selbst gab erst vor kurzem zu, wie sehr das zutrifft: Air Force General Richard Meyers, der neue stellvertretende Vorsitzende der "Joint Chiefs of Staff", sagte, dass Cybertaktiken lediglich "ein weiterer Pfeil im Köcher" der militärischen Befehlshaber sein werden. [2] Und oft werden sie nicht einmal eine besonders wichtig Waffe abgeben.

Im Herbst 1999 beispielsweise, während der Bombenangriffe auf Jugoslawien bedienten sich die Vereinigten Staaten offensiver "Cyber-Waffen". Da Army General Henry H. Shelton, Vorsitzender der "Joint Chiefs of Staff" nicht damit herausrücken wollte, um welche Waffen genau es sich handelte, kann man voraussetzen, dass verschiedene Viren eingesetzt wurden, um die jugoslawischen Kommando-, Kontroll- und Luftverteidigungssysteme zu schwächen und durcheinander zu bringen. [3]

Die eher gemischten Ergebnisse der serbischen Operationen zeigen, wie begrenzt Infowar-Operationen sein können. Außer einigen Hack-Attacken auf pro-serbische und pro-Kosovo Websites scheint es im jugoslawischen Feldzug nicht viel Neues gegeben zu haben. Das Alte war wichtiger. Da war der übertrieben selbstsichere Einsatz von Präzisionswaffen, der im Zerbomben der chinesischen Botschaft in Belgrad gipfelte.

Ausgegebener Kriegsgrund war der Frieden, es war Krieg als Politik. Die Kriminalisierung des Krieges ging weiter, ebenso wie die Internationalisierung von innenpolitischen Konflikten. Letztendlich standen die "alten" Formen - Vergewaltigung, Folter, und Mord im Dienst der ethnischen Säuberung - neben den neuen Hightech-Errungenschaften. Wir werden auf diese Elemente des postmodernen Krieges später zurückkommen, doch zunächst ist es notwendig, den Infowar in Bezug auf Informationstheorie abzuklopfen.

Informationstheorie in den Kinderschuhen

Eines der wenigen Dinge, die wir wissen, ist, dass es die perfekte Information nicht gibt und dass formale Informationssysteme unvermeidlich entweder Paradoxien aufweisen oder dass ihnen Grenzen gesetzt sind, oder beides. Kurt Gödel hat dies - angewendet auf die Mathematik - gezeigt, indem er das berühmte kretische Lügenparadoxon (Sagt ein Kreter die Wahrheit oder lügt er, wenn er behauptet: "Alle Kreter sind Lügner") in eine Gleichung umwandelte. Alan Turing and Alonzo Church haben gezeigt, dass dasselbe Prinzip auf einen unendlichen Rechner anwendbar ist. Und von den Physikern haben wir gelernt, dass der Beobachter das System beeinflusst (Heisenbergs Unschärferelation): Etwas zu wissen, heißt manchmal, dass man etwas anderes nicht wissen kann (etwa beim Verhalten von Elektronen). Aus der Kybernetik ergibt sich, dass ein Subsystem niemals das größere System, dessen Teil es ist, vollständig beschreiben kann, da eine Karte nicht mit dem Territorium gleichzusetzen ist.

Es gibt auch ein paar etwas konstruktivere Einsichten. Die Komplexitätstheorie hat gezeigt, dass sehr kleine Auslöser manchmal große Systeme verändern können (Schmetterlingseffekt), dass überlastete Systeme in komplexere Systeme übergehen können und dass sich gewisse Muster in Systemen auf verschiedenen Ebenen immer wiederholen. Für die Vorhersagbarkeit und Kontrollierbarkeit von Systemen heißt das vor allem eines: Viele komplexe Systeme sind "außer Kontrolle", sie können von außen nicht kontrolliert werden. Sie haben ihre eigene innere Dynamik und erreichen selbst ihre Homöostase, ihren Gleichgewichtszustand. Also kann auch der Krieg, ein sehr komplexes und cholerisches System nicht kontrolliert oder vorhergesagt werden. Und das trifft genauso auf den "realen" blutigen Krieg zu wie auf seinen Bruder, den virtuellen "Cyberkrieg" (als ob ein Krieg, der keine Menschenleben fordert überhaupt als solcher bezeichnet werden könnte). Die ersten Befürworter des Infowar sagten: "Sieh dich um, es ist kein schöner altmodischer Krieg in Sicht." [4]

In Sicht sind jedoch jede Menge Konflikte. Trotz einiger entsetzlicher Genozide und ethnischer Säuberungen, wird Krieg - in bester postmoderner Tradition - heute zumeist im Namen des Friedens erklärt.

