Besitz wird durch Zugang, Autonomie durch Eingebundensein in ein Netzwerk ersetzt

Sylvia Englert 11.01.2001

Gespräch mit Jeremy Rifkin

Jeremy Rifkin ist Gründer und Vorsitzender der Foundation on Economic Trends in Washington. Bekannt wurde er durch seine Kritik der Computer- und der Biotechnik. In seinem neuen Buch Access Das Verschwinden des Eigentums (2000) stellt er anhand vieler Beispiele die These auf, dass der Internetboom eine ganz neue Ökonomie schafft, in der der schnelle Zugriff auf Ideen, Erfahrungen, Güter und Dienstleistungen dauerhaften und schwerfälligen Besitz immer mehr ablösen wird. Für Rifkin werden sich auch die Menschen ändern. So sagt er beispielsweise, dass für die Menschen der Dot.com-Generation die traditionelle bürgerliche Autonomie der Tod sei, da sie verbunden und eingebettet sein wollen: "Sie wollen alle Teil des Netzwerks sei."

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Sind Sie selbst Mitglied einer virtuellen Community?

Jeremy Rifkin: Nein, bin ich nicht, aber mein Büro ist online, wir nutzen Email und Internet für ausgedehnte Recherchen. Außerdem stehen wir mit anderen Aktivisten, die sich für eine Bürgergesellschaft einsetzen, per Email in Kontakt.

Hat es Sie überrascht, dass sich die Leute so schnell an die Veränderungen durch die neuen Medien gewöhnt haben?

Jeremy Rifkin: Überhaupt nicht. Die ersten Leute gehen ins Netz, weil sie denken, dass es praktisch ist, eine effizientere Arbeit ermöglicht und Spaß macht. Dann gehen alle anderen auch online, weil sie denken, dass sie sonst weiter und weiter zurückfallen. Die Leute sind verzweifelt damit beschäftigt, aufzuholen und auf der Höhe der Zeit zu bleiben.

Das Problem dabei: Ich habe Geschäftsführer in Hightech-Industrien gefragt, ob sie glauben, dass ihre Lebensqualität und ihr Familienleben, in Zusammenhang mit all diesen zeit- und arbeitssparenden Technologien, die sie einführen, besser geworden sei. Jeder einzelne sagte "Nein". Sie erzählten mir, dass sie weniger Zeit und dafür mehr Stress haben, dass ihre persönlichen Beziehungen sich verschlechtern. Was wir tun müssen, ist, eine starke soziale Vision zu schaffen, damit diese Technologien zu einer wichtigen Verbesserung unseres Lebens werden und nicht zu einem Ersatz für unsere wahre Existenz.

Welche Änderungen in der Mentalität könnte es nach sich ziehen, wenn der Trend wirklich vom Eigentum in Richtung Zugang geht?

Jeremy Rifkin: Bis jetzt definieren wir uns über unseren Besitz. Wenn unser Haus ausgeraubt wird, fühlen wir uns, als hätte man uns selbst geschändet. In dieser neuen Zeit, in der Besitzrechte von Zugangsrechten ersetzt werden und der Austausch von Waren in Märkten den Erfahrungen in Netzwerken weichen muss, entsteht ein neues ökonomisches System. In dieser neuen Ära werden Menschen nicht mehr nach ihrem Besitz beurteilt, sondern nach dem Zugang, den sie haben. Das ist die Metapher einer neuen Generation.

Man könnte vermuten, dass die junge Generation Besitz weniger als Verlängerung des Selbst betrachtet und für sie Autonomie weniger wichtig ist. Vielleicht werden die Jugendlichen mehr auf Erfahrungen, zu denen sie Zugang haben, und auf Netzwerke von Beziehungen Wert legen. Natürlich könnte man auch behaupten, dass wir mit diesem Sinn für Besitz auch unsere Bindungen an Orte verlieren, unseren Sinn dafür, dass wir mit unserer Identität in der Welt verankert sind. In Italien kann jeder junge Mensch für zehn Jahre nach Rom oder Mailand gehen, aber danach zieht es ihn immer wieder in das Dorf zurück, aus dem er kommt. Der Besitz, der Ort, das Land, macht seine Identität aus.

Sie schreiben in Ihrem Buch auch über die ganz andere kognitive Entwicklung der jungen Generation. Glauben Sie, dass das eine positive oder negative Entwicklung ist?

