(Update) Dieses Lied zerstört sich in fünf Minuten selbst
BMG dementiert: Festplatten werden nicht zerstört
Auf diesen Artikel hin kam es zu Verunsicherungen über eine Aussage von Herrn Thomas M. Stein, Vorsitzender Geschäftsleitung der Bertelsmann Music Group, Geschäftsbereich Deutschland, Österreich, Schweiz und Osteuropa. Der Einsatz einer CD, die "bei entsprechendem Mißbrauch geeignet gewesen wäre die Festplatte zu zerstören", sei nie geplant gewesen. Der folgende Artikel wurde in seiner ursprünglichen Fassung beibehalten. An der entsprechenden Stelle im Text finden Sie nun die Stellungnahme der BMG.Donnerstag, der 18. Januar 2001, Universität St. Gallen. Thomas M. Stein, Vorsitzender Geschäftsleitung der Bertelsmann Music Group, Geschäftsbereich Deutschland, Österreich, Schweiz und Osteuropa, stellt sich der Diskussion mit Studierenden und Universitätspersonal. Sein erstes Statement: Er beneidet die Verkäufer von Bananen, weil Südfrüchte den Verkäufern nicht dreinreden würden. Im Gegensatz zu Menschen. Das meint Stein, langgedienter Kämpe im deutschen Musikbusiness, natürlich nicht ernst. Zumindest nicht so richtig. Der sympathische und schlagfertige Manager, dessen Physiognomie, Frisur und Lesebrille an den späten James T. Kirk erinnern, beschwert sich darüber, dass die deutschen Musikradiosender absolut lausig seien. Damit hat der Mann recht.
Man darf ihm aber nicht mit Napster kommen. Wer Napster benutzt, sagt Thomas M. Stein, ist ein Dieb. Zumindest jetzt noch. Ein Geschäftsmodell auf Abonnement-Basis sei schon unterwegs. Aber es gäbe noch die dezentralen Systeme wie Freenet und Gnutella. Das sind Diebe. Der Unterton ist hart und fatal: Jeder Kunde ist ein potentieller, gottverdammter Raubkopierer. Es geht dem Zuhörer schnell auf, dass genau das die Grundeinstellung der Musikindustrie gegenüber ihren Kunden ist. Wer zahlt ist gut. Aber wer zahlt, bestimmt nicht. "Wir haben eine CD entwickelt, die die Festplatte eines Computers zerstört, wenn sie in das CD-ROM-Laufwerk eines Computers eingelegt wird", freut sich Stein. Diebische Freude durchzuckt den Manager, als er sich das vorstellt: Der böse Raubkopierer! Endlich gegrillt!
(Lesen Sie bitte hierzu die Stellungnahme der BMG: Brücke an Commander - bitte zuhören!)
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Argumente für Napster werden ignoriert. Es werde in der EU bald Gesetze geben, die Systeme wie Gnutella und Freenet und deren Missbrauch zum Zweck von Musikdiebstahl kriminalisieren. Jeder User: Ein potentieller Dieb. Man holt eine Rede von Stein anlässlich der Popkomm 2000 aus dem Archiv. Man liest:
"Sogenannte Digital-Rights-Managementsysteme machen es möglich, sich für wenig Geld sein Lieblingsstück aufs Handy oder die Uhr zu laden. So wie in Mission Impossible wird die Information sich dann nach fünf oder zehn mal Abspielen zerstören."
Zerstören. Vernichten. Diebe. Kann die Musikindustrie erfolgreiche Geschäftsmodelle entwickeln, wenn sie zu ihren Verbrauchern ein ähnliches, wenn nicht sogar schlimmeres Verhältnis pflegt, als die Produzenten von Rindfleisch? Wer nicht zahlt, der ist ein Dieb. Wer zahlt, ist ein potentieller Dieb. Also dürfen die, die zahlen, auch nicht mit der von ihnen erstandenen Ware das machen, was sie wollen.
