Ästhetik des Scanners

Krystian Woznicki 01.02.2001

Der Kongress "suchbilder" in Berlin beschäftigt sich mit der Schnittstelle von Filmarbeit, Bildwissenschaften und Bilderströmen im Netz

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Fröhlich künden Techno-Utopisten vom transalphabetischen Zeitalter: ein Großteil der US-amerikanischen Bevölkerung, Schichten der globalen Unterklasse und Eingeborene zwischen Afrika und Australien könnten auch ohne Kenntnisse einer Sprache im Internetgeschehen aktiv werden. Die Bildwerdung der vernetzten Kommunikation, die Vormacht des Visuellen in den Medien und die Entwicklungen auf dem Gebiet der VR-Technologie ließen darauf hoffen, dass künftig alles per Click, bzw. Zugriff auf Bilder kommunizierbar sei. Auf dem Kongress suchbilder, der zwischen dem 6. und 8.2. in den Berliner Kunst-Werken stattfindet, treffen sich Archivare, Programmierer, Künstler und Wissenschaftler, um die Implikationen der bevorstehenden Bandbreitenrevolution ins Auge zu fassen. Fragen, die sich im Zuge dieser Diskussion für die Kunst- und Kulturgeschichte stellen, sollen dabei genauso erörtert werden wie Probleme, die sich in techno-politischen Zusammenhängen auftun.

Der Filmemacher Harun Farocki, Ko-Organisator des Kongresses, stellt sein aktuelles Projekt vor, das Aby Warburgs Ideen zum Mnemosyne-Atlas für die Kinogeschichte überdenkt. Seit geraumer Zeit an einer Avid-Video-Edit-Suit sitzend, verfolgt Farocki die Methode, die Bilder, Gesten und Motive singulärer filmischer Ausdrücke in Vergleich zu setzen. Für seinen Film "Arbeiter verlassen die Fabrik" kam ihm 1995, zum 100 jährigen Jubiläum des Kinos, die Idee Lumieres gleichnamigen Klassiker zu nehmen und in der Filmgeschichte Beispiele zu suchen, in denen auch ArbeiterInnen die Fabrik verlassen. Wie er neulich in einem Gespräch in der Wochenzeitung Jungle World berichtete, waren darunter auch Stars wie Chaplin und Monroe, aber auch Angestellte und Arbeiter von Siemens in Berlin 1934, die zu einer Nazi-Kundgebung aufbrechen.

Ich versammelte Szenen aus den USA und Europa und aus jedem Jahrzehnt der Kinogeschichte, da lässt sich eine Menge über einen filmischen Ausdruck herauslesen, das fängt ja damit an, dass ArbeiterInnen nicht mehr als solche zu erkennen sind, nachdem sie das Werkstor durchschritten haben. Einen Augenblick später sind sie von anderen Passanten kaum noch zu unterscheiden. Oder

Das war ja mal das Szenario der Kommunisten, dass der ökonomische Kampf in einen politischen umschlägt, und dafür wäre der Fabrikausgang der ideale Ort. Aber

Sehen Sie sich bitte als Illustration der Ideen dieses Foto aus der Sportwelt an.

Bei dieser Methode rücken einzelne Bilder in den Vordergrund und werden isoliert betrachtet, um ihr psycho-soziales Gedächtnis offenzulegen. Die Bezeichnung einer spezifischen Aufladung soll das Einzelbild aber nicht auf einen musealen Sockel heben, sondern soll es in einer sich vertikal durch die Kulturgeschichte ziehenden Kette als Teilglied verorten. Der Kulturwissenschaftler Stefan Heidenreich, ebenfalls einer der Organisatoren des suchbilder-Kongresses, hat mal im Rahmen seiner Bilder-Kolumne in der Zeitschrift de ein Sportfoto zum Bild des Monats gekürt. Auf diesem Zufallsprodukt erstarren zwei gegnerische Fussballspieler (A&B) und ein Schiedsrichter (C) zu Zinnfiguren mit besonders aussagekräftig ausgerichteten Blicken: A schaut auf B schaut auf C. C pfeift. Eine archetypische Konfliktsituation, wie Heidenreich beobachtet: "Man könnte eine Zeitmaschine draufsetzen und die Szene in der Zeit zurückspulen - quer durch Jahre, Jahrzehnte, Jahrtausende - wie in der Szene am Anfang von Kubricks Film 2001". Der Berliner Medienkünstler Daniel Pflumm scheint diesen strukturellen Ansatz der vernetzen Bildzuordnung mit seinem Projekt Seltsam TV zu ironisieren. Seine Gif-Animationen mit flackernden Lollys, Kinderspielzeug und Handys wirken seelenlos, weil lediglich aalglatte Oberflächen von irgendwie auch im Pop-Kontext deutbaren Produkten auf dem Silberteller eines schneeweißen Website-Hintergrunds präsentiert werden. Ihr gemeinsamer Kontext sind E-commerce-Plattformen, auf denen sie als Kaufanreiz plaziert werden. Aufgrund von strukturellen Ähnlichkeiten werden sie von Pflumm dekontextualisiert, einander zugeordnet und daraufhin in Rotation versetzt. Während hier der fehlende Sinn der formal-automatischen Zuordnung durch eine archivarische Ebene wiedergewonnen scheint, kristallisiert sich genau an diesem Scheidepunkt das Problem der visuellen Suchmaschine heraus.

