Neues Jahr, neuer Codec

Janko Röttgers 05.01.2001

MP3-Streaming wird teuer, Vorbis wird erwachsen

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Für viele Netzradio-Betreiber könnte das neue Jahr mit Katerstimmung beginnen: Das Fraunhofer-Institut fordert seit dem 01.01.2001 Lizenzgebühren für MP3-Streams. Jetzt heißt es zahlen - oder wechseln. Denn mit dem Open Source-Audioformat Vorbis steht bereits eine kostenlose Alternative in den Startlöchern.

Einige Webcaster dürften überrascht sein, wenn ihnen in den nächsten Wochen eine Rechnung aus dem Hause Thomson Multimedia auf den Tisch flattern wird. Thomson ist Lizenzverwalter der Fraunhofer-Gesellschaft für deren MP3-Patente und wird in dem Brief wahrscheinlich ein Prozent des Jahresumsatzes beziehungsweise mindestens 1000 Dollar fordern. Eine Stange Geld, wenn man bedenkt, dass MP3 gerade unter nichtkommerziellen Bedroom- und Wohnzimmer-Webcastern beliebt ist. In ihren Augen war MP3 Jahre lang geradezu so etwas wie ein Synonym für kostenlos. Kostenlose Musik, kostenlose Software, kostenlose Codecs.

Erste Abmahnungen schon 1998

Schon früh durfte der Schwede Tord Jansson entdecken, dass dies so nicht stimmte. Er entwickelte als kleines Hobby einen kostenlosen MP3-Encoder. Mit dem kommerziellen Codec des Fraunhofer Insituts konnte sein BladeEnc qualitativ bei weitem nicht mithalten, da Jansson sich bei der Entwicklung nur auf die öffentlich zugänglichen ISO-Sourcen stützte. Trotzdem wurde er 1998 von der Fraunhofer Gesellschaft abgemahnt. Weil Jansson aber die geforderten Gebühren nicht zahlen konnte, operiert er seitdem in einer juristischen Grauzone: Auf seiner Website erscheint nur noch der BladeEnc-Sourcecode. Das fertig kompilierte Programm läßt sich von befreundeten Servern aus dem Patentrechts-Niemandsland Slowenien herunterladen.

Seitdem haben Fraunhofer und Thomson Schritt für Schritt weitere Lizenzen eingeführt. Bereits seit letztem Jahr müssen Gebühren für Downloads bezahlt werden. Firmen wie Emusic.com zahlen ein Prozent der erzielten Umsätze beziehungsweise mindestens 15 000 Dollar pro Jahr dafür, dass sie ihre Inhalte im MP3-Format anbieten.

Apple wollte Vorbis nicht

Doch bald können solche Firmen auf eine interessante Alternative zugreifen. Der Audiocodec Vorbis::www.vorbis.com will klanglich mit MP3 mithalten, dem Fraunhofer-Format technisch überlegen sein und soll dennoch keinen einzigen Pfennig kosten - Vorbis ist Open Source. Entwickelt wurde es von einem Team um den Programmierer Chris Montgommery, der sich seit 1993 mit Audiokomprimierung beschäftigt. Bereits damals entwickelte er den Plan für die Entwicklung einer ganzen Familie von Multimedia-Codecs und ging damit bei großen Firmen Klinken putzen. Doch bei Apple & Co. stieß er nur auf taube Ohren. Mit so etwas könne man kein Geld verdienen, hieß es damals.

Dann kam der Internetboom und damit auch die MP3-Revolution. Geld verdient damit heute immer noch kaum jemand, aber es werden gewaltige Summen umgesetzt. Summen, die auch die Fraunhofer Gesellschaft und ihren Lizenzierungspartner Thomson Multimedia wach werden ließen. Als sie die ersten Abmahnungen an freie Codec-Projekte verschickten, begann Montgommery wieder mit seiner Arbeit an Vorbis. Und als sich die Lizenzsätze für Contentanbieter ankündigten, hatte er auch keine Schwierigkeiten mehr, die Industrie für sein Projekt zu interessieren.

Im letzten Jahr unterstützte das Multimedia-Portal iCast die Vorbis-Entwicklung finanziell und logistisch. iCast versprach sich davon zwar keine direkten Einnahmen, aber gewaltige Kosteneinsparungen für die eigenen Streams. Mittlerweile ist iCast Geschichte. Die Mutterfirma CMGI legte das unrentable Startup Ende November letzten Jahres kurzerhand still. Nur wenig später erklärte jedoch Christopher Montgommery:

"Das berührt das Projekt nicht sonderlich. Wir arbeiten jetzt sozusagen im Batteriebetrieb."

Für bis zu 256 Lautsprecher

Lange müssen die Batterien nicht mehr vorhalten: Pünktlich zur Future of Music Conference soll nächste Woche die erste offizielle Version 1.0 erscheinen. Die im Sommer letzten Jahres veröffentlichte Beta-Version konnte klanglich noch nicht mit MP3 mithalten. Im Vergleich zum Fraunhofer-Format verspricht Vorbis jedoch einige Innovationen: MP3 kann nur Mono- oder Stereosound darstellen. Vorbis hingegen ist für Surround-Sound mit bis zu 256 Kanälen ausgelegt. MP3s können mit ihren ID3-Tags nur begrenzt Zusatzinformationen wie etwa den Songtitel enthalten. Vorbis soll dagegen die Einbindung ganzer Grafiken und Texte in die Songs ermöglichen.

Auch potentielle Unterstützer gibt es bereits zuhauf. Emusic.com beispielsweise verfolgt die Entwicklung sehr aufmerksam und hat dem Projekt auch bereits einige Demo-Downloads spendiert. So kann man sich Songs der Might Be Giants und von Del De Funky Homosapien als Dateien mit der putzigen Extension .ogg aus dem Netz laden (www.vorbis.com/music/). Für das Abspielen sorgen Plug-Ins für Winamp und ähnliche MP3-Player.

"Vorbis ist cool."

Bleibt nur noch ein Problem: Die Trägheit der Surfer. Für sie ist MP3 zum Synonym für Musik im Internet geworden, obwohl es schon jetzt viele andere Formate gibt. Wird Vorbis als ein weiterer Konkurrent überhaupt eine Chance haben, gegen den Buzz-Faktor von MP3 anzukommen? Jack Moffit, Vorbis-Programmierer und mittlerweile eine Art Sprachrohr der Entwickler-Community, gibt sich in diesem Aspekt zumindest für den Broadcasting-Bereich ganz gelassen:

"Ich denke, dass Vorbis cool ist und vielen Leuten im Gedächtnis bleiben wird. Aber wenn nicht, macht das auch nichts. So lange der Content in Vorbis ist und die Player das Format unterstützen, wird niemand den Unterschied bemerken."

Vielleicht wird auch die Konkurrenz dafür sorgen, dass Vorbis den Leuten so bald nicht mehr aus dem Kopf geht. So hat sich Thomson Multimedia im Dezember eine nette, kleine Suchmaschine gekauft. Singingfish.com indiziert Audio- und Videostreams sowie MP3-Downloads. Dabei guckt sich der Crawler auch mal genauer die einzelnen Metadaten an. So sollte es für Thomson kein Problem sein, demnächst jede Menge Abmahnungen zu verschicken. Denn wie heißt es so schön in der Singingfish.com-Selbstdarstellung?

"Wenn ein Stream indiziert wird, wissen wir mehr über ihn als jeder andere - möglicherweise sogar mehr als die Leute, die ihn gemacht haben."

http://www.heise.de/tp/artikel/4/4617/1.html
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