Vielleicht gibt's keinen Gott: Aber sein ist der beste Sänger

12.01.2001

Über Johnny Cash, sein neues Album und Country Musik

Böse Blumen

Eine Menge Leute sind in den Straßen und Gefängnissen der USA krepiert, seit Johnny Cash vor 45 Jahren seine ersten Hitsingles fliegen ließ. Ich hab 'nen Mann in Reno erschossen, ich wollte einfach nur zusehen wie einer stirbt, sang er im Folsom Prison Blues. Das klang so glaubwürdig, dass er bis heute in manchen Interviews klar stellen muss, nie inhaftiert gewesen zu sein. Sänger mit Knasterfahrung sind in der Country Musik keine Seltenheit, da kommen mehr Jahre zusammen als im Gangster-Rap, locker. Aber Cash hat insgesamt nur ein paar Tage in Zellen verbracht. Einmal ist er eingefahren für ein Delikt, das sich deine Frau von dir wünschen würde: nachts in einer öffentlichen Anlage Blumen gepflückt. Doch soll hier kein falscher Eindruck entstehen: nach eigenen Angaben bestanden die ersten zehn Jahre seiner Karriere eigentlich nur aus Touren und Drogen. Schon seine erste Band, die er als G.I. in Landsberg am Lech, 60km westlich von München, gründete, nannte er The Barbarians, "and we were ... we played until the places closed or we were too drunk to continue." Seit seinem Comeback in den 90-er Jahren ist der Mann, der kurz nach Elvis und ebenfalls als Sun Records Artist auf die Bühne ging, die größte der lebenden Legenden im Musikgeschäft. Unvermeidlich also, dass in Hollywood zur Zeit ein Film über sein Leben vorbereitet wird. "Er solle als einfacher Mann dargestellt werden", stand in einer Pressemitteilung. Das ist keine Überraschung, denn Country ist, das weiß jeder, einfache Musik, die von einfachen für einfache Menschen gemacht wird.

Einfache Welt

"I love songs about horses, railroads, land, judgement day, family, hard times, whiskey, courtship, marriage, adultery, separation, murdery, war, prison, rambling, damnation, home, salvation, death, pride, humor, piety, rebellion, patriotism, larceny, determination, tragedy, rowdiness, heartbreak and love. And mother. And God."

Dickes Brett

Wir wissen nicht, ob Worte ein dickes Brett vor dem Kopf zerstören können, wir können nur hoffen. "Johnny Cash, Kultfigur aller rechten Outlaw Rebels." War am 12.10. in der Süddeutschen Zeitung zu lesen, in einem Artikel des US-Feuilleton-Korrespondenten Andrian Kreye. Er versuchte da zu belegen, dass im aktuellen US-Pop und HipHop "die wesentlichen Impulse von rechts, zumindest aus dem konservativen Lager" kommen. Ein Beispiel: Madonnas Cowboyhut. Dazu passend: Cashs 90-er Jahre Comeback. Oder: Der weiße Rapper Kid Rock holt bei seinen Auftritten "regelmäßig den rechten Countrystar David Allan Coe" auf die Bühne (ein tatsächlich dubioser Typ, der auch rassistische Songs wie Nigger Fucker gemacht hat). Aber: Wer? Cash? "Kultfigur aller rechten Outlaw Rebels"? Seit wann? Warum? Wirklich "aller"? Hätte er einen Beleg nennen können? "A lot of people think of country singers as right-wing, redneck bigots, but I don't think I'm like that", sagte Cash vor vielen Jahren, und es stimmt, dass er nie zum reaktionären Teil der Country Musik gehört hat. Nicht nur musikalisch hat er sich immer wieder für die Rechte von Indianern, Afroamerikanern oder Sträflingen eingesetzt. Sein Patriotismus mag für uns ungut klingen, aber er steht in diesem Zusammenhang und hat nichts mit Intoleranz, Machismo oder Rassismus zu tun. Für The Ballad Of Ira Hayes, 1964 auf dem Bitter Tears-Album, bekam er Morddrohungen vom Ku Klux Klan und schlug öffentlich zurück. Nicht nur damals oder einmal. "I'd love to see them all thrown in prison... It's good to know who hates you and it's good to be hated by the right people", sagte er 1989. Um genau zu sein: Cash spielt auf seinem neuen Album das wunderbare Liebeslied ,Would You Lay With Me (In A Field Of Stone)', das der oben erwähnte David Allan Coe geschrieben hat. "Good Old Coe, there's a man who is different", schreibt Cash auf dem neuen Album. Ob er nur dessen gute Seite kennt (aber nicht die nur bei Coes persönlichem Mailorder erhältlichen For Adults Only-Alben), oder was immer dazu gesagt werden könnte, ich weiß es nicht.