Friedenserhaltung

Man könnte sagen, dass die UN und andere internationale Organisationen in ihren Bemühungen, die postmodernen Konflikte zu beenden, kläglich gescheitert sind. In Somalia wurden die U.S.-Kräfte von 'lord bands' verjagt. In Ruanda scheiterte die U.N. und die O.A.U. bei dem Versuch, einen Macheten-Genozid zu verhindern. Und der Balkan ist nach einer Serie von Kriegen und internationalen Interventionen am Boden zerstört. Doch trotz dieser offensichtlichen Fehlschläge ist es weiterhin erklärtes Ziel, Konflikte zu begrenzen und zu beenden. Nicht nur Kriegsverbrechen, auch der aggressive Krieg schlechthin wird zunehmend kriminalisiert.

Liegt die Zukunft der Krieger und Armeen in der Erhaltung des Friedens? Wenn wir Glück haben. Bereits jetzt sind kriegsfremde Operationen ("operations other than war"abgekürzt: "OOTW") bei vielen militärischen Einrichtungen ein wichtiger Bereich. Viele Armeen sind 'Peacekeeper' geworden und ihre Krieger Ordnungshüter. NATO-Truppen setzen Tränengas ein. Viele Soldaten, die sich nicht als 'Peacekeeper' verdingen, werden festgenommen und enden als Kriminelle. Der wachsende internationale Protest gegen Kriegsverbrechen, der bewirkt hat, dass in den Niederlanden dafür ein Gerichtshof eingerichtet wurde, könnte rückblickend eine der größten Errungenschaften der postmodernen Kriegsära gewesen sein.

Verfolgt werden auch nicht nur diejenigen, welche Gräueltaten direkt begangen haben. General Tihomir Blaskic, ein kroatischer Kommandeur, wurde im März zu 45 Jahren Haft verurteilt - für die Verbrechen, die seine Soldaten begangen haben. Die Kriminalisierung des Krieges ist entscheidend für jede Hoffnung, diesen veralteten Brauch zu beenden. Sie ist eng verbunden mit der beachtlichen Zunahme von Anti-Kriegs-Haltungen und -Organisationen.

Der Krieg ist dennoch immer noch gut für so manches Geschäft. Für Autoritäten und Ideologien ist er immer noch ein probates und gefälliges Mittel. Behauptungen, dass es sich bei kriegerischen Auseinandersetzungen um eine gesunde männliche Nebenbeschäftigung handele, die lediglich ein Zweig der Politik sei, oder dass Kriege in irgendeiner Art natürlich seien, sind jedoch nicht mehr haltbar. Sie sind zusammengebrochen angesichts der Tatsache, dass es zu gefährlich und zu schrecklich geworden ist, dieses Spiel zu spielen. Trotzdem ist es noch ein weiter Weg bis zum Beenden des Krieges. Der Krieg ist ein integraler Bestandteil des internationalen Systems, wie wir es kennen, überdies scheint das Ziel des Friedens jede Form von Krieg zu rechtfertigen. Um den Krieg aus unserem Leben zu verbannen, müssen wir unsere Kultur, Politik und Weltanschauungen im Innersten hinterfragen und einige fundamentale Änderungen wagen.

Epistemologische Folgerungen: Die Zukunft vorhersagen

Seit vielen Jahren, genaugenommen seit dem Zweiten Weltkrieg, haben viele militärische Führer (Lord Mountbattan, General Eisenhower, NATO- and WTO-Generäle) und militärische Historiker (John Keegan, Gwynne Dyer, Martin Van Creveld) behauptet, dass es den Krieg, wie wir ihn bisher kannten, nicht mehr gibt. Dennoch ist er ganz offensichtlich nicht von der Bildfläche verschwunden. Wie können wir angesichts dieser paradoxen Situation die Zukunft des Krieges und des Militärs vorhersagen oder zumindest verschiedene mögliche Szenarien entwerfen?

Der sicherste Weg, eine Vorhersage zu treffen, ist, wenn man lediglich aus der Gegenwart extrapoliert. Aber da bringt man sich um das Neue und Spannende. Außerdem bedingt der zeitgenössische Krieg mit den quantitativen Veränderungen in der Militärtechnologie, besonders im Bereich der Massenvernichtungswaffen, dass es nicht so weitergehen kann wie bisher. Die Extrapolation muss mit gesundem Menschenverstand und einem qualitativen Verständnis von Militärgeschichte, menschlicher Kultur und den Realitäten der internationalen Beziehungen einhergehen. Die Extrapolation allein wäre hier nur ein schwacher Trost.

