WOHLSTAND_FUER_ALLE.COM

Artur P. Schmidt 08.01.2001

Manifest für eine Wiederbelebung der Sozialen Marktwirtschaft

Im Jahr 1759 schrieb Adam Smith ein bemerkenswertes Buch: "Theorie der moralischen Gefühle", durch das er berühmt wurde. In diesem Buch suchte er nach Gründen, warum Menschen neben einem gesunden Selbsterhaltungstrieb auch Nächstenliebe und Altruismus entwickeln. Die Theorie des Wohlwollens in der Wirtschaft, eines "Wohlstandes für alle", geht somit auf keinen geringeren als Adam Smith selbst zurück. Er wollte ein breite Volksbildung für alle und entwickelte die Vorstellung eines Wohlstandes für die ganze Nation: "Keine Gesellschaft kann blühen und glücklich sein, wenn die Mehrheit arm ist".

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Der heutige Neoliberalismus hat sich zunehmend von Begriffen wie Demokratie, Hilfsbereitschaft, Solidarität, Menschlichkeit, Wohlfahrt und Wohlwollen verabschiedet. Zu dessen Repertoire gehört heute neben der Allmacht des Marktes und der Globalisierung, vor allem der ausufernde Abbau der Sozialleistungen. Die ständig zunehmenden Härten haben jedoch wenig mit dem gemein, was der frühere deutsche Wirtschaftsminister und Bundeskanzler Ludwig Erhard, der Vater der "sozialen Marktwirtschaft" in seinem Buch "Wohlstand für alle" beschrieb. Dabei ging es Erhard nicht um einen "Versorgungsstaat", den er ablehnte, sondern darum, dass der Mensch in seiner Würde und der Bedeutung seiner Person für das Ganze gestärkt wird.

Abschaffung von Vorschriften

Die führenden Industrienationen, die bisherigen Musterländer an selektiver Überlebensfähigkeit, schaffen es trotz hoher Computerdichte und Vernetzung nicht, eine "Soziale Marktwirtschaft" im Rahmen des WorldWideWeb neu zu erfinden. Doch auf diese Neuerfindung wird es zukünftig ankommen. Als Ludwig Erhard im Jahr 1948 von General Lucius D. Clay, dem Oberbefehlshaber der amerikanischen Streitkräfte in Europa, gefragt wurde, warum er Vorschriften ohne sein Wissen geändert habe, sagte Erhard: "Ich habe die Vorschriften nicht geändert, ich habe sie abgeschafft."

Genau um diese Abschaffung bisheriger Regeln geht es auch in einer Neuen Ökonomie. Ich habe deshalb die Neuerfindung einer solchen wieder auf Solidarität beruhenden Gesellschaft im Zeitalter des Internet Wohlstand_fuer_alle.com genannt. Mahathma Gandhi nannte die Lebensverbesserung für alle vor mehr als 50 Jahren Sarvodaya. In einer solchen Gesellschaft geht es um nichts geringeres, als um das gegenseitige Wohlwollen der Menschen mit dem Ziel, jedem Menschen seine Würde und die Möglichkeit zur Selbstentfaltung zu geben. Im Abschlusskommunique des G 8-Gipfels vom Juli 2000 steht zwar, dass das 21. Jahrhundert ein "Jahrhundert des Wohlstandes" sein muss, aber an den notwendigen Abbau der Machtasymmetrien, einen globalen Schuldenerlasses für die ärmsten Staaten und eine global getragene Umweltpolitik wagt man sich, vornehmlich wegen der dominanten Position der USA, nicht wirklich heran.

Erhards "Wohlstand für alle"

Wohlstand für alle im Rahmen einer menschenwürdigen Ordnung war das Ziel der Väter der Sozialen Marktwirtschaft Ludwig Erhard und Alfred Müller-Armack im Jahre 1948. In seinem Buch "Wohlstand für alle" aus dem Jahr 1957 machte Erhard deutlich, dass er eine "Wirtschaftsverfassung anstrebe, die immer weitere und breitere Schichten unseres Volkes zu Wohlstand zu führen vermag." Die Idee, die hinter dem wirtschafts- und gesellschaftpolitischen Gesamtkonzept der Sozialen Marktwirtschaft steckte, war die Verbindung von sozialem Ausgleich mit der Freiheit der Marktteilnehmer.

