Zensurgelüste wie im Mittelalter

25.01.2001

Interview mit Wau Holland, Alterspräsident des Chaos Computer Clubs

Herwart Holland-Moritz, besser bekannt als Wau Holland, gründete 1981 zusammen mit Gleichgesinnten den Chaos Computer Club am großen Tisch der Kommune 1 in den Redaktionsräumen der taz in der Berliner Kochstraße. Berühmt wurde der Club vor allem durch den legendären "Hack" des Bildschirmtext-Angebots der Hamburger Sparkasse im November 1984.

Der Chaos Computer Club setzt sich seit zwanzig Jahren für Informationsfreiheit und den ungehinderten Fluss der Bits im Internet ein. Wie weit ist der Verein bei der Verwirklichung dieses Ziels gekommen?

Wau Holland: Die internationale Kommunikation per Email funktioniert schon recht weitgehend. Aber wenn man bedenkt, dass fast Zweidrittel der Menschheit noch nie ein Telefongespräch geführt haben, dann sind wir noch nicht weit gekommen. Das soll andeuten, dass wir erst am Anfang des Informationszeitalters stehen. Andererseits nehmen Zensurgelüste teilweise mittelalterliche Formen an. Auf einer Anhörung im Bundestag wurde ein Antrag diskutiert, die Zensurliste des Bundesjugendministeriums selbst zu zensieren. Es ging darum, die von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften auf den Index gesetzten Sachen nicht zu veröffentlichen. So haben es Fürsten und Päpste im Mittelalter gemacht. Und das ist für eine Demokratie zumindest unpassend - und im Extremfall tödlich.

Kontrovers diskutiert werden in der Netzgemeinde momentan Gerichtsurteile wie das eines französischen Richters, der Yahoo dazu verpflichtet hat, Surfern seines Landes den Zugang zu Auktionen mit Nazi-Gedenkstücken zu sperren (Yahoo geht in die Knie). Wie kann man in diesem Bereich für Informationsfreiheit kämpfen, ohne sich mit Neonazis zu identifizieren?

Wau Holland: Ein konkretes Beispiel vom Hacker-Congress vergangenen Monat: Da waren auf einem FTP-Server Hetzlieder, die zu Mord und Totschlag aufstachelten. Da wir nicht zensieren, haben wir uns auf die Suche nach dem Congressteilnehmer gemacht, auf dessen Rechner die Stücke abgespeichert waren. Wir sind also zu ihm hin und haben ihn gefragt, was es damit auf sich habe. Da war er ganz aufgeregt und wusste nicht, wo das Zeug herkam. Er hat also die Konfiguration seines vernetzten Rechners korrigiert und die entsprechenden Dateien gelöscht. Und an dieser Stelle hat er ein selbstverständliches Löschrecht, denn es ist seine Kiste. Auf dieser Ebene des individuellen Nutzers lassen sich viele Probleme rund um Inhalte im Netz weit effektiver lösen, als wenn staatliche Stellen versuchen, einem etwas vorzuschreiben.

Vor ein paar Jahren hat der Konzern Microsoft auf seinen Webserver geschrieben, dass die Hacker vom Chaos Computer Club Terroristen sind, die alles kaputt machen. Dagegen haben wir nicht geklagt, sondern gesagt, dass sich die deutsche Bundesregierung in diesem Falle von Terroristen beraten lässt. So werden bestimmte Behauptungen einfach lachhaft, da wir zu unserer Arbeit stehen und sie vorzeigen können. Da spielt es dann auch keine Rolle, ob jemand seine Vorwürfe oder Verleumdungen anonym vorgebracht hat oder wir den Verfasser genau kennen. Mit Klagen und Filtern gegen "unliebsame" Informationen vorzugehen, hat dagegen überhaupt keinen Zweck.

Die Musik- und die Filmindustrie setzt trotzdem auf Verschlüsselungstechnologien und auf Filter, um das Kopieren von Inhalten zu verhindern oder Server mit nicht lizenzierten Dateien zu sperren. Ein aussichtsloses Unterfangen?

Wau Holland: Der Computer ist eine Maschine zum Kopieren und Verändern von Bits. Die DDR war zwar in der Lage, Zeitungen zu zensieren. Aber es ist ihr nicht gelungen, Computer mit eingebautem Kopierschutz auf den Markt zu bringen. Das würde schließlich dem Wesen des Rechners zuwiderlaufen. Frei programmierbare Computer wird es auch weiterhin geben. Und mit ihnen ist aufgrund des internationalen Wettbewerbs der Hersteller und des Wettbewerbs um freie Ideen zuviel möglich, als dass sich die Inhalteanbieter mit ihren Maßnahmen durchsetzen könnten.