Problemzonen

Anfang der 70-er Jahre, als er so 16 war, hat er sich nicht getraut, seinen Freunden zu sagen, dass er nicht nur eine Countryplatte hat, sondern dass er sie am liebsten von allen hört, Johnny Cash Live At San Quentin, und nicht Hendrix oder Stones oder so, erzählt mir ein Freund, denn Country war voll die Scheißmusik, öd sowieso und mindestens konservativ, der Soundtrack für die Typen, die jeden Easy Rider von seiner Maschine schießen und so. Diese Jungs hatten also kein ganz falsches, aber ein unscharfes Bild. Denn zu der Zeit waren diverse Hippies und Rocker schon in die Countrymusik sozusagen eingebrochen (wie die Byrds, die Flying Burrito Brothers, und im Zentrum der heute legendäre, von den Drogen schon mit 27 erledigte Gram Parsons und diese neue Szene beeinflusste, nicht nur musikalisch, langsam auch schon bekannte Countryleute wie Cash-Kumpel Waylon Jennings oder Willie Nelson. 1969 kam Dylan mit ,Nashville Skyline', auf einem Song mit Johnny Cash, der auch die Liner Notes schrieb. Und aus beiden Fangemeinden kamen Anfeindungen. (Vielleicht hätten weniger Dylan-Fans ein Brett vorm Kopf gehabt, wenn sie gewusst hätten, dass ihr Held paar Jahre zuvor von CBS gefeuert worden wäre, wenn sich Cash nicht für seinen als links verrufenen Labelmate eingesetzt hätte).

Womit nicht gesagt sein soll, das Alles hätte mit der rrrichtigen Rockmusik jener Tage viel zu tun gehabt, sondern nur, dass Country unter dem Oberflächenbild schon durcheinander geraten war. Man hätte sich einen Easy Rider-Soundtrack zusammenstellen können.

Einige Jugendkulturen später. Kurt Cobain hat sich gerade erschossen und Cash erlebt sein Comeback. Als er beim Konzert, das wie üblich als Show mit verschiedenen Programmpunkten aufgebaut ist, nach einer knappen Stunde anfängt, seine neuen Songs zu spielen, nur noch er und seine Gitarre, düster und melancholisch, gehen viele von seinen alten Fans einstweilen nach draußen und in der Halle steht jetzt ein verblüffend junges Publikum. Bis aus dem Spuk wieder eine Show wird.

Am Jordan

Vor einem Jahr sah's nicht so aus, als würde es nach ,Unchained' nochmal ein neues Album von Cash geben. Endgültig. Seit zwei Jahren war er da schon vom Parkinson-ähnlichen Shy-Drager-Syndrom schwer angeschlagen. Und dann zweimal Lungenentzündung. Er ließ die vielen Mitglieder seiner Familie ins Krankenhaus kommen, um sich von ihnen zu verabschieden. Und Anfang des Jahres war der 68-jährige dann doch wieder gesund (jetzt wird auf seiner Homepagewww.johnnycash.com das Gerücht dementiert, er sei wieder krank). Nicht zum ersten Mal hatte es den Anschein gehabt, als wollte Gott seinen besten Sänger zu sich rufen. The Master of Life's been good to me, hat er im Text zur neuen Platte Solitary Man geschrieben, he gives me good health now and helps me to continue what I love. Songs und Platten machen.

