HIV wieder auf dem Vormarsch - Entwicklung eines neuen Impfstoffs
Neue Studien aus Großbritannien, Kanada und den USA belegen übereinstimmend einen erneuten drastischen Anstieg von HIV-Neuinfektionen
Die neuen Berichte stellen eine große Diskrepanz zum Optimismus dar, der Mitte der 90er-Jahre vorherrschte, als die fallenden Infektionsraten und die Entwicklung der Anti-Retroviren-Medikamente dazu führten, dass Gesundheitsämter und Medien vom "Aussterben der Epidemie" sprachen. Schien es doch so einfach: Bei HIV-negativen war die Gefahr, sich anzustecken, wesentlich verringert worden, und die, die bereits positiv waren, hatten die Aussicht, von schweren Krankheiten verschont zu bleiben und ihre Lebensdauer und -qualität deutlich zu erhöhen.
Tatsächlich jedoch hatten genau diese effizienten Bemühungen, die Krankheit unter Kontrolle zu bringen, zur Folge, dass die Kontinuität im Engagement nachließ - mit tödlichen Folgen.
Der Londoner Public Health Laboratory Service (PHLS) etwa spricht von einer 7-prozentigen Erhöhung gegenüber dem Vorjahr. Das ist die größte Zunahme von HIV-Fällen in Großbritannien seit Beginn der Registrierung vor 15 Jahren. Die Steigerungsrate betrug allein zwischen 1996 und 1999 40 Prozent. Bis Ende 2003 prognostiziert die PHLS nochmals einen Anstieg um 40 Prozent. Barry Evans, Chef der HIV and Sexually Transmitted Infection Division am PHLS sagt, es müssten dringend "neue Wege gefunden werden, um der Bevölkerung die HIV-Risiken zu vermitteln, speziell den jungen Leuten, die die massiven Aufklärungskampagnen der 80er-Jahre nicht miterlebt haben".
Damit, dass Aids als Krankheit der Schwulen und Drogenabhängigen dargestellt wurde, machte man die Opfer und nicht den Virus zum Volksfeind Nummer Eins.
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James Sherwood in globalarchive
Auch in Nordamerika, wo die Aids-Epidemie noch vor vier Jahren als nahezu ausgerottet galt, wütet die Krankheit jetzt stärker als je zuvor. Dass die Medien dort in den letzten Jahren Aids generell nicht als ernstzunehmendes Gesundheitsproblem dargestellt haben, hat sicher mit dazu beigetragen. Aber die Ärzte und Gesundheitsämter stellen beim Anstieg der HIV-Infizierten gerade unter jungen Homosexuellen auch eine ablehnende Haltung gegenüber Safer Sex fest. Die neue Generation ist fast gänzlich ohne das Bewusstsein herangewachsen, welch verheerenden Effekt Aids haben kann. Wie die Krankheit verlaufen kann, wissen sie bestenfalls aus dem Film "Philadelphia" mit Tom Hanks.
Aids oder HIV fand nur dann in der Presse Erwähnung, wenn Liz Taylor mal wieder eine ihrer Show-Benefiz-Veranstaltungen gab. Auch die Schwulen selbst waren mehr an Liz' Aufmachung interessiert als an der steigenden Zahl der Toten.
James Sherwood in globalarchive
Wie schon zu Beginn der Aids-Epidemie Anfang der 80er-Jahre gilt auch jetzt San Francisco wieder als Vorbote für die allgemeine Entwicklung in den USA und Kanada: Während in San Francisco die Rate der Neuinfektionen unter den Drogenabhängigen um 50 Prozent gesunken und bei der heterosexuellen Bevölkerung gleichgeblieben ist, sind unter den geschätzten 45.000 schwulen Männern San Franciscos ein Viertel HIV-positiv. In den Clubs der dortigen Schwulengemeinschaft sind Kondome nicht gern gesehen, "barebacking" (ungeschützter Sex) ist an der Tagesordnung. Vereinzelt ist sogar eine erbarmungslose Faszination zu beobachten - etwa auf Chat-Sites extra für "gift-givers" und "bug-chasers" (Infizierte, die uninfizierte Partner suchen und umgekehrt).
Was man hier immer öfter hört, ist ,Du kriegst es sowieso'. Ich glaube das nicht. Aber die Meinung ist da.
Junger Drogenabhängiger in San Francisco
Experten machen für diesen selbstzerstörerischen Trend zwei Ursachen aus: Zum einen scheint es eine Rebellion gegen die "safety-first"-Philosophie der älteren Generation zu sein, zum anderen ist es wohl Resultat einer zumindest irreführenden moralischen Propaganda. Eric Clarke, Professor an der Universität von Pittsburgh und spezialisiert auf Studien über Lesben und Schwule, glaubt, viel zu viel Gewicht sei auf die so genannte stabile monogame Beziehung gelegt worden - ein Rat, mit dem jungen Männern, die gerade ihr Coming Out hatten, sicherlich wenig geholfen ist.
Dr. Tom Coates, Direktor des UCSF Aids Research Institute in San Francisco, der selbst seit 1985 HIV-positiv ist, nennt noch andere Gründe: "Wir machen das jetzt seit 20 Jahren, und die Leute sind es einfach leid. Sie gehen dem Problem aus dem Weg, also ergreifen sie auch keine Vorsichtsmaßnahmen, sondern verlassen sich lieber darauf, dass ihnen mit Medikamenten geholfen werden könnte."
Die vielleicht bitterste Ironie bildet die Tatsache, dass ausgerechnet die neuen Anti-Virus-Medikamente, die vielen HIV-Patienten ein längeres Leben bescheren, gleichzeitig den größten Beschleunigungsfaktor für die Rate der Neuinfektionen darstellen: Dadurch, dass der abgeschwächte Krankheitsverlauf viele in falscher Sicherheit wiegen lässt - und rein statistisch, da rechnerisch gesehen eine längere Lebensspanne auch ein höheres Verbreitungsrisiko bedeutet.
Bill Gates versprach am Samstag, die Entwicklung eines neuen Impfstoffs, der derzeit in Afrika getestet wird, mit 100 Millionen Dollar zu unterstützen. Dieser Impfstoff ist der erste von den etwa 25 Stoffen, die weltweit an Menschen getestet werden, dem es gelingt, den "A-Strang" des HIV-Virus gezielt anzugreifen - die Form des HIV, die vor allem in Afrika Verbreitung findet.
Diese Zusage sieht die Bill & Melinda Gates Foundation, die in der Vergangenheit bereits 26,5 Millionen Dollar für die Aids-Forschung gestiftet hat, als beste Voraussetzung dafür, weitere Geldgeber an Bord zu holen. Yahoo hat sich bereits mit einer Spende von 5 Millionen Dollar beteiligt. Die International AIDS Vaccine Initiative (IAVI), die den Impfstoff entwickelt hat, hofft laut Leiter Seth Berkley, den "Oxford/Nairobi Impfstoff in geradezu rekordverdächtiger Zeit zur Anwendung bringen zu können. Mindestens innerhalb der nächsten zehn Jahre, aber idealerweise gehen wir von vier bis fünf Jahren aus."
AIDS/HIV Informations-Seite mit rund 100 Links
http://www.heise.de/tp/artikel/4/4789/1.html- Wie jetzt, _definitiv_ falsch? Was denn? [ohne Text] (1.2.2001 3:32)
- falsche Behauptungen, nichts weiter... (1.2.2001 0:19)
- südafrikanische regierung... (31.1.2001 12:18)
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