Wenn das Kriegssystem sich nicht ändert, sehen wir der Apokalypse ins Auge. Auch wenn die Krise des Krieges allen Experten evident ist, die Antworten bleiben enttäuschend gleichförmig. Der letzte Befund des US Panels, das damit beauftragt war, eine Studie über die Sicherheit im 21. Jahrhundert zu machen, wartet mit den selben alten Empfehlungen auf: atomare Rüstung als Abschreckung, konventionelle Waffen für größere Kriege, schnell stationierbare Kräfte für kleinere Konflikte, bessere innere Sicherheit (vor allem was die Gefahr des terroristischen Gebrauchs von Massenvernichtungswaffen angeht) und Einheiten für Friedenserhaltung und humanitäre Missionen. [5] Keiner dieser Punkte ist neu, nicht einmal das Trainieren von 'Peacekeepern', die manche Kommentatoren wie etwa Ulrich Beck vor kurzem schon als "die neuen militärischen Humanisten" bezeichnet haben. In seinem Buch "The New Military Humanism" seziert Noam Chomsky diese seltsam anmutende Formel.

In qualvollen Details zeigt er, wie die NATO-Operationen gegen Serbien internationale Normen verletzt haben. Die militärischen Interventionen gegen Serbien hätten, so Chomsky, die Lage im Kosovo noch viel schlimmer gemacht. Seine vernichtende Kritik an der Angewohnheit der großen Mächte, mit internationalem Recht um sich zu werfen, wenn es ihnen gerade passt, trifft den Punkt genau. Seine Verteidigung der Souveränität der Nationalstaaten wie Jugoslawien ist weniger überzeugend. Chomsky ist mesmerisiert von den Parallelen zur Vergangenheit, es seien die selben alten Institutionen, die das Internationale Recht ignorieren. So sieht er beispielsweise keinen großen Unterschied zwischen der Kosovo-Intervention im Vergleich zu Vietnam.

Erinnern wir uns zunächst, dass der Kern des Internationalen Rechts von genau den Nationalstaaten formuliert wurde, welche die Wurzel der meisten modernen und postmodernen Konflikte sind. Und vergessen wir nicht, dass die internationalen Gesetze von genau diesen Staaten missachtet wurden, wann immer es ihrem Zweck diente. Das Missachten des internationalen Rechts ist nichts Neues, es kann uns nicht schockieren. Wir sollten auch keinen Fetisch aus internationalen Rechten machen, die den Frieden bedrohen. Chomsky unterschätzt die neue Legitimation der Kriminalisierung des Krieges und die Bedeutung der kulturellen Globalisierung der Menschheit. Natürlich gibt es, wie Noam Chomsky betont, nur einen einzigen berechtigte Weg, Gräuel wie ethnische Säuberungen zu verhindern: aktiv für den Frieden eintreten. Die militärischen Fehlschläge der Interventionen im Kosovo oder in Somalia machen das schlüssig.

Chomsky irrt aber, wenn er den "neuen militärischen Humanismus" mit dem alten Imperialismus der Großmächte gleichsetzt. Dieser "Humanismus" ist zwar Heuchelei, und er ist Heuchelei in Verbindung mit Gewalt, aber dennoch wird dem Krieg, wie wir ihn kennen, ein mögliches Ende in Aussicht gestellt. Veränderungen kommen nicht auf direkte dialektische Weise zustande: These und Antithese bilden eine neue Synthese. Veränderungen, das zeigt jede wirklich historische Betrachtung von Geschichte, geschehen auf viel kompliziertere Weise. Die neue Informationstheorie gibt uns ein paar Werkzeuge an die Hand, die uns verstehen helfen, warum die Geschichte nonlinear verläuft, wie Manual De Landa ausgeführt hat.

Die zentrale Einsicht ist, dass es keine perfekte Information gibt. Alles, was so komplex wie die Geschichte ist, ist in seinem inneren Wesen nicht vorherzusagen. Alle komplexen Systeme widersetzen sich der Rationalisierung, wie ich schon oben gezeigt habe. Aber wir müssen uns trotzdem Gedanken machen über das, was passiert und welche Möglichkeiten sich daraus für uns ergeben könnten. Das Grundelement des Informationsflusses sind die positiven und negativen Feedbackschleifen. Bestimmte Dynamiken verstärken sich selbst, so wie das nukleare Wettrüsten, bei dem jede Eskalation zur nächsten führt. Andere Prozesse funktionieren umgekehrt, so beispielsweise der Einsatz von inferiorer Kriegstechnologie und -taktik. Derartiges Verhalten wird auf mehr als eine Weise ausgelöscht.