Der Himmel ist nur eine Sünde weit weg

In manchen Artikeln wird Cash in eine Reihe mit den Größen der Popmusik gestellt, die irgendwann, warum auch immer, zum Glauben gefunden haben: zu Unrecht. Er hat uns schon immer mit den Gospelsongs traktiert oder erfreut, die er schon als Kind auf den Baumwollfeldern der Farm seiner Eltern gesungen hat. Der junge Mann stellte sich bei Sam Phillips' Sun Records als Gospelsänger vor und verließ einige Jahre später das Label, weil ihm eine reine Gospelplatte verweigert wurde. Das Problem von Cash - der mit seiner ersten Band ,The Tennessee Two' als Erfinder des jeden Abend zu verwüstenden Hotelzimmers gilt - war nicht der Glaube, sondern die Sünde. Und das war die Falle, die sich der Teufel für Countrymusik ausgedacht hatte. Und der Ort, an dem sich auch Cash befand, die Schnittstelle Country-Blues-Rockabilly-Rock'n'Roll, war das Tor zur Hölle. Gospel? Hat man Cash gehört, weil er ein Gospelsänger war? God knows. Später schon eher.

Cash hat sich großartig selber auf die Schippe genommen, als er ca. 1974 für die Columbo-Folge "Schwanengesang" die Hauptrolle übernahm: ein Country-Star ermordet Ehefrau und Ex-Geliebte, weil er die streng religiöse Gemeinschaft, zu der sie gehören und in die sie ihn eingesperrt haben, nicht mehr ertragen kann. (Das außergewöhnliche Fernsehmagazin ff hat den vielen Film- und Fernsehauftritten von Cash in seiner Nr. 3 ein Special gewidmet). Der Drehbuchschreiber kannte sich aus: Ende der 60-er Jahre war Cash von der (bis heute) Frau seines Lebens, der streng gläubigen June Carter, einer Tochter aus der legendären Carter Family und musikalisch ebenfalls sehr erfolgreich, buchstäblich vorm Tod gerettet worden, indem sie ihn von den Drogen weg und näher zu Gott brachte.

"Johnny Cash and his God are a particularly tedious act", langweilig/öde/ermüdend, meinte Nick Tosches, der mit Country 1977 das beste Buch darüber veröffentlicht hat, genauer gesagt über "The twisted roots of rock'n'roll". Und in den 80-er Jahren wurde der böse und freche Cash vom gläubigen weiter zurück gedrängt. Was aber nicht heißt, er wäre im dussligen Mainstream versackt - und zumindest machte er immer noch den Eindruck, als könnte er jeden Moment eine Kanone rausholen, um mit dem Opferstock und der Frau des Pfarrers zu verschwinden.

"Der härteste Rock'n'Roller des Country war da", schreibt Michael Ruff in einer Hymne in Spex 6/1988, und "er ist und bleibt unser Lieblingspfaffe." Dessen Wirkung so stark ist, dass er sogar U2-Bono zu einem guten und richtigen Satz brachte: "Er singt wie der Dieb, der neben Christus gekreuzigt wurde." Deshalb konnte er immer die Kurve kratzen, wenn er in Gefahr geriet, vielleicht doch zu einer Operettenfigur zu verkommen.

Das Johnny & Rick Märchen

Thanks to Rick for continuing to believe in me, schreibt Cash zur dritten Platte, die Rick Rubin für seine American Recordings Company produziert hat, nach American Recordings (1994) und Unchained (1996). Ich kenne kein Interview aus den letzten Jahren, in dem Cash nicht betont, wie glücklich ihn die Zusammenarbeit mit Rubin macht.

Anfang der 90-er war Cash eigentlich nur noch sein eigenes Denkmal. Ein Künstler, der scheinbar schon alles gegeben hatte. Im Jahrzehnt zuvor hatte das Big Business in Nashville Country immer mehr mit Mainstream-Pop verschnitten, um sich ein jüngeres Image zu verschaffen, und passend zu diesem Prozess wurden viele der Old School ausgemustert bzw. in untere Etagen abgeschoben - (dieser neue Sound, der seitdem Country kommerziell dominiert, gehört zur ekligsten Musik, zu der Menschen fähig sind, aber Garth Brooks ist heute der Solokünstler mit den meistverkauften Platten aller Zeiten).