Jeremy Rifkin: Es gibt nur eines, was wir mit Sicherheit sagen können: Wenn jemand behauptet, dass die kognitive Entwicklung der Dot.com-Generation nicht sehr viel anders sein wird als die der bisherigen Generation, dann ist er völlig auf dem Holzweg. Das wäre so, als würde man behaupten, das Bewusstsein der mit Druckerzeugnissen aufgewachsenen Generation sei nicht sehr viel anders als das von Menschen, die nur mündliche Überlieferungen kennen. Mündlichkeit ist direkt, teilnehmend und augenblicklich. Aber wir haben das im Laufe der Entwicklung unserer Gesellschaft aufgegeben und mit dem Buchdruck eine weit größere Verbindung und Reichweite erreicht. Wir haben höhere analytische Fähigkeiten, mehr Introspektive, einen stärkeren Sinn für das Private und das individuelle Selbst, für Reflektion und Projektion.

Robert J. Liftin, ein guter Psychologe, sagt, dass diese Dot.com-Jugendlichen eine viel anpassungsfähigere Psyche haben werden. Sie sind fähig, sich in verändernden Umgebungen, die immer dichter, integrierter, verbundener werden, flexibel zu verhalten. Diese Jugendlichen werden besser im Multitasking sein, werden Systeme, deren Teil sie sind, besser verstehen können. Andere Theoretiker behaupten, dass diese Jugendlichen weniger in sich selbst ruhen, weniger Wurzeln und Selbst haben werden, dass sie zersplitterter in ihrem Denken sind. Ihre Ungeduld wird steigen und ihre Aufmerksamkeitsspanne sinken, so dass sie oft nicht imstande sind, etwas zu durchdenken. Ich meine, dass beide Standpunkte teilweise recht haben könnten. Wir wissen bisher nur, dass es völlig anders sein wird.

Gibt es schon Anhaltspunkte für diese Verhaltensänderungen?

Jeremy Rifkin: Meiner Meinung nach gibt es mehrere verräterische Zeichen, zumindest in den USA Ein Beispiel: Als ich jung war, reisten die jungen Leute meist in Paaren. Heute reisen sie in Rudeln. Wir haben Freiheit als Autonomie des Einzelnen definiert. Und je mehr Besitz du hattest, desto autonomer konntest du sein, weil es dich unabhängig machte und dir die Wahl über deine Lebensumstände erlaubte. Für die Menschen der Dot.com-Generation ist Autonomie der Tod, sie wollen Verbindung und Eingebettetsein. Sie wollen alle Teil des Netzwerks sein.

Ein anderes Beispiel: Menschen der alten Generation mochten Ronald Reagan, weil er "Charakter" hatte. Seit seinem 12. Lebensjahr besaß er eine unveränderliche Identität. In dieser neuen Generation redet man weder über Charakter noch über Persönlichkeit. Der Grund, warum sich junge Leute so mit Präsident Clinton identifizieren, ist, dass er fähig ist, seine Persönlichkeit in jede Umgebung zu versetzen, in der er gerade ist. Aus genau dem gleichen Grund mögen ältere Leute Clinton nicht, weil sie finden, dass er keinen Charakter hat, dass er nicht bei einer Linie bleibt. Die Kids heute sind viel stärker Verwandlungskünstler.

In Deutschland werden im Moment große Anstrengungen unternommen, alle Schulen ans Netz zu bekommen. In Amerika steuert man wieder einen anderen Kurs, man versucht, durch "Civil Education" (Bürgererziehung) einen Gegenpol zum Netz zu schaffen ....

Jeremy Rifkin: Das ist der nächste Schritt nach der Vernetzung. Ich selbst bin mittendrin in dieser Bewegung, da ich einer der Vorsitzenden einer Initiative für eine Bürgergesellschaft bin und die ganze Sache zwei Jahre lang organisiert habe. Mit dabei sind 78 Geschäftsführer aller wichtigen Bildungsorganisationen, Gewerkschaften oder Lehrerverbänden in den Vereinigten Staaten. Zweieinhalb Jahre lang haben wir überlegt, wie man das amerikanische Bildungssystem für das 21. Jahrhundert umstrukturieren könnte. Wir haben ein Sieben-Punkte-Programm für eine Bürgererziehung verabschiedet, das das Erziehungssystem in Amerika revolutionieren könnte.

Worauf basiert diese Bürgererziehung?

