Rückblick aus »2001«

Frank Hartmann 05.01.2001

Arthur C.Clarke als früher Visionär der Satellitenkommunikation

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Der als Science-Fiction-Autor bekannte Arthur C. Clarke hinterlässt noch eine ganz andere Spur, als es die Verbindung mit der magischen Jahreszahl 2001 und Kubricks Film "Space Odyssee" vermuten lässt. Als ehemaliger RAF-Offizier und früherer Präsident der British Interplanetary Society hat Clarke mit seiner revolutionären Vorstellung einer weltumspannenden Kommunikationstechnologie die telematische Entwicklung entscheidend mitgeprägt. Essentielle Notizen zur Geschichte der Globalisierung von Kommunikation.*)

Arthur C.Clarke im Jahr 2000

Any sufficiently advanced technology is indistinguishable from magic.

Als in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die europäischen Staaten sich daran machten, das Land mit Fernmeldeverbindungen zu überziehen, konkurrierten funktionssichere optische Flügeltelegrafen (Semaphore) noch einige Zeit mit dem neuen elektrischen Telegrafen. Bestimmten zunächst Militärs die Nachfrage, waren telegrafische Verbindungen bald auch für Reeder von hohem Interesse, da die Kenntnis der Ankunftszeit von Schiffen Vorteile in der vom Lagerbestand abhängigen Preisgestaltung von Waren hatte. Mit der Etablierung des Morse-Codes als weltweitem Telegrafie-Standard 1851 und Weiterentwicklungen in der Nutzung von Elektrizität wurden zügige Schritte in Richtung eines allgemeinen Kommunikationsnetzes gemacht.

Mächtige Wirtschaftstreibende wie die Rothschilds zogen Handelsvorteile aus ihrem dichten Korrespondentennetz. Auch dem Telegrafen wohnte eine tendenzielle Monopolstruktur inne. Daher wurde in den meisten Ländern das Fernmeldewesen bald zum Staatsmonopol gemacht. Um die nationalstaatliche Kontrolle der Kommunikation von bilateralen Beziehungen unabhängig zu machen, investierten besonders Kolonialreiche wie das British Empire bald in eigene Kabelnetze.

Als eine große Errungenschaft der viktorianischen Technologie gilt das Unterwasserkabel. Über einen Fluss in Kalkutta wurde 1839 das erste Unterwasserkabel gelegt. Technische Mängel wie fehlendes Isoliermaterial und geeignete Impulsverstärker gestalteten diese frühen Versuche zur Schaffung einer neuen Kommunikations-Infrastruktur eher enttäuschend. Zur Isolierung wurde damals Guttapercha verwendet, ein aus dem Milchsaft malaischer Bäume gewonnenes Material. Die Kabelverlegungen verliefen eher schleppend, da waren technische Schwierigkeiten zu überwinden, deren man sich heute gar nicht mehr bewusst ist.

Die Versuche wurden dennoch unentwegt weitergeführt. 1850 verband das erste Unterseekabel England mit dem Kontinent, 1852 England mit Irland, im Jahr darauf wurde der Betrieb von Semaphoren in Frankreich eingestellt. Das erste Transatlantik-Kabel wurde 1858 zwischen Irland und Neufundland gelegt, war jedoch nur so kurz in Betrieb, dass in den Bostoner Zeitungen ein Hoax vermutet wurde: Had the cable never been laid at all? Die Etablierung verlässlicher transatlantischer Kabelverbindungen gelang erst in den darauf folgenden Jahrzehnten.

Die 99 Worte der Grußbotschaft von Queen Victoria an den amerikanischen Präsidenten Buchanan vom 16. August 1858 brauchten damals zur Übertragung 16,5 Stunden. Dennoch standen eher kommerzielle Interessen hinter den Kabelfirmen: der Betreiber Cyrus Fields verlor mit diesem Kabel 350.000 britische Pfund, machte sich jedoch unverdrossen an die Folgeprojekte. Die Vorlaufkosten waren erheblich: erst einmal musste die entsprechende Technologie entwickelt werden, beispielsweise 3.800 Kilometer Kabel auf dem stürmischen Atlantik zu verlegen. Das große Transatlantik-Kabel von 1866 wog 7000 Tonnen, und Schiffe, die diese Last tragen konnten, gab es kaum. Meist wurde die Last auf zwei Schiffe verteilt, die sich - das Kabel von Ost bzw. West auslegend - zwischen Europa und Amerika trafen, um die Kabelenden auf offener See zu verspleissen und das Ding anschließend abzusenken. Manche dieser in den Folgejahrzehnten verlegten transatlantischen Kabel versahen bis in die 50er Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts hinein ihren Dienst.