Wie oben schon erwähnt, argumentiert die Komplexitätstheorie dahingehend, dass wirklich große Systeme nicht von außen kontrolliert werden können, sondern von ihren eigenen internen Dynamiken bestimmt werden. Dennoch können sehr kleine Ereignisse, wenn sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort stattfinden, tiefe und weitreichende Auswirkungen haben. Das ist der berühmte Schmetterlingseffekt, der besagt, dass unter sehr speziellen Bedingungen das Flattern eines Schmetterlings ganze meteorologische Systeme verändern kann. Was nicht heißt, dass jeder Schmetterling oder die meisten Schmetterlinge das können. Aber große dynamische Systeme können verändert werden, wenn das richtige Ereignis zur richtigen Zeit eintritt und damit eine Kaskade von Ereignissen auslöst, die wiederum zu einem fundamentalen Wendepunkt führt.

Das Wetter ist sicherlich so ein System, doch sämtliches Beweismaterial scheint anzuzeigen, dass der Krieg kein derartiges System ist. Große Veränderungen ergreifen solche Systeme gewöhnlich durch die Auswirkung von vielen kleinen Ereignissen, die sich zu Gabelungen verketten. Das ist so wie Wasser, das auf Steine fällt. Ob Schmetterling oder Regen, welche Metapher man auch wählt, die Zukunft ist noch nicht geschrieben. Unser gegenwärtiges internationales System, das auf Gewalt, Heuchelei und Lügen aufbaut, ist grausam und mächtig, aber auch dieses System ist veränderbar.

Es ist auch nicht absolut vorhersehbar, aber wir können seine Entwicklung mitbestimmen, ganz allmählich, wie ein starker Regen, indem wir immer nach der richtigen Gelegenheit Ausschau halten: wenn wir zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind. Und um dabei effektiv vorgehen zu können, muss unser Handeln von einem Bündel Prinzipien bestimmt sein und wir müssen uns vollkommen darüber im Klaren sein, was das für Kräfte sind, die unsere politischen Realitäten formen. Die besten Begleiter auf diesem Weg sind der gesunde Menschenverstand und harte Arbeit. Der Common Sense sagt uns, dass wir uns oft selbst belügen und dass Politiker jeden belügen. Er sagt uns, dass die Reichen immer nur noch reicher werden wollen, dass alles seinen Preis hat (vor allem wenn die Umwelt auf dem Spiel steht) und dass Gewalt kein Mittel gegen Gewalt ist. Ich könnte hier noch weitermachen, aber Sie verstehen, worum es mir geht. Common Sense ist nicht zynisch, aber er ist auch nicht naiv. Common Sense muss aus der Geschichte wachsen und lernen, das bedeutet, dass wir genau untersuchen müssen, was wirklich neu ist und was nicht, besonders seit Beginn der Moderne.

Hier sind die Dynamiken, welche im Allgemeinen als entscheidend für das Verstehen des modernen Krieges (und dafür, wie man ihn abschaffen könnte) angesehen werden: 1. das Ausbreiten der Globalisierung, 2. die Erweiterung der Bürgerrechte, 3. die ständig wachsende Proliferation von technisch-wissenschaftlichen Extravaganzen, 4. und die Erkenntnis, dass die Ressourcen der Umwelt nicht unbegrenzt sind.

Einige dieser Prinzipien geben uns Hoffnung, die internationalen Beziehungen in ein friedliches System überführen zu können, vor allem die Globalisierung, wenn sie auf halbwegs demokratischem Wege vonstatten geht und nicht als Unternehmen des ungehemmten Kapitalismus der 'World Trade Organization' und des 'International Monetary Fund'. Hoffnung gibt auch die Erweiterung der Bürgerrechte. Die wachsende Verbreitung von nicht-staatlichen Organisationen, die für allgemeine Menschenrechte kämpfen, ist ein Schlüsselaspekt für Hoffnung auf eine internationale Ordnung, die nicht grundsätzlich auf Gewalt aufbaut. Die Zunahme von entsetzlichen Waffen sollte ebenso wie die bedrohte Umwelt ein Ansporn für die Menschheit sein, der ihr klar macht, wie wichtig und notwendig der Weg in einem realen Frieden ist.