Digitaler Impressionismus

Findit.at, searchware.de, fussballsuche.de, picosearch.com, suche-was.de, intersearch.at - und wie sie noch heißen mögen. Kaum denkbar, dass es für einen noch so abgelegenen Bereich im Netz keine Suchmaschine gibt. Und so gibt es seit geraumer Zeit auch Suchmaschinen für Bilder, wobei zwischen der sogenannten inhalts- und ähnlichkeitsbezogenen Bildauffindungsmethode unterschieden wird. Bei dem inhaltsbezogenen Verfahren werden im herkömmlichen Sinne Begriffe eingegeben, während bei dem ähnlichkeitsbasierten Ansatz eine Suche mit der Eingabe von visuellen Informationen gestartet wird. Heidenreich zu Folge haben beide Methoden Vor- und Nachteile:

"Wortbasierte Suche findet in den Bildermengen all das, was man als schriftlichen Inhalt kennt, erschwert es allerdings, Bilder automatisch zu erfassen. Ähnlichkeitsbasierte Modelle stehen vor dem Problem, Ählichkeiten zu entwerfen, die tatsächlich verwertbare Informationen erzeugen, können dafür aber Bilder automatisch indizieren."

Abgesehen von solchen kulturtheoretischen Betrachtungen tut sich mit dem similarity-based image retrieval system ein für die visuelle Kultur faszinierendes Feld auf: Allein das diesem Verfahren zu Grunde liegende Erstellen von visual abstracts könnte eine Ära der Phantombilder einläuten, die neben dem Wunder von visuellen Fatamorganas auch ein Gefühl der Verunsicherung aufkommen lässt. Ein Bild zusammenzufassen, oder, im etwas wörtlicheren Sinne, zu abstrahieren, es also auf wesentliche Koordinaten zu reduzieren, stellt eine Herausforderung dar, die unsere visuelle Kompetenz spätestens dann übersteigt, wenn es heißt, dass jedes Pixel (Bildelement) eine Adresse hat, wie William Vaughan, Entwickler von Morelli, einer digital image sorting Methode, die nach einem italienischen Kunsthistoriker aus dem 19.Jahrhundert benannt ist, vor knapp neun Jahren gesagt hat. Heidenreich dazu:

"Bilder zeigen eben ihre diskrete Wahrheit nicht mehr nur 24mal in der Sekunde, sondern in jedem der Millionen von Bildpunkten, die nun ebenfalls diskret geworden sind und damit als Blöcke, Grafiken oder Formen gebündelt, adressiert und in Entscheidungsprozesse integriert werden können."

Die Online-Ausgabe der Bild-Zeitung führt nicht nur vor, wie die für gewöhnlich vor verbaler Kraftmeierei strotzenden Schlagzeilen zusehends zurückgedrängt und von Bildern ersetzt werden bzw. bildhaft werden. Vor dem Bild-Schriftzug, der wie eine Neonleuchtreklame quasi die ganze Seite einnimmt, bauen sich täglich die Helden und Märtyrer der Nation auf, wobei der Webdesigner lediglich auf vorhandene Fotos zurückgreift und mittels Collagetechnik schwebende Gruppenbilder choreographiert. Die Körper der Promis werden dabei in verlinkte Zonen unterteilt, die wiederum auf andere Bilder oder Texte verweisen. Kurz: Das transalphabetische Zeitalter scheint in greifbarer Nähe.

Das im oberen Drittel plazierte Grafiksegment der suchbilder-Website unternimmt als dekoratives Element der Info-Homepage eine unterschwellige Kritik dieser Entwicklung: Wie bei einem Wandmosaik sind bunte Quader auf einer rechteckigen Fläche angeordnet. Unversehens setzen sich einzelne