Zu den Grundbestandteilen der Sozialen Marktwirtschaft, die Ende der 50er Jahre zum deutschen Wirtschaftswunder führte, zählte dabei vor allem die persönliche Freiheit des Einzelnen, soziale Gerechtigkeit und ökonomische Leistungsfähigkeit. Besonderes Gewicht legte Erhard auf das Wettbewerbssystem, vor allem auf seine Sicherung durch Unterbindung von Kartellen und Monopolen. Ludwig Erhard verstand den Staat als eine Art "Schiedsrichter im Fußballspiel". Dieser müsse überall dort eingreifen, wo der Markt versagt. Und dieses Versagen lässt sich heute am besten im Musterland des Neoliberalismus, den USA, verfolgen. Das von Erhard geforderte Maßhalten wurde dort während der Amtszeit Reagans geradezu ins Gegenteil verkehrt und in Folge von den anderen führenden Industrienationen kopiert. Der Neoliberalismus hat heute eine Ellbogenmentalität hervorgebracht, die den Gemeinsinn, den Erhard forderte, völlig untergraben hat. Hierbei von einem Wirtschaftswunder zu sprechen, ist im Grunde genommen blanker Hohn. Nach der Definition des Augustinus ist ein Wunder ein Ereignis, das nicht im Widerspruch zur Natur steht, sondern nur in Widerspruch zu dem, was wir von der Natur wissen. Deshalb veranlasst uns lediglich das mangelnde Wissen über die Komplexität von Netzwerken von einem elektronischen Wirtschaftswunder zu sprechen.

Ökosysteme des Wohlstandes schaffen

Knapp 44 Jahre nach Ludwig Erhard muss es das Ziel sein, eine globale Ökonomie zu schaffen, die den Gemeinsinn aller Bürger des Planeten zu neuem Leben erweckt. Wettbewerb allein recht heute für die Schaffung eines "Wohlstandes für alle" nicht mehr aus. Da es im Rahmen einer vernetzten Welt sowohl auf Kooperation als auch auf Wettbewerb ankommt, benötigen wir eine Wirtschaftspolitik, die das Überleben des Gesamtsystems unseres Planeten in den Mittelpunkt des Handelns stellt. Sozialisierung des Fortschritts im Sinne Erhards ist im WWW, die kostenlose Freigabe des Wissens und der Aufbau von sozialen und ökologischen Innovationen, die nahezu automatisch alte unwirksame Strukturen verschwinden lassen können.

Eine Wirtschaft, die auf Kooperation setzt, muss jedoch gelenkt werden, so wie jedes Team einen Team-Manager benötigt, damit es die gestellte Aufgabe erreichen kann. Aktuell haben wir das Bestreben, einer auf Wettbewerb basierenden Wirtschaft, völlig freien Lauf zu lassen. Dies widerspricht jedoch selbst Adam Smith, der das Wort vom "laissez faire" niemals benutzte und der staatliche Eingriffe durchaus für notwendig erachtete. Die Folge von unregulierten Märkten sind extreme Volatilitäten und damit verbunden erhebliche konjunkturelle Schwankungen. Erhards Forderung nach Eindämmung dieser extremen Zyklen steht deshalb im Einklang mit einem Kartellgesetz, welches den Aufbau von Monopolen wirksam zu bekämpfen versucht. Es hat den Anschein, dass extremer Monopolismus auch zu extremen Volatilitäten und Vermögensdisparitäten führt. Insofern muss es die Aufgabe des Staates sein, beide zu dämpfen, wenn er einen "Wohlstand für alle" erreichen will.

Win-Win-Situationen durch das WWW

"Nutzen-Nutzen-Relationen" sind im Internet die entscheidende Voraussetzung, damit Teilnehmer dort "Win-Win-Spiele" spielen können. Mit derartigen Spielen gelingt es, die Zahl der Verlierer und den Grad des Verlierens zu minimieren. Diese Überlegung steht im Gegensatz zur sogenannten Old Economy, in der im Rahmen eines gnadenlosen Wettbewerbs die Zahl der Verlierer maximiert wird.

Die Web-Ökonomie ist ein Raum-Zeit-Kontinuum mit einer eingebauten besonderen Endo-Regel: Wer erfolgreich sein will, muss viele andere Teilnehmer eines Netzwerkes stärken. Nur so lassen sich die autokatalytischen Kräfte, die in jedem sozialen und ökologischen Gefüge stecken, voll zur Entfaltung bringen. Im Netzzeitalter wird sich ein "Wohlstand für alle" nur durch einen "Wohlstand durch Ko-Evolution" erreichen lassen, d.h. aus einer sinnvollen Synthese von Kooperation und Wettbewerb ("Competition"), der sogenannten Koopetition, ein Begriff, der vom Gründer der Netzwerkfirma Novell, Ray Noorda, geprägt wurde. In einer Wirtschaft, die Wohlstand für alle schaffen will, geht es um die Schaffung von Win-Win-Situationen und nicht um die Maximierung des Loser, wie dies heute praktiziert wird. Die Net Economy ist keine Wirtschaft, die vollständig aus Wettbewerb besteht, wie die bisherige Old Economy, sondern es ist eine Wirtschaft, die sowohl aus kooperierenden Teams und Partnerschaften als auch aus konkurrierenden Produkten besteht. Dabei können durchaus bisher sich als Wettbewerber begegnende Firmen wie AOL oder Earthlink plötzlich ein neues Produkt gemeinsam hervorbringen.