Nichtmal Cash, längst weltweit das stärkste (lebende) Symbol der Country Musik, war unantastbar. 1986 hatte es CBS endlich geschafft, ihn rauszuekeln, nachdem er für die Firma 28 Jahre Platten und Schotter gemacht hatte.

"Ich war es so leid, mir all das demographische Gerede anhören zu müssen über den 'neuen Country-Fan', das 'neue Marktprofil' und all die anderen Trends, die angeblich gegen mich arbeiteten, dass ich schließlich aufgab."

Cash landete dann bei Mercury und dort wurden 1991 von The Mystery Of Life, der letzten Platte vor seinem Comeback, 500, fünfhundert Stück gepresst, erzählt er in seiner Autobiographie.

Das hätte was Beruhigendes, finde ich, wenn man sagen könnte, dieser alte Superstar hat in dieser Phase schlechte Platten abgeliefert und dann eben die Quittung dafür bekommen, und einer Musikbranche, die also derart Gerechtigkeit walten lässt, ist ja wohl Respekt zu zollen. Ist aber nicht so. Sie hatten einfach nur keine Ahnung mehr, was sie mit dem alten Mann und seiner Musik anfangen sollten. Keine Ahnung von dieser Musik überhaupt. Falls es nach dem Cash-Comeback in diversen großen Countrymusik-Verwaltungsgebäuden einen echt guten Sound gegeben haben sollte, dann kann es nur der von rollenden Köpfen gewesen sein.

Als Johnny & Rick zueinander kamen, hatte Johny keine Lust mehr auf Plattenfirmen und sich damit abgefunden, nur noch Konzerte zu geben. Rubin (berühmt geworden mit seinem Def Jam-Label und als Produzent von u.a. Run DMC und Beastie Boys) kostete es einige Mühe, sein Vertrauen zu gewinnen. Cash sah zuerst nur die Welten, die offensichtlich zwischen ihm und diesem Anti-Country Typen mit den arschlangen Haaren waren. Tatsächlich aber trennte sie nichts. Rubin packte einen unglaublich fiesen Trick aus, den die Country-Yuppies aus Nashville schon längst bei Todesstrafe verboten hatten: er wollte dem Künstler völlige Freiheit lassen. Und als Cash Rubin fragte, welche Art von Platte er ihm vorschlagen würde, beschrieb Rubin Cash die Platte, die Cash "seit 30 Jahren erfolglos Plattenfirmen vorgeschlagen" hatte: Songs, die er allein mit seiner Stimme und seiner Gitarre vorträgt.

American Recordings war ein schöner Tritt gegen alle Marktgesetze und in die Eier der drögen Country-Mainstream-Welt, aus der Rubin für Cash den Weg sozusagen freigeschossen hat. Cash sang seine Songs von Gott, Liebe, Mord, Altwerden, Sterben mit einem unüberhörbaren "Fuck Off, Welt!" und so düster, als hätte er ihr, unser Ende zu verkünden. Kein Moralprediger, kein Unterhalter, sondern einer, der alles gesehen, mitgemacht, überstanden und nichts mehr zu verlieren hat und jetzt zu sagen scheint, ihr könnt mir zuhören, ihr könnt es auch lassen. Nicht als Tina Turner, sondern als "der Bad Lieutenant der Countrymusik" (Karl Bruckmaier) eroberte sich der über 60-jährige ein neues Publikum, von dem wohl kaum jemand wusste, dass die Geschichte von Kurt Cobain so ähnlich war wie die von Hank Williams.

