Stress durch Bürolärm

31.01.2001

Sinkende Leistung, Motivation und Aufmerksamkeit auch aufgrund geringer Lärmintensität

Auch ein subjektiv als nur gering empfundener Geräuschpegel führt in modernen Großraumbüros zu mehr Stress und Motivationsverlust. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Umweltpsychologen Gary Evans, einem anerkannten Experten auf dem Gebiet umweltbedingter Stressauslöser von der Cornell University.

Der Wissenschaftler verteilte vierzig weibliche, im Durchschnitt 37 Jahre alte Büroangestellte für drei Stunden zufällig in ein ruhiges Großraumbüro und in ein Großraumbüro mit niedrigem Geräuschpegel, in dem auch gesprochen wurde. Nach der Auswertung des Versuchs fand der Umweltpsychologe heraus, dass die Angestellten im lauteren Großraumbüro im Vergleich zu ihren Kolleginnen einer signifikant höheren Stressbelastung ausgesetzt waren, bei einem unlösbaren Puzzle 40 Prozent weniger Versuche unternahmen, die Aufgabe zu lösen, und nur halb soviele ergonomische Veränderungen an ihrem Arbeitsplatz vornahmen. Die Schreibgeschwindigkeit am PC dagegen blieb unverändert.

"Frühere Studien haben sich im Wesentlichen nur mit intensivem Lärm im Büro beschäftigt, unsere Studie dagegen beschäftigt sich als eine der wenigen mit geringerer Lärmintensität" erklärt Evans. "Trotzdem gleichen unsere Ergebnisse denen jener Studien mit hohem Geräuschniveau".

Dass die Angestellten im lauteren Büro weitaus weniger daran interessiert waren, ihre Stühle, Fußauflagen oder Manuskripthalter richtig einzustellen, als ihre Kollegen im ruhigeren Büro, "ist möglicherweise darauf zurück zu führen, dass sich Menschen unter Stress mehr auf ihre Hauptaufgabe oder eigentliche Aktivität konzentrieren" vermutet Evans. Die Fokussierung auf die momentane Aufgabe führt dabei zu weniger Flexibilität, Alternativen erkennen zu können, wie zum Beispiel eine angenehmere Sitzposition einzunehmen oder einfach mal eine Pause zu machen. Ein weiteres Indiz für diese These: Obwohl ein höheres Stressniveau durch die Menge des Stresshormons Epinephrin im Urin der Studienteilnehmer nachgewiesen werden konnte, bemerkten die Angestellten im lauteren Büro selbst keinerlei Anzeichen von erhöhtem Stress.

Für die Praxis sind Evans Ergebnisse von großer Bedeutung. Wenn ein zunehmender Lärmpegel eine sinkende Motivation und Aufmerksamkeit bedingt, dann müssen entsprechende Schutzmaßnahmen getroffen werden. Wenn zum Beispiel eine Arbeit hohe Konzentration erfordert, dann sollten sich die Angestellten in einen abgeschlossenen Raum zurückziehen können oder es sollten Geräte angeschafft werden, deren Lärmpegel kontrollierbar ist oder die von vornherein weniger Lärm erzeugen. "Dies könnte die negativen Stresseffekte mindern" rät Evans. Noch größer als in Großraumbüros ist die Belastung in Call-Centern, da hier durch PC-Bedienung und Kundengespräch gleich mehrere Sinne gleichzeitig beansprucht werden.

Als Grenzwert für Hintergrundgeräusche in Großraumbüros gelten 45 db(A). Diese Geräuschkulisse wird subjektiv als leise empfunden. Laut Angaben der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin werden Beschäftigte, deren Tätigkeit eine hohe Konzentration und Aufmerksamkeit benötigt, jedoch bereits von Geräuschen ab 40 db (A) gestört. Für Büroarbeit liegt der Grenzwert bei 55 dB (A), bei geistig anspruchsvolleren Tätigkeiten wie Datenerfassung, Sachbearbeitung, Programmieren oder wissenschaftlicher Arbeit wird ein Pegel von 35 bis 45 db (A) empfohlen.

Lärm entsteht dabei nicht nur durch Gespräche mit dem Kollegen oder Kunden am Telefon, sondern auch durch die Geräuschabgabe der EDV-Geräte wie Drucker, Kopierer, Festplatten, Disketten- und CD-ROM-Laufwerke und die Lüfter im PC-Gehäuse. Gemäß DIN-Norm darf ein Rechner nicht mehr als 48 db (A) im Leerlauf an Lärm emittieren, was auch von vielen Laser- und Tintenstrahldruckern bereits erreicht wird. Als subjektiv laut wird dagegen mit 54-60 db (A) das einfache Bedienen der Computertastatur empfunden, als sehr laut Matrix- oder Typenraddrucker mit 74 db (A) bzw. eine Schreibmaschine mit 66 bis 79 db (A).

Ergonomieexperten) empfehlen daher, laute Bürogeräte wie Drucker, Kopierer oder Server in separaten Technikräumen unterzubringen. Bei der Neuanschaffung sollte auf lärmarme Geräte geachtet werden. Hersteller sind verpflichtet, ihren Geräten über die Geräuschemissionswerte Gutachten von anerkannten Prüfstellen beizulegen.

Um die störenden Hintergrundgeräusche in Großraumbüros im Ohr auszuschalten, empfehlen manche Experten aber auch eine Methode, die seit einigen Jahren bei Tinnitus-Erkrankten eingesetzt wird, um unangenehme Ohrgeräusche zu bekämpfen: ein künstliches Hintergrundrauschen mit einem relativ geringen Geräuschpegel von 30 db (A) "maskiert" effektiv die subjektive Wahrnehmung der störenden Einzelgeräusche.

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Kommentare lesen (13 Beiträge) mehr...
Anzeige
Anzeige
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Angebot des Monats:
Kaffee und Espresso aus Nicaragua in der Telepolis-Edition für unsere Leser

Cover

Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

Anzeige
Cover

Die Moral in der Maschine

Beiträge zu Roboter- und Maschinenethik

Machteliten

Von der großen Illusion des pluralistischen Liberalismus

bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.