Vom Baum der Erkenntnis

Konrad Lischka 10.01.2001

Mit dem neuen Betriebssystem OS X wird man Apples iMac auch angeschaltet schön finden

Auf seiner Eröffnungsrede zur Macworld in San Francisco zeigte Steve Jobs eine Vorabversion von Mac OS X, das am 24. März in der endgültigen Fassung zum Preis von 129 Dollar auf den Markt kommen soll. Apple folgt mit seinem wunderschönen Betriebsystem OS X der Warnung Vilém Flussers: Der Nutzer einer mediatisierten Wirklichkeit muss sich seiner Rolle als Konstrukteur bewusst sein.

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Apples iMac ist wohl der erste Computer, den man anschaut, wenn er ausgeschaltet ist. Mit dem neuen Betriebsystem OS X wird man ihn wohl auch angeschaltet schön finden. Halbtransparente Menüleisten, animierte Logos, weggesaugte Fenster - ein Betriebsystem zum Anschauen.

Und doch gab es eine Zeit, da bekamen Programmierer ihre Computer selten zu sehen. In den 50er und auch noch in den 60er Jahren standen die millionenteuren Großrechner in hermetisch abgeriegelten Räumen, die nur von wenigen Auserwählten - meist in weißen Kitteln - betreten werden durften. Programmierer gaben ihnen ihre Programme als Lochkarten, die Ergebnisse erhielten sie frühestens am nächsten Tag.

Eigentlich treibt der Computer die Industrialisierung der Wissensproduktion voran. Nicht zuletzt wegen dieser Hoffnung auf einen konstanteren Ergebnisausstoß unterstützte die amerikanische Defence Advanced Research Projects Agency (DARPA) des US-Verteidigungsministerium seit 1958 die Ausstattung von Universitäten mit Computern und deren Vernetzung. Die Ästhetik der Großrechner hingegen erinnert an die vorindustrielle Aura, die Walter Benjamin dem Kunstwerk im Zeitalter vor seiner technischen Reproduzierbarkeit zuschrieb. Damit meinte er die somnambule Beschränkung des bürgerlichen Betrachters, der nie über die Grenze der sinnlichen Erfahrung hinaus in Richtung Transzendenz aufbrach. Diese Aura verschwindet, wenn das Objekt der sinnlichen Erfahrung unendlich oft herzustellen ist.

Die frühen Computer jedoch waren einmalig. 1960 waren in den USA gerade mal 6000 in Betrieb. Die Rechenräume glichen Kultstätten, das darin produzierte Wissen blieb einer Elite vorbehalten. Dem Rest der Bevölkerung musste es als Magie erscheinen. Programmieren wurde nicht als Kommunikation erkannt, sondern als Zauberei bestaunt und gefürchtet. Ein wenig änderte sich das mit Rechnern, die in Echtzeit die Befehle der Programmierer verarbeiten konnten, wie jene der PDP-Reihe von Digital Equipment. Die Arbeit der Programmierer ähnelte nicht mehr dem Anrufen einer Gottheit mit der Hoffnung auf eine Antwort, sondern war eher ein gleichberechtigtes Gespräch: Der Programmierer wartete nicht Tage auf Ergebnisse, sondern erhielt in Sekunden eine Antwort auf jede Programmzeile. Und doch mussten die Nutzer sich die Fähigkeit zur Kommunikation mit diesen Geräten lange Zeit lernen, um dann für wenige Stunden Rechenzeit in Universitätshallen zu pilgern.

Das änderte sich erst 1977, als Steve Wozniak und Steve Jobs den Apple II entwarfen. Das Gerät war revolutionär: Den Preis von 666,66 Dollar machte Rechenkraft in der Dimension der Großrechner der 60er Jahre für eine große Bevölkerungsgruppe verfügbar. Aber vor allem das Design begann den Aufbruch in ein neues Zeitalter der Computernutzung: Der kleine, beige Kasten des Apple II passte bequem auf einen Schreibtisch. Technik wurde nicht nur für jedermann benutzbar, sondern auch spür- und sichtbar. Der Computer war nicht mehr eine Black Box in abgeschirmten Hallen, aus denen Ergebnisse kamen, die zwar jedermann respektierte, deren Herkunft aber viele in einer mythische Dunkelheit verorteten. Die nichthinterfragte Ehrfurcht gegenüber einem Gerät, das aussieht wie eine Brotbox und in derselben Ausführung auf unzähligen Schreibtischen steht, hält sich in sicheren Grenzen. Was Benjamin durch die Ästhetik der Massenmedien für das Kunstwerk gegeben sah, realisierte Apple für die neue Informationstechnologie: Eine Demokratisierung des Zugangs.

1984 dann brachte Apple den Macintosh auf den Markt. Das neue Design des Betriebssystems OS 1 dieses Rechners war eine Übertragung von Benjamins Gedanken auf die Software. Schon in den 20er Jahren hatte der österreichische Soziologe Otto Neurath kritisiert, dass einem Großteil der Bevölkerung der Zugang zu den neuen Wissensreserven derart erschwert werde, dass Wissen allein einer Elite vorenthalten bliebe. Nichts anderes geschah bis in die frühen 80er in der Informationstechnologie, die nicht nur zu einer eigenständigen Wissenschaft, sondern auch zur Voraussetzung für die Beschäftigung mit vielen anderen Wissenschaften wurde.