Der Finger

Bei Unchained wurde Cash dann wieder begleitet, hauptsächlich von Tom Petty und seiner Band. Auch hier ist der alte Mann so weit weg vom gängigen Country-Sound, wie's nur geht. Neben einigen todtraurigen Balladen werden Klassiker wie Country Boy, Mean Eyed Cat oder I've Been Everywhere auf eine Art durchgebrettert, die einerseits auf die für alle Zeit phantastische scharfe erste Phase von Rockabilly zeigt (ohne den berühmten alten Cash-Boom-Chicka-Boom-Sound zu kopieren), und die andererseits wie der Beweis funktioniert, dass Einflüsse von Punk bis Grunge der Countrymusik eine Frische und Spannung verleihen, die dem langweiligen Nashville-Popscheiß immer fehlen wird. American Recordings hatte den Award für die beste Folk-Platte bekommen, Unchained wurde zur besten Country-Platte des Jahres gewählt. In einer ganzseitigen Anzeige im Billboard Magazine bedankten sich Cash und Rubin "für die freundliche Unterstützung beim Nashville-Country-Establishment und bei den Country-Radios": mit einem Foto von Cash, mit wutverzerrtem Gesicht und ausgestrecktem Mittelfinger.

Kann Passieren

Cashs Comeback-Album American Recordings 1994 ist sicher das stärkste Zeichen dafür, dass Country seit den 90-ern ein Revival erlebt. Sogar in Deutschland konnte man auf die Idee kommen, dass diese Musik vielleicht doch mehr zu bieten hat als Truck Stop, durch Bands wie Beasts Of Bourbon, Giant Sand, Uncle Tupelo oder natürlich die als Musikreiseführer besonders geeigneten FSK.

Mein eigener Zugang war sicher der von vielen, die außer Cash kaum was kannten. Über die 80-er Memphis-Neo-Rock'n'Roller wie Cramps oder Tav Falco Panther Burns geriet ich an den immer noch stur tätigen Original-Rockabilly Charlie Feathers, der zeitgleich mit Cash angefangen und Sun Records-Touren mit ihm gespielt, aber es nie geschafft hatte. Nur einen Kick weiter war man schon beim allgemein als Größten aller Zeiten eingeschätzten Hank Williams und seinen todtraurigen Love-Songs, die dennoch diesen gewissen Beat hatten und diese Chak-Chakka-Chak-Gitarre. Als Punk-infizierter Mensch war man auch empfänglich für die Tatsache, dass Williams die fleischgewordene Parole "Live fast, die young!" war. Er starb am Neujahrstag 1953, und zwei Jahre später war Cashs Boom-Chicka-Boom-Sound die Fortsetzung.

In den USA entstanden in diesen Jahren neue Szenen, die sich mehr oder weniger stark aus diesen Wurzeln bedienten. Die Begriffe Americana und altcountry www.rockzines.com/altc/index.shtml tauchten auf. 1995 präsentierte sich in Chicago das neue Label Bloodshot Records mit dem Kampfruf Insurgent Country (den auch die umfangreichste Homepage über diese Szene benutzt). Aufständisch gegenüber dem Country Establishment, symbolisiert durch Nashville, das die guten, spannenden, wilden Aspekte dieser Musik mafiamäßig in einem Betonkleid versenkt hat.

Cashs (Musik-)Geschichte. Cash war jetzt draußen aus Nashville und mit Rick Rubin. Cash zeigte öffentlich den Finger. Sie kannten das Zeichen nicht nur, aus der Ecke kamen sie alle. Wir.

Im Zentrum der inzwischen stabilen und veröffentlichungsfreudigen Bloodshot Records - mein Lieblingslabel auf diesem Gebiet, Andre Williams "Red Dirt" ist wahrscheinlich ihre bekannteste Platte hier - steht Jon Langford, Kopf des linksradikalen Punk-Klassikers The Mekons) aus Leeds, mit seiner phantastischen neuen, keinen fußbreit nach rechts gerückten, schwer countryfizierten Band Waco Brothers, die gerade mit Electric Waco Chair ihr fünftes Album veröffentlicht haben. 1988 hatte Langford in England eine Aids-Benefiz-Platte mit Cash-Covers produziert (Marc Almond singt Man In Black), und 1994 machte er die Fortsetzung "Misery loves Company - Jonboy Langford & The Pinevalley Cosmonauts explore the dark & lonely world of Johnny Cash".