Vermeidung von Nullsummenspielen

Der ungarische Mathematiker John von Neumann und der österreichische Ökonom Oskar Morgenstern legten in ihrem 1944 erschienenen Buch Spieltheorie und ökonomisches Verhalten die Grundlagen für eine Theorie der Win-Win-Situationen. Es war das erste Mal, dass es gelang, eine Theorie über Interaktivität in ein Modell zu bringen.

Bei Nullsummenspielen stehen sich die Interessen der Spieler diametral gegenüberstehen. Was das eine Unternehmen gewinnt, verliert das andere an Marktanteil. Von besonderem Interesse sind jedoch gerade diejenigen Situationen, bei denen möglichst viele bzw. alle Teilnehmer gewinnen können. Im Jahr 1994 bekamen die Wirtschaftswissenschaftler Reinhard Selten, John Harsanyi und John Nash für derartige Ausarbeitungen zur Spieltheorie den Ökonomie-Nobelpreis. In einer Net Economy, in der genau diese Fragestellung interessant ist und die auf Innovation und Werterzeugung basiert, werden neue Formen der Zusammenarbeit, Partnerschaften und Allianzen immer wichtiger. Für Peter Drucker werden diese sogar zum wichtigsten Organisationsprinzip der Net Economy überhaupt. Das Kapital eines "Wohlstandes für alle" sind hierbei Wissensarbeiter, Technologien, Netzwerke, geteilte Wertvorstellungen sowie gegenseitiges Vertrauen. Wer soziale Innovationen schaffen will, muss dieses Kapital so nutzen, dass möglichst alle davon profitieren.

Verwirklichung von echtem Fortschritt

Ludwig Erhard ging es darum, auf eine unredliche Politik zu verzichten, die nur an optischen Scheinerfolgen interessiert ist. Es ging ihm um die Verwirklichung von "echtem Fortschritt", der nur durch die Verschmelzung von Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik erreichbar wird.

Das Problem Europas ist, dass die Wirtschaft von der Politik entkoppelt wurde. Die Einführung einer europäischen Währung vor der politischen Einigung belegt diese falsche Entwicklung am besten. Die Konsequenz ist, dass in fast allen Gesellschaften der Europäischen Union immer mehr Menschen vom Wohlstand ausgeschlossen sind. Damit folgt man dem amerikanischen Beispiel der Aufgabe der Gesellschaftspolitik zu Gunsten eines Wirtschaftswachstums um jeden Preis. In einem System, das zu schnell wächst, gibt es allerdings erhebliche Probleme, wenn die Wirtschaft in eine Rezession gerät. Dann entlässt die Marktwirtschaft ihre Kinder in Form neuer Massenentlassungen und im nächsten Aufschwung kann dann die nächste Runde des Sozialabbaus eingeleitet werden. Dass dies in einer Zeit modernster Technologien nicht mehr hingenommen werden kann, wird immer offensichtlicher.

Die Forderung nach einem "Wohlstand für alle" lässt sich aufgrund des neuen Mediums Internet heute sogar besser realisieren als zu Zeiten eines Ludwig Erhard. Die entscheidende Frage für einen Erfolg ist jedoch, ob es gelingt, eine weltweite Solidarität zwischen den Bürgern des Planeten durch das WorldWideWeb zu schaffen, die sich über nationalstaatliche Interessen hinwegsetzt. Es geht heute längst nicht mehr um einen Interessenausgleich innerhalb von Staaten, sondern das Schicksal der Menschheit als Ganzes steht auf dem Spiel. Wenn der ehemalige BDI-Präsident Henkel meint, dass er keine Armen kenne würde, so ist dies bezeichnend für eine Wirtschaft, die sich nur noch aus sich selbst legitimiert. Der Neoliberalismus hat im globalen Maßstab geradezu zu Weimarer Verhältnissen in Bezug auf Massenarbeitslosigkeit, Ungerechtigkeit und Ausbeutung geführt. Deshalb ist ein freier Welthandel, der sich nicht auf die soziale Marktwirtschaft bezieht, nicht nur gefährlich, sondern geradezu unmenschlich. Diese Form des Handels degeneriert den Menschen zur Maschine und blendet dessen Menschwerdung vollständig aus. Es gilt deshalb nicht, den Menschen an die Technologien anzupassen, sondern es ist vielmehr die Anpassung der Technologien an den Menschen erforderlich.

http://www.heise.de/tp/artikel/4/4637/1.html
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