Auf einer anderen Ebene müssen wir im Kopf behalten, dass ein Krieg niemals virtuell sein kann, und dass er niemals von der Technologie allein gewonnen wird, nicht einmal von der Schlagkraft der Luftwaffe. Kosovo ist kein Gegenbeweis, erstens weil hier gar nicht wirklich gewonnen wurde und zweitens weil das überhaupt kein Krieg zwischen Staaten war; es war vielmehr ein Willenskampf zwischen Milosevic und der NATO. Glücklicherweise hat selbst die U.S. Air Force begriffen, dass hier eine anomale Situation vorlag.

Trotz der offensichtlichen Gefahren für die Zukunft der Menschheit geht der Krieg weiter. Kolumbien, Pakistan/Indien, China, Burma, Tschetschenien und die ehemalige UDSSR sind alles reale und potentielle Kriegsgebiete. Laut UNICEF starben in den zehn Jahren seit die 'Convention on the Rights of the Child' von der U.N. (1990) übernommen wurde, zwei Millionen Kinder in bewaffneten Konflikten.

Das zeigt, wie katastrophal das aktuelle internationale System versagt. Ein Lichtblick ist jedoch, dass nur noch wenig Rechtfertigungen für Kriege laut werden und dass Friedensbewegungen sich um ein Ende bereits länger bestehender Konflikte wie dem in Nordirland und im Nahen Osten bemühen. Und trotz plötzlicher Spasmen von Nationalismus geht die Oberhoheit der Nationalstaaten kontinuierlich zurück. Die Nationalstaaten sind sicherlich der einzige Grund für das Ausbrechen von Kriegen. Imperien und Stämme scheinen in gleichem Maße für Gewalt prädestiniert zu sein. Unser gegenwärtiges internationales System ist jedoch auf Nationalstaaten aufgebaut und deren Schwächung eröffnet eine echte Chance. Es ist im übrigen wirklich notwendig, dass die Politik demilitarisiert wird. Viele internationale Institutionen, nicht-staatliche Organisationen sowie Einzelpersonen arbeiten für diese Demilitarisierung, die bereits eine erhebliche Einschränkung der organisierten politischen Gewalt darstellt, auch wenn sie diese noch nicht aufgehalten hat.

Ein Umstand, der eine große wirklich wichtige Frage aufwirft: Kann der Krieg überhaupt abgeschafft werden? Ich würde diese Frage bejahen, vorausgesetzt, dass wir alle dazu beitragen. Prof. Yamamoto und Charles Piller beispielsweise befürworten nicht nur internationale Abkommen, welche die Verbreitung von Biowaffen verhindern, sondern auch ein Verbot von geheimer Forschung, ein Verbot von defensiver Forschung. Außerdem soll die gesamte Genforschung einer zivilen Kontrolle unterworfen werden.[6]. Der große Physiker Sir Joseph Rotblat hat 1999 alle Wissenschaftler und Techniker aufgefordert den 'Pugwash-Eid' zu leisten, der verspricht, für eine "bessere Welt zu arbeiten" und seine "Ausbildung nicht für Zwecke einzusetzen, die Menschen oder der Umwelt schaden könnten." Zugegebenermaßen hat der Hippokratische Eid nicht viele Deutsche und Japaner davon abgehalten, im Zweiten Weltkrieg entsetzliche Verbrechen zu begehen, aber derartige Schwüre sind ein wichtiger Anfang. Sie sind vor allem deshalb wichtig, weil sie helfen, die Erkenntnis zu verbreiten, dass die Verantwortung für das, was Wissenschaft tut, nicht nur bei den politischen Führern liegt, sondern sich auf jene erstreckt, die Wissenschaft betreiben.

Die Gruppe 'Computer Professionals for Social Responsibility' gründete sich während der Debatten über das Star Wars Anti-Missile System. Sie existiert heute weiter und führt Kampagnen gegen "Baby Star Wars" und andere militärische Illusionen, die mit der Computerisierung zusammenhängen wie den Infowar. Außerdem mobilisiert sie Computerfachleute dazu, die Privatsphäre und andere Menschenrechte, die von neuen Technologien bedroht werden, zu schützen. So wie die postmoderne Militarisierung in jeden Aspekt des zeitgenössischen Lebens eingedrungen ist, ist es nun an der Zeit, gegen den Krieg mobil zu machen. Wichtig ist dabei, die unterschwelligen Ursachen des Krieges aufzudecken und sie anzugehen, anstatt sich nur auf den jeweils neuesten Kampf zu konzentrieren, sobald der auf unseren Bildschirmen explodiert. Seit Jahren setzten sich die Menschen im Kosovo für ihre Rechte ein - ohne Gewalt - und sie wurden zum größten Teil ignoriert. Erst als das Gemetzel losging, schenkte die Welt dieser Region Aufmerksamkeit. Doch dann war es zu spät und die Hunde des Krieges waren nicht mehr aufzuhalten.