Dass seit den 90-er Jahren eine Menge Musikfans hier auch Country wieder auf der Rechnung haben, das hat nach meiner Erfahrung wenig damit zu tun, dass eine Schutzzone gegen Pop und elektronische Musik gesucht wurde. Ich glaube, der stärkste Reiz war, hinter den riesigen (nicht zu Unrecht existierenden) Klischees ein riesiges Neuland zu entdecken, in dem es eben nichts gibt, was es nicht gibt. Was nicht heißt, es wär nichts dran, wenn Die Aeronauten singen: "Mit dem Alter fängt man an, sich für Country Musik zu interessieren". Nur wer davon nichts mitbekommen hatte, für den war 1997 das Debüt - "Vogelbeobachtung im Winter" der Hamburger Band "Fink" ein Schuss aus dem Nichts (sicher, Nils Koppruchs großartige deutsche Texte waren tatsächlich überraschend). In den 80-ern undenkbar, gibt es inzwischen eine ganze Horde Bands, die sich von Country irgendwie haben inspirieren lassen. Das kann im Detail hier nicht diskutiert werden, aber allein in den letzten Wochen sind bei mir neue Produktionen angekommen von den Nürnbergern Smokestack Lightnin', von den Kölnern Jim Wayne Swingtett, von den von mir besonders heiß geliebten Hamburgern Cow (in der Mitte die Ex-Braut Haut Ins Auge Peta Devlin) die Debut-CD gleichen Titels, und außerdem die Compilation Land Of The Kantrie Giants des Hamburger Labels xxs-Records. Nicht zu vergessen, dass der von seiner Ehefrau geschriebene Cash-Hit Ring Of Fire kürzlich in den deutschen Charts war.

Einsamer Mann

Anders als die beiden ersten Teile ist der Abschluss der American-Trilogie von sanfter Melancholie geprägt, und wer gläubig ist, muss Solitary Man als Geschenk Gottes sehen, die Platte, an die keiner mehr geglaubt hat. Es muss die Stimmung sein, die ein Todgeweihter, den der Kahn schon fast auf der anderen Seite des Jordan abgesetzt hat, mit zurück bringt. Im letzten Song Wayfaring Stranger erzählt er davon, dass er an diesem Grenzfluss steht und sich schon darauf freut, seine Eltern und andere Geliebte wieder zu sehen. Es ist ein zurück gelehntes, kein in Traurigkeit oder Todessehnsucht versunkenes Werk. Seine Stimme ist brüchig, aber er ist immer noch der unberechenbare "natural outlaw", der schweren Stoff wie Nick Caves Monolog eines zum Tod Verurteilten bringt (The Mersey Seat) und ebenso das Liebeslied Field Of Diamonds, begleitet von seiner Frau June Carter und Sheryl Crow. Er überblickt das ganze letzte Jahrhundert, vom humorvollen, 100 Jahre alten Vaudeville-Klassiker Nobody bis zu Tom Pettys Rebel-Song I Won't Back Down, vom Spiritual, mit dem er als Kind einen Gesangswettbewerb gewonnen hat bis zu Will Oldhams I See A Darkness - seht her, das ist das musikalische Land, das ich bewohnt habe, und was ich euch bringe, sind nur die wichtigen Dinge daraus.

Die Hälfte der Platte besteht aus eigenen Songs, und völlig unerwartet kommt sein I'm Leavin' Now, wie ein Honky Tonk Klassiker, wie eine Reminiszenz an die gute alte Drogen & Haudegen-Zeit. Baby, ich hau jetzt ab, denn ich habe dich satt, und "I won't give a nickel for another fuck". Damit war nicht zu rechnen, dass Cash nochmal das schlimme F-Wort in den Mund nimmt! Für die Aufnahme hat sich Cash zum ersten Mal mit Merle Haggard zusammen getan, auch einer der großen alten Countrysänger. Ein besonderes Treffen: Bei Cashs erstem Konzert im Gefängnis San Quentin vor über 40 Jahren saß Haggard in der ersten Reihe. Das Erlebnis war so stark, dass es sein Leben änderte - 37 No.-1-Hits können das bezeugen. "This album has been a long time coming, and I feel another in there somewhere", hat Cash zu Solitary Man geschrieben, und Wiglaf Droste hatte eine Antwort dazu, die mir aus der Seele spricht: "Beten gehört nicht zu meinen Gewohnheiten, aber dafür, dass Johnny Cash vielleicht noch eine Platte besingt, kann man ganz eigensüchtig auf die Knie gehen."