Neurath forderte eine Ergänzung des abstrakten Schriftkonzeptes durch eine neue Kulturtechnik. Mit einem Grafiker-Team entwarf er eine Bildersprache für abstrakte Erkenntnisse. Von ihr stammen nicht nur Piktogramme, Infografiken und optische Navigationshilfen, sondern auch Apples Betriebsystem für den Macintosh. Während die Navigation durch den Informationspool des Computers bis dahin mittels eingetippter Befehle auf der Tastatur erfolgte, schaffte Apple eine grafische Oberfläche, wie die meisten heutigen Nutzer sie von Microsofts Windows-Familie kennen, deren Erstling 1985 erschien. Wie radikal Apple die Idee des Computers neu definierte, zeigt ein simples Beispiel: Um eine Datei zu löschen, mussten Macintosh Nutzer nicht mehr einen kryptischen Befehl wie del Dateiname eintippen, sondern sie zogen einfach mit der Maus die Datei in einen kleinen Mülleimer.

Das revolutionäre an Apples grafischer Oberfläche des Betreibsystem war vor allem die Idee, dass medialer Wandel keine Naturgewalt, sondern ein gestaltbarer Entwicklungsprozess ist. Apple Unternehmenspolitik in den 80er und frühen 90er Jahren hingegen war nicht von Neuraths und Benjamins Idee der Demokratisierung des Zugangs bestimmt: Mit allen Mitteln hielt Apple die Funktionsweisen seines Betriebssystems geheim, so dass niemand es unkontrolliert oder gar unerlaubt weiterentwickeln konnte. Der IBM PC hingegen hatte eine offene Architektur, die zum Nachbauen, Neubauen und Klonen einlud. So zog der technisch zurückgebliebene PC in den späten 80ern am Apple II vorbei, weil er schlicht billiger war.

Apple ermöglichte zwar einen breiten Zugang zur Informationstechnik des Computers, verhinderte aber einen Anpassung dieses Wegs durch seine Benutzer und so eine tatsächliche Demokratisierung. Denkansätze für eine neue Art der Organisation von und Navigation durch Information gab es schon längst. Der Ingenieur Vannevar Bush, der während des 2. Weltkrieges die amerikanische Forschungs- und Waffenentwicklung leitete, skizzierte 1945 in einem Essay für das Magazin Atlantic Monthly ein System der assoziativen Indexierung von Information für den sinnvollsten individuellen Gebrauch.

Ein Betriebssystem nach diesem Prinzip der Anpassung des Indexes an seinen Benutzer in Verbindung mit dem grafischen Zugang des Macintosh hätte der Traum des Kommunikationswissenschaftlers Vilém Flussers werden können. Er sah die Grenze zwischen Medienwirklichkeit und Wirklichkeit verschwinden, weil letztere sich ebenfalls als Konstruktion entpuppte. Flusser warnte, dass nicht ein Übernehmen der mediatisierten Wirklichkeit, sondern allein das bewusste Annehmen und Ausüben der Rolle als Konstrukteur der Ausweg sei. Eben dieses Bewusstsein hat Apple nie gefördert.

Doch seit Steve Jobs, der 1997 zurückgekehrte Mitgründer des Unternehmens, die Geschäftsführung übernahm, scheint Apple von seiner Prämisse der mediatisierten Wirklichkeit der Benutzeroberfläche als einzig gültige abzurücken. Das Design des Massenprodukts iMac greift die Tugend des Apple II auf: Sichtbarkeit der Technik. In den Jahren zuvor tat Apple alles, um die Technik verschwinden zu lassen. Zwar stand der Rechner noch sichtbar auf dem Schreibtisch, doch wirkte das betuliche, eckige Beige wie eine Tarnfarbe. Der iMac hingegen ist bunt und seltsam rund. Der Benutzer kann nicht anders, als seine Form zu betrachten und sich dadurch der Konstruiertheit bewusst zu werden. Dass die zweite Generation der iMacs dank einer durchsichtigen Hülle den Blick ins Innere auf Platinen und Chips ermöglicht, unterstreicht, dass hier Technik bewusst wahrgenommen werde soll.

Das neue Apple Betriebsystem OS X vereint die bisherige Tugend Apples des einfachen Zugangs mit einer neuen Offenheit. Die grafische Benutzeroberfläche des neuen Systems erinnert mit ihren bunten Animationen sehr an das Design des iMac. Das Arbeiten mit dem neuen Interfacedesign Auqa ist nicht nur einfach, sondern sogar schön anzuschauen - etwa wenn ein offenes Programmfenster beim Minimieren in die Menüleiste gesaugt wird. Wirklich revolutionär für Apple ist allerdings die Offenheit des Programmcodes des Systems. Jedermann, der mit Darwin, dem Programmkern von OS X arbeiten will, erhält diesen kostenlos bei Apple. Apple hat Anfang Januar die Bedingungen hierfür erheblich gelockert. Die neue Apple Public Source License (APSL) verlangt von Entwicklern nun nicht mehr eine Benachrichtigung über jede Änderung des Quellcodes und behält sich auch nicht die jederzeit mögliche Widerrufung der Lizenz vor. Ob dies für einen Erfolg wie beim gänzlich freien Betriebsystem Linux ausreicht, ist fraglich. Aber immerhin macht es Apple seinen Benutzern die Rolle als Konstrukteur nicht nur bewusster, sondern auch einfacher.

Allerdings ist die Arbeit am Programmcode und somit am Indexierungsmodus von Informationen seit den Anfängen am Großrechner trotz interessanter Ansätze wie objektorientierten Programmiersprachen nicht im selben Maß einfacher geworden wie die Navigation durch den Informationspool mit Hilfe einer grafischen Benutzeroberfläche. Apple könnte hier noch eine Menge tun, auch wenn Programmiersprachen nie eine iMac-Ästhetik haben können. Schließlich ist das Sprechen über die gekrümmte Raumzeit auch etwas anderes als das Beschreiben des Wegs zur nächsten Haltestelle.

http://www.heise.de/tp/artikel/4/4651/1.html
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