Drahtlose Telegraphie

Arthur C. Clarke mit Kurbrick im Set von 2001

Nach der Wende ins 20. Jahrhundert begann man aufgrund der Schwierigkeiten mit der Infrastruktur, große Hoffnungen in die drahtlose Kommunikation zu setzen, die eine von Guglielmo Marconi (parallel zu den Versuchen des russischen Physikers Alexander Popow) entwickelte Funktechnik ermöglicht hatte.

Sein erstes Patent beantragte Marconi in London - Inselstaat und Kolonialmacht zugleich, zeigten Englands Postverwaltung und auch die britische Marine großes Interesse an neuer Kommunikationstechnologie. Marconi war geschäftstüchtig genug, um im Kampf gegen mittlerweile weltumspannende Verkabelung (1914 gab es bereits 350.000 Meilen Untersee-Telegrafenkabel) und auch gegen die deutsche Telefunken auf neue Geschäftsstrategien zu verfallen: Funkstationen an der Küste und auf Schiffen stellte seine Firma kostenlos zur Verfügung, unter der Bedingung, dass diese Stationen mit eigenen Angestellten besetzt wurden und dass nur mit Gegenstellen Funkverkehr aufgenommen wurde, die auch das "System Marconi" benutzten.

1901 gelang Marconi die funktechnische Überbrückung des Atlantiks: zwischen England und Neufundland wurde der Morse-Buchstabe "s" versendet. Das Experiment bewies, dass die langen Funkwellen der Erdkrümmung folgen und dass damit ein weltumspannender Funkverkehr prinzipiell möglich ist. Dennoch war in den darauffolgenden Jahrzehnten, bedingt durch ionosphärische Störungen, die Kabelverbindung der einzig verlässliche Weg transatlantischer Direktkommunikation. Es war diese veränderliche Elektronendichte der Erdatmosphäre, die neue Überlegungen zur Etablierung einer weltumspannenden Kommunikations-Infrastruktur provoziert hat.

I have been involved with communications for most of my life, usually as a customer, but sometimes as an active agent.

Erst einige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, nämlich 1953, unterzeichneten Briten, Kanadier und Amerikaner einen Vertrag zur gemeinsamen Verlegung und Nutzung des ersten transatlantischen Telefonkabels. Wieder einmal beschleunigte der Krieg den Fortgang der Dinge eher gemächlich - und ganz ohne, einem lediglich im deutschen medientheoretischen Oberseminar geglaubten Kalauer gemäß, ihr Vater zu sein.

Zum hundertjährigen Geburtstag der ersten transatlantischen Kabelverlegung regte John Pierce, damals Forschungsdirektor der Bell Labs, Clarke zu einer Publikation über jenes geschichtsträchtige Unternehmen an. Seine Rekonstruktion Voice across the Sea erschien 1958, als die ganze Welt gebannt war von einer vollkommen neuartigen Ingenieursleistung: einem "künstlichem Mond" namens Sputnik (russisch für "Weggefährte"), der als erster menschengemachter Satellit soeben erfolgreich in die Erdumlaufbahn geschickt worden war.