Jeremy Rifkin: Sehen Sie, in den USA wird auch jede Schule ans Netz gebracht. Man kann den Kindern diese neue Sprache nicht verweigern, das wäre, als würde man sich weigern, ihnen das Lesen beizubringen. Doch nun beginnen Lehrer und Eltern sich Sorgen zu machen und sich zu fragen, ob die simulierten Welten des Cyberspace alles sind, auf das wir die Kinder vorbereiten.

Ein Beispiel für das Konzept der Civil Education: Sie haben eine 12-jährige Tochter. Lassen Sie sie ins Web gehen. Sie wird in diesen sich ständig verändernden Welten viele Daten und Informationen gewinnen können und eine globale Perspektive bekommen. Vielleicht will sie etwas über Soziologie lernen und hat dort einen Zugriff auf relevante Informationen weltweit. Das ist toll. Aber wie transformiert man diese Informationen zu Wissen, und, was noch wichtiger ist, zu Weisheit? Diese beiden Schritte kann man nicht übers Internet tun. Civil Education besteht darin, dass dieses Mädchen für jeden Moment, den sie im Web lernt, eine gleiche, pädagogische Zeitspanne beispielsweise in einer Wildtier-Pflegestation, einem Botanischen Garten oder einer Umweltschutzeinrichtung verbringt. Dort kann sie direkt mit den Wesen arbeiten, über die sie etwas lernt, und begegnet ihnen dadurch nicht wie Objekten, sondern wie gleichwertigen Mitbewohnern auf diesem Planeten. So kann sie eine eine direkte Beziehung zu diesen Lebewesen entwickeln. Sie erfährt ihre Verbindung zu tieferen, größeren Gemeinschaften und lernt etwas über den Wert, der dem Leben innewohnt. Sehen Sie, wenn wir solche Erziehungskonzepte nicht einführen, riskieren wir eine krankhafte Entwicklung. So aber können die Jugendlichen das Beste aus beiden Welten - der simulierten und der echten ziehen.

Wie ist die Reaktion auf dieses Programm?

Jeremy Rifkin: Ich habe alle diese Geschäftsführer gefragt, ob sie diese Erziehung gerne für ihre eigenen Kinder hätten, bei der die simulierten Welten pädagogisch kombiniert werden mit der tiefen Teilnahme und echten Gemeinschaft und dem Einfühlungsvermögen, das das hervorruft. Sie waren alle begeistert. Aber Civil Education, die beide Welten zusammenzubringt, ist eine radikale neue Idee, die sich gerade erst in Amerika verbreitet. Im Moment ist sie noch recht primitiv, wenn auch schon Tausende von Schulen teilnehmen. In Deutschland wird diese Idee gerade erst einmal in ein paar privaten Schulen aufgegriffen.

Jetzt mal zu einem ganz anderen Thema. Die New Economy wird in den USA mit Internet und anderen Hightech-Disziplinen wie etwa der Biotechnologie gleichgesetzt. Was verbirgt sich für Sie hinter diesem schillernden Begriff?

Jeremy Rifkin: Natürlich ist das Internet ein Teil davon. Aber die New Economy ist mehr als eine Hightech-Ökonomie. Die neuen Technologien erlauben Verbindungen über geografische Entfernungen zwischen Lieferanten, Nutzern und Unternehmen. Sie machen den Schritt von Märkten zu Netzwerken, von Eigentum zum Zugang möglich. Zum Beispiel würde man in einer Marktökonomie versuchen, Ihnen ein großes Auto zu verkaufen und daran zu verdienen. Im E-Commerce kann der Händler an einem verkauften Auto nichts mehr verdienen. Deshalb bewegt sich zum Beispiel Ford vom Markt zum Netzwerk, weil die B2B-Technologien es möglich machen. Eigentlich braucht Ford nie wieder ein Auto zu verkaufen, so radikal ist die Veränderung. Sie bekommen das Auto als Leasing-Wagen und bezahlen für die Zeitspanne, in der Sie das Fahrerlebnis darin haben. Ford Italien plant, Kunden ein Rundum-Fahrerlebnis zu liefern, vom Auto über die Versicherung, das Benzin, Parkfläche, Autowäschen sie wollen sogar deine Strafzettel zahlen ... Niemand wird in 20 Jahren noch Autos besitzen.

Denken Sie, dass die New Economy die Chance bieten wird, die Möglichkeiten des Einzelnen in Wirtschaft und Gesellschaft zu verbessern?