Huhn in Schwarz

In jedem Text über Cash, und wenn er nur 20 Zeilen lang ist, muss der Ausdruck "Man In Black" verwendet werden. Mit diesem Song von 1971 war er der einzige Country Star, der etwas gegen den Krieg der USA in Vietnam sagte, verbunden mit dem Mitgefühl für alle Elenden, die Hungernden, die Häftlinge, die Hoffnungslosen, die Betrogenen hier und dort, und er werde so lange schwarz tragen, bis die Verhältnisse sich besserten. "till things are brighter, I'm the man in black." Ich finde, es ist bis heute eine gute Hymne, aktuell interpretierbar gegen die Verbrecher des Neoliberalismus. Dennoch, Cash ist nicht der linke Country-Protestsänger wie er von Leuten wie mir gerne gesehen wird (wir haben da kein ganz falsches, aber ein etwas unscharfes Bild). In seiner neuen Autobiographie erzählt er über die Man In Black-Phase enttäuschend wenig, und dann auch noch dies: "Ich hatte keine klare Haltung, ob der Krieg richtig oder falsch war."

Und er korrigiert da sogar eine Geschichte, die x mal kolportiert wurde, auch von mir in meinem Buch über Country Musik "Auf des toten Mannes Kiste"www.franzdobler.de. Als Cash eingeladen war im Weißen Haus für Präsident Nixon zu spielen, habe er sich geweigert - (ich zitiere jetzt eine Quelle, die ich nicht mehr finden kann, und ich weiß nicht, warum ich sie im Buch nicht angegeben habe) - "vom Präsidenten gewünschte Spottgesänge auf die Hippies und sozial Unterprivilegierten vorzutragen". Songs wie Welfare Cadillac und Merle Haggards von heute aus betrachtet berechtigter, damals als Rechtschaffenheits-Flagge benutzter Anti-Hippie-Song (I'm proud to be an) Okie from Muskogee. Ist ja nicht so, dass die Weigerung nicht zu Cash gepasst hätte. Aber der Man In Black hat sie nicht gespielt, weil "ich sie einfach nicht draufhatte", und er gibt zu, dass er froh war, das Problem Nixons Musikwünsche damit umgehen zu können. Als der Man In Black Mitte der 80-er von seinem langjährigen Label rausgeekelt wurde, beschloss er, sich "einen Spaß zu erlauben. Die letzte Platte, die ich bei CBS ablieferte, hieß Chicken In Black, und sie war mit voller Absicht miserabel."

Die Platte hätte ich gern. Aber ist sie jemals erschienen? Wo sie nichtmal auf der besten und ausführlichsten Fan-Homepage, die natürlich maninblack heißt, gelistet ist. Kursieren Aufnahmen? Wo doch sogar die Outtakes von American Recordings kursieren. Woher kommen diese Sachen eigentlich immer? Wieso hat niemand eine Columbo-Folge darüber geschrieben? In einem Rolling Stone-Interview im April dieses Jahres sagte der M.I.B., dass er für das neue Album 28 Songs aufgenommen habe, 14 kamen also nicht drauf (auch Hank Williams' On The Evening Train), wo sind sie jetzt und wann sind sie hier?

In seinem Artikel Black Cowboys And The Nashville Blues, den Jonathan Fischer für mein Buch geschrieben hat, erzählt er (nicht ohne die Quelle zu nennen, Nat Hentoffs Listen To The Stories), dass Charlie Parker in den frühen 50-ern Sessions mit Ray Prices Countryband "hingelegt" hat. "Die Mitschnitte - sollte es welche geben - vergammeln wahrscheinlich im Keller von Sony" (die CBS gekauft haben). Kann vielleicht mal jemand nachsehen? Vielleicht gibt's da ein Regal, das mit "Old Country Shit" bezeichnet ist, und da liegt auch das Chicken In Black vom Man In Black.

Mann in Schwarz

"Sometimes at night. When I hear the wind. I wish I was crazy again."

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