Extra-Terrestrische Relays

Arthur C. Clarke im Set von 2001

Für den Briten Clarke war zu diesem Zeitpunkt längst klar, dass zum Kampf zwischen hardwired und wireless Kommunikationstechnologie entscheidend neue Faktoren hinzugekommen waren. Gegen Ende des zweiten Weltkrieges, lange vor seiner Zeit als Science-Fiction Autor - wohl aber unter dem sehr realen Eindruck der durch Wernher von Brauns Entwicklungsarbeit ermöglichten deutschen Luftangriffe auf London durch die V2-Rakete - machte sich der Royal Air Force-Offizier Clarke Gedanken über Weltraumstationen, weniger hinsichtlich ihrer militärischen Nutzung als der möglichen radio applications:

In the near future, the large airliners which will fly great circle routes over oceans and uninhabited regions of the world will require television and allied services and there is no known manner in which these can be provided.
All these problems can be solved by the use of a chain of space-stations with an orbital period of 24 hours, which would require them to be at a distance of 42.000 km from the centre of the earth. (...)
The numerous technical problems involved in this communication system cannot be discussed here but it can be stated that none of them present any difficulties even at the present time, thanks to the development of hyperfrequency engineering.

Das Zitat entstammt einem Memorandum, das der wenig später am King's College in London als Mathematiker und Physiker promovierte Clarke als frischgebackener Präsident der British Interplenetary Society ebendieser im Mai 1945 unterbreitet hatte. Im selben Jahr folgte ein Paper, das Geschichte machen sollte: der in Wireless World publizierte Text Extra-Terrestrial Relays. Hierin entwickelte Clarke die Idee der weltumspannenden Satellitenkommunikation, nach der die gesamte Erdoberfläche mit Radio links zu versorgen wäre. Die Spitze der Funkturms muss sozusagen hoch genug sein, um - entsprechend ausgelagert - den Footprint des Senders weit genug auszubreiten. Aber wie hoch ist hoch genug? Die damals spekulativ angelegten Rechnung Clarkes sind heute Basiswissen.

It will be observed that one orbit, with a radius of 42.000 km, has a period of exactly 24 hours. A body in such an orbit, if its plane coincided with that of the earth's equator, would revolve with the earth and thus be stationary above the same spot on the planet.

Würde man die Fluchtgeschwindigkeit von Raketen, wie sie in den 40er Jahren schon gebaut wurden, verdoppeln, dann könnten sie laut Clarkes Berechungen in diesen geostationären Orbit vordringen. Ein dort platziertes Objekt würde hinsichtlich der Erdoberfläche stillstehen, und mindestens drei solcher Satelliten eine weltumspannende Kommunikation sichern.

Später sollten Ingenieure diese Spekulation bestätigen - worauf hin die International Astronomical Union beschloss, den geostationären Orbit, aus dem uns heute zahlreiche Fernsehsatelliten wie Intelsat oder Astra beglücken, zu Ehren des Visionärs Clarke Belt zu nennen. Heutzutage tummeln sich unzählige Satelliten in dieser Region.

Arthur C. Clarke lebt seit 1956 in Sri Lanka, glaubt an extraterrestrisches Leben, ist mit den Folgen einer Polio-Infektion geschlagen und an den Rollstuhl gefesselt, musste jüngst eine Anklage wegen Pädophilie ebenso über sich ergehen lassen wie den Ritterschlag ihrer königlichen britischen Majestät.

Sir Arthur C. Clarke spendet ein Haar für eine Reise in den Weltraum

Wie heute (4.Jan 2000) bekannt gegeben wurde, will Clarke eine aus seinem Haar entnommene DNA-Probe zusammen mit einem Foto und einer handschriftlichen Notiz ins All schicken lassen. Der genetische Fingerabdruck des mittlerweile 83 Jahre alten Schritstellers soll im Jahr 2003 an Bord einer Ariane-5-Rakete vom Raumflughafen in Französisch-Guayana die Erde verlassen (www.encounter2001.com/)

Bibliographische Hinweise:

Vgl. zum folgenden die Texte von Arthur C. Clarke:
"Extra-Terrestrial Relays", Wireless World 1945
"The Space Station: It's Radio Applications", Memorandum for the Council of the British Interplanetary Society, May 1945
"Wiring the Abyss" und "Voice across the Sea", Harper 1958

- alle wieder abgedruckt in: Arthur C. Clarke: How the World was One. Beyond the Global Village, London: Gallancz 1992

Vollständige Arthur C. Clarke Bibliographie

http://www.heise.de/tp/artikel/4/4618/1.html
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