Medien und Politik vom Joschka-Virus befreien ...

06.01.2001

Bettina Röhls Internet-Kreuzzug gegen Joschka Fischer

Den Joschka gibt es jetzt auch als Video. Wer sich auf die Seiten von Spiegel-Online klickt, findet dort ein RealVideo, das unseren Bundesaußenminister beim Straßeneinsatz zeigen soll. Unscharfe Bilder einer Straßenschlacht, an der der einstige Frankfurter Sponti Joschka Fischer beteiligt gewesen sein soll.

Der Aussagewert dieser Aufnahmen ist allerdings gering. Aber der Betroffene selbst hat ja längst (nicht nur im "Stern") bestätigt, was eh alle wussten, dass er also in seiner Jugendzeit zur militanten Linken gezählt habe. Das ist zwar der Schnee von vorvorgestern. Und so recht mag sich darüber auch nur die CDU aufregen, die den Rücktritt Fischers gefordert hat. Selbst die Bild-Zeitung schließt sich dieser Forderung nicht an. Und während bürgerlich-liberale Zeitungen wie die Süddeutsche dem Außenminister den Rücken stärken, befragen andere Blätter wie beispielsweise die Hannoversche Allgemeine Zeitung in ihrer Samstagausgabe betont witzig Lokalpolitiker nach ihren politischen Jugendsünden. Und siehe da: sogar der niedersächsische Ministerpräsident Sigmar Gabriel hat früher heftig bei Anti-Atomkraft-Demos auf die Pauke gehauen und wurde eine Zeitlang nach eigenen Eingaben vom Verfassungsschutz überwacht.

So weit, so komisch. Und obwohl man Äpfel nicht mit Birnen vergleichen soll, sei dennoch die Frage zwischendurch erlaubt, wie denn die mediale Öffentlichkeit wohl reagieren würde, wenn ein x-beliebiger Landesminister zugeben würde, dass er als Jugendlicher einer rechtsradikalen Gruppe angehört und ausländerfeindliche Aktionen begangen habe? Auch das eine Jugendsünde, über die man heute nostalgisch amüsiert hinwegsieht? Oder der Anlass für einen sofortigen Rücktritt?

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Dass Außenminister Fischer seinen Rücktritt doch noch einreicht, das ist offenbar die Absicht Bettina Röhls, der Tochter Ulrike Meinhofs, die dem Stern und der Bild-Zeitung das vermeintlich inkriminierende Material über den Straßenkämpfer Fischer zur Verfügung gestellt hat. Über ihre Motive lässt sich natürlich trefflich spekulieren. Über ihre Internet-Seite will sie jedenfalls demnächst noch mehr Material über Fischers angebliche Untaten veröffentlichen - darunter auch, wie Spiegel-Online berichtet, einen mysteriösen Super-8-Film, gegen den die veröffentlichten Fotos Fischer angeblich in einer "vergleichsweise netten" Szene zeigen. Unter der Rubrik Der Fischer will sie dort zukünftig, schreibt die Netzeitung, "aufräumen mit dem Guru, und Medien wie Politik vom 'Joschka-Virus' befreien.

Am heutigen Samstag heißt es dazu auf ihrer Netzseite:

"Deadline
Am 4. Januar 2001 hat Fischer eine Deadline gesetzt. Er hat öffentlich behauptet und auf vielfältige Nachfrage bestätigt, keinen Molotowcocktail geworfen zu haben, nicht mal einen solchen in der Hand gehabt zu haben.
Dies ist Stand der Dinge am gestrigen Tage.
In der Form war es noch nie zu hören, welche Art von Gewalt Fischer nicht angewendet hat. Diese Festlegung haben die von mir veröffentlichten Fotos schon einmal bewirkt.
Nun schaun' wir mal."

Klickt man dann auf den Button "Schlacht", wird einem für "demnächst" spannende Lektüre versprochen. Außerdem wird noch eine Fotogalerie vom prügelnden Fischer angeboten, die bis vor kurzem - nach einem Bericht der Netzeitung - unterlegt gewesen sein soll, mit der Titelmelodie des Films "Spiel mir das Lied vom Tod". Ganz schön harter Tobak. Im Augenblick aber kommen "wir", so Bettina Röhl, leider nicht dazu, täglich die Homepage "aufgrund der vielen Interviewanfragen" zu aktualisieren. Es sei aber viel Neues in Arbeit, werden die Neugierigen gelockt: "Demnächst lesen Sie hier Spannendes!"

Und weil die klassischen Medien offenbar nicht bereit sind, Bettina Röhls Kampagne zu unterstützen, ist dies gleichzeitig der wohl erste Versuch in Deutschland, einen prominenten Politiker übers Netz "abzuschießen". Ob er gelingt, ist allein schon wegen Fischers Popularität eher fraglich. Und ob er überhaupt gelingen sollte, das muss jeder selbst entscheiden - angesichts eigener "Jugendsünden". Was immer das eigentlich genau ist...

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