Jeremy Rifkin: Natürlich, aber es hat auch das Potential für große Unruhen, so wie der Tausch von Eigentum in Märkten auch. Wenn jemand denkt, dass es ein Utopia wie aus einer Vision von Bill Gates werden wird, dann ist er naiv. Genauso absurd ist es, eine dunkle Zeit voller sozialer Wirren vorherzusagen. Es wird viele neue Möglichkeiten und Chancen geben, aber auch große Probleme in Bezug auf fast alles wie wir die menschliche Natur definieren bis hin zu gerechten Beziehungen in der Gesellschaft. Es wird wie die neue industrielle Revolution sein. Ich glaube nicht, dass die Eigenverantwortlichkeit des Einzelnen in der Internet-Ökonomie eine größere Rolle spielt als in der Marktökonomie. Schließlich wählen Menschen selbst, ob sie Selbstverantwortung übernehmen oder mit anderen zusammenarbeiten. Allerdings muss man in einem Netzwerk mehr auf Zusammenarbeit und Vertrauen setzen. Und man muss zu einem weniger hierarchischen Management-Stil fähig sein.

Bedeutet New Economy eine Art Kapitalismus von unten, wenn sich immer mehr Menschen aktiv und selbstbewusst einklinken?

Jeremy Rifkin: Möglicherweise, aber vor allem muss man begreifen, dass eine vernetzte Ökonomie kein Kapitalismus mehr ist. Kapitalismus ist es, wenn Verkäufer und Käufer zusammenfinden, Eigentum den Besitzer wechselt und daran verdient wird. Die vernetzte Ökonomie funktioniert völlig anders. Es gibt nur noch Lieferanten und Nutzer. Im Markt werden Millionen von CDs produziert, im Netzwerk produziert man einen Song, den jeder sich ohne weitere Transaktionskosten holen kann. Es ist eine völlig andere Art des Wirtschaftens.

Sie haben vor Jahren das Ende der Arbeit prophezeit, doch heute gibt es mehr Arbeit denn je in den USA.

Jeremy Rifkin: Als ich Das Ende der Arbeit schrieb, waren 450 Millionen Menschen ohne Beschäftigung oder hatten keine ihnen angemessene Arbeit. Heute sind es eine Milliarde. Aber wie passt das mit dem amerikanischen Job-Wunder zusammen, mit einer Arbeitslosenquote von 4 Prozent?

Wenn prägende neue Technologien erfunden werden, wie Dampfkraft oder Elektrizität, steigert das die Produktivität innerhalb einer sehr kurzen Zeit. Aber meist braucht die Gesellschaft eine Generation, bis sie eine neue soziale Vision aufgebaut hat, wie man den Wohlstand breit genug verteilt, damit jeder in den Genuss eines höheren Einkommens kommt und die Kaufkraft allgemein steigt. Im Jahr 1992 wurden die Verbreitung von Kreditkarten und damit auch Schulden durch Kreditkarten massiv ausgeweitet. Weil die Amerikaner auf Kredit kauften, kauften und kauften, wurde es möglich, dass Millionen von Menschen wieder an die Arbeit gehen konnten, um all diese Waren und Dienstleistungen zu produzieren.

Immerhin: Ein Beschäftigungsboom statt weiteren Arbeitsplatz-Abbaus.

Jeremy Rifkin: Ja, aber die andere Seite der Medaille ist, dass die Rate des gesparten Vermögens von sechs Prozent stetig gesunken und sogar auf einen Minuswert angekommen ist. In den letzten 18 Monaten haben die Amerikaner also im Durchschnitt nichts mehr gespart oder mehr ausgegeben, als sie verdienen, um alles am Laufen zu halten. Es kann nicht ewig so weitergehen. Wir wiederholen, was wir in den zwanziger Jahren gemacht haben: eine schnelle Lösung, um die Symptome zu beseitigen. Und dann haben wir die Illusion, dass wir ein Job-Wunder erzeugt haben.

Bedeutet das, dass es für Sie gar keine New Economy gibt?

Jeremy Rifkin: Doch, die gibt es. Es gibt die neuen Technologien. Aber wir müssen noch eine neue soziale Vision schaffen, die stark genug ist, um diesen neuen Möglichkeiten zu entsprechen.

Das Gespräch wurde übernommen von changeX - die online-community für den Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft.

http://www.heise.de/tp/artikel/4/4661/1.html
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