Stein macht sich über die Utopisten lustig, die meinten, es ginge auch ohne die Musikindustrie. Hinter ihm leuchtet ein komplexes Chart mit den Strukturen der BMG. Vertrieb, Marketing, Rechtemanagement. Stein vergleicht Musikstücke gern mit Autos. Ein Student bemerkt, dass Musik, speziell digitale Musik, leichter zu kopieren sei als ein Auto. Stein: Ein Auto können sie auch kopieren. Vertrieb, Marketing, Rechtemanagement. Der Vergleich mit dem Auto stimmt nicht. Aber benutzen wir ihn mal. Ich baue mir also ein Auto. Mit dem Auto alleine kann ich nichts anfangen. Andere Menschen bauen Straßen und Parkhäuser. Das kostet Geld. Ich stelle mein Auto, mein selbst gebautes Auto, sozusagen einen Mercedes Stein, in ein Parkhaus der BMG. Das hätte ich lieber nicht tun sollen, denn am Eingang des Parkhauses muss ich einen Vertrag unterschreiben, dass das Auto ab sofort der BMG gehört, wenn ich es einstelle. Ich darf es zwar noch benutzen, aber es gehört ab sofort der BMG. Der Vertrag gefällt mir nicht? Gehen Sie woanders hin! Aber alle anderen Parkhäuser verlangen auch die Unterschrift unter gleiche oder ähnliche Verträge.
Man nimmt also gern die Rechte der Künstler. Man nimmt auch gern das Geld der User und auch mit Kusshand noch den Rest von deren Rechten, sprich die Möglichkeit, für den Eigenbedarf Kopien herzustellen. Wenn also Eingangs von Bananen die Rede gewesen ist, so drängt sich spätestens hier der Vergleich mit United Fruit auf. Aber lassen wir das und schließen wir mit der Bemerkung, dass es bei Kommunikationsformen wie Musik um Austausch geht, nicht ums Raffen. Ich komme aus einer Kultur, in der es wichtig ist, seinen Freunden und speziell seiner Angebeteten Tapes mit deren Lieblingsmusik aufzunehmen und zu schenken. Das sind Fragen des Stils und des Geschmacks - und ich meine nicht den von Bananen. Sogar Sony, einer der vier Grossen im internationalen Musikgeschäft, bewarb so in mehreren Spots sein Produkt "Minidisc". Wollen wir also Musik, die sich selbst zerstört?
Eine der Fragen, die das Internet an die bisher verbissen stumme Musikindustrie stellt, lautet: Warum soll ein Bananenverkäufer die Rechte an einer Komposition oder an einem Buch bekommen? Bananenverkäufer sollen verkaufen. Sie brauchen die Rechte nicht. Und es wird eh immer schwerer, die Rechte durchzusetzen. Wenn Stein digitale Musik mit Produkten wie Autos vergleicht, dann schießt er sich damit indirekt das lukrative Rechtegeschäft selbst unterm Arsch weg. Wenn Napster-User Diebe sind, dann darf Stein die Rechte an der von ihm ja bloß vertriebenen und beworbenen Musik nicht per Default an sich reißen. Dass das schon immer so gemacht wurde und auch in der Buchverlagsbranche usus ist, muss nicht heissen, dass diese Praxis nicht eine unangemessene Übervorteilung der eigentlichen Kreativen darstellt. Aber die verstehen eh nichts vom Geschäft.
Mag sein, dass es auch noch in Zukunft so weitergehen wird. Die schlaueren und geschäftstüchtigeren Musiker wie die Fantastischen Vier gründen eigene Labels und werden Teil des Systems. Aber die grundsätzlich misstrauische, wenn nicht sogar hasserfüllte Einstellung des Musikzwischenhandels zu seinen Konsumenten ist geschäftsschädigend. Nochmals: Wer seine Kunden als feindliche Masse betrachtet, wird keine guten Produkte und Dienstleistungen für sie entwickeln wollen und können. Solche Unternehmen werden zwangsläufig in Schwierigkeiten geraten. Die BMG hat Napster vielleicht gekauft, aber sie hat das Prinzip dahinter längst nicht verstanden.
http://www.heise.de/tp/artikel/4/4734/1.html- Armer Spinner (10.3.2001 19:18)
- So ein VOLLIDIOT!! tztz (13.2.2001 21:51)
- Die technische Seite (9.2.2001 13:30)
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