Man muss es auch technisch ganz klar sagen: Kopierschutzverfahren haben keine Chance. In dem Moment, wo es ein Schloss gibt, gibt es auch eine Möglichkeit, es zu öffnen. Nur ein Beispiel: Auf dem Congress ist selbst auf einem proprietären Gerät wie der d-box Linux installiert worden. Das ist dann vielleicht nicht die beste Plattform, aber man kann damit soviel kopieren und entschlüsseln, wie man mag. Kopierschutz lässt sich höchstens eine gewisse Zeit lang durchhalten, aber dann nicht mehr.

Große Labels wie BMG oder Sony experimentieren sogar mit CDs, die sich überhaupt nicht mehr kopieren lassen.

Wau Holland: Bereits zu Zeiten der Compact-Kassetten hat die Industrie den Kunden schlechtere Ware als technisch möglich verkauft. Die Kassetten mit der gekauften Musik waren nicht geschraubt, sondern verschweißt. Bei Bandverhedderungen hieß es eben: "Du darfst die Kassette nicht aufschrauben und das Band richten, sondern du musst dir die Musik neu kaufen." Dieser eingebaute Verschleiß soll jetzt perfektioniert werden durch das Motto: "Du darfst das Musikstück einmal hören, und dann musst du neu dafür zahlen." Doch das werden sich die Konsumenten nicht bieten lassen.

Was wird aus den Künstlern, wenn sie über den sinkenden Verkauf von Kopien weniger Einnahmen haben?

Wau Holland: Die Künstler haben auf jeden Fall mehr Geld im Topf, wenn von ihren Honoraren nicht auch noch Kopierschutztechniken bezahlt werden. Die Erfindung der Computer werden die Künstler beim besten Willen nicht mehr rückgängig machen können.

Beim Europarat gibt es Bestrebungen, "Hackerwerkzeuge", die von Systemadministratoren auch zu Prüfzwecken verwendet werden, zu kriminalisieren (Nur kosmetische Korrekturen beim Cybercrime-Abkommen).

Wau Holland: Es wird immer wieder versucht, Freiheiten zu beschränken. Wir bemühen uns bei solchen Vorhaben, aufmerksam zu sein und Probleme öffentlich mitzuteilen. Die Polizeibefugnisse können aber nicht unendlich erweitert werden. Die Diskussion darüber wird im Netz geführt. Die Global Internet Liberty Campaign (GILC), bei der auch deutsche Bürgerrechtsorganisationen Mitglied sind, ist beispielsweise eine wichtige Adresse, um weitere Informationen zu finden. Die Freiheit lebt von der Initiative ihrer Bürger.

Führt die Hackerszene angesichts zahlreicherer Versuche von Politikern und Richtern, ihre Arbeit zu unterlaufen, ein Rückzugsgefecht?

Wau Holland: Wir müssen von vornherein klarer machen, was auf dem Spiel steht. Wenn ich mir beispielsweise eine "RAF lite" vorstelle, so eine Art gewaltarme Aktionsgruppe, und der passt der Kram nicht, der in Hessen im Zusammenhang mit der Spendenaffäre geschieht. Da war ja immerhin von offizieller Seite die Rede von einer "brutalst möglichen Aufklärung", die angeblich mit der "brutalsten Verprügelung" des Ministerpräsidenten beendet wurde. Da könnte eine gewaltarme Gruppe natürlich auf die Idee kommen: "Na ja, was kostet denn heute ein Mord bei der Russenmafia? Den gibt es ja schon unter 110.000 Mark, und 'brutalst verprügeln' müsste entsprechend billiger sein." Dann könnte man eine Sammlung im Internet machen, damit der Roland Koch einmal wirklich brutalst verprügelt wird - natürlich unter Einhaltung aller UN-Anti-Folterauflagen.

Wenn die gewaltarme Gruppe nun dafür Geld sammelt, ist das schon der Aufruf zu einer strafbaren Handlung? Ist bereits dieses Nachdenken, wie ich es jetzt hier tue, ein Aufruf? Ist Telepolis dran, weil hier diese Idee - auch wenn nur als Zitat - verbreitet wird? Wenn man dieses Fass aufmacht, dann stirbt die Pressefreiheit.

Einen Schatten auf den CCC wirft nach wie vor der mysteriöse Tod des Berliner Starhackers Tron vor über zwei Jahren. Gibt es neue Erkenntnisse?

Wau Holland: Nicht nur in meiner Erinnerung lebt Tron weiter. Wir kümmern uns nach wie vor um die Aufklärung des Falls. Auch plausible Verdachtsmomente, die sich im Lauf der Zeit verstärkt haben, verdienen aber momentan keine Veröffentlichung, solange sie nicht hieb- und stichfest sind. Ich höre immer wieder Sachen, die mich nachdenklich machen. Aber ich möchte darüber momentan nicht sprechen.

Die Polizei hat die Ermittlungen aber doch längst eingestellt?

Wau Holland: Es tut mir ein Stück weit weh, dass die ermittelnden Polizeibeamten in diesem Kontext nicht zu meinen vertrauenswürdigsten Ansprechpartnern gehören.

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