Krieg entsteht sicherlich nicht aus einem natürlichen Impuls. Die meisten Menschen kämpfen nie in einem Krieg und die meisten Kulturen befinden sich selten im Kriegszustand. Aggressivität jedoch scheint ein natürlicher Teil der menschlichen Psyche zu sein. In Verbindung mit unserer Kultur und ihrem bezwingenden Männlichkeits- und Nationalitätswahn wird der Krieg tatsächlich sehr mächtig. Das ist aber zu gefährlich, als dass wir es geschehen lassen dürfen. Selbst jene, die glauben, dass der Krieg unvermeidbar ist, wissen, dass ihm ein Ende gemacht werden muss.

Ein führender Befürworter der 'Krieg ist natürlich'-Schule, Professor Marvin Harris von der University of Florida, argumentierte energisch, dass die wenigen 'kriegsfreien' Gesellschaften Forscher nicht zu dem naiven Glauben verleiten dürften, dass der Krieg abzuschaffen sei. Er machte sich lustig über Anthropologen, die meinen, man müsse "nur einmal mit den Leuten reden", um ihnen klarzumachen, dass sie den Krieg beenden müssen. Trotzdem kommt Harris zu dem Schluss, dass wir den Krieg abschaffen können und müssen, wenn die Menschheit eine Zukunft haben soll. [7]

Wenn selbst jene, die - meiner Ansicht nach zu Unrecht - glauben, dass der Krieg etwas Natürliches sei, sagen, dass er abgeschafft werden MUSS, dann ist es offensichtlich, dass etwas getan werden muss und auch getan werden kann. 1994 setzte eine Gruppe von Intellektuellen folgenden Text in die New York Times:

IN MEMORIUM - Unsere Überzeugungen, Prinzipien und Moralbegriffe - Gestorben: Bosnien, 1994 anlässlich des 1,000sten Tages der Belagerung von Sarajewo

Auch ich habe um Sarajewo geweint zu dieser Zeit, um diesen tapferen, schönen Versuch, Toleranz und Humanität am Leben zu erhalten - konfrontiert mit kranken überholten Vorurteilen und postmodernen Waffen. Aber es war zu früh, um aufzugeben. Seitdem gab es noch an einem halben Dutzend Orten Massaker, von Indonesien bis zu Zentralafrika, und es ist immer noch zu früh, um aufzugeben. Da ist die nukleare Eskalation zwischen Indien und Pakistan, da sind destabilisierende Verteidigungssysteme, die in den Staaten gerade entwickelt werden, da ist die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen rund um den Globus und es ist immer noch zu früh, um aufzugeben. Wir haben mittlerweile auch eine weltweite Bewegung gegen undemokratische Globalisierung, wir haben weltweit erkannt, dass unsere Umwelt in Gefahr ist, und wir haben weltweit begriffen, dass Menschenrechte allgemeingültig sein sollten und dass Krieg nicht länger ein akzeptabler Weg ist, um politische Differenzen zu lösen. Jetzt bleibt nur die internationale politische Ordnung zu ändern. Das wird nicht leicht, aber da es notwendig ist, haben wir keine andere Wahl.

Literatur

http://www.heise.de/tp/artikel/4/4588/1.html
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Aus Versehen haben australische Wissenschaftler einen äußerst gefährlichen Virus entwickelt

US-Militär entwickelt nichttödliche Waffen

Für den Einsatz solcher nichttödlichen chemischen oder biologischen Mittel müssten aber die internationalen Abkommen verändert werden

Drogenbekämpfung oder biologischer Krieg?

Die USA versuchen in Kolumbien und in Asien, den Anbau von Coca- oder Mohnpflanzen großflächig biologisch mit speziellen Pilzen zu bekämpfen

Biowaffen, Infowar oder Kalashnikov?

Die gefährlichste Waffe ist ein Jugendlicher mit einer leichten Waffe

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Das neue Telepolis-Special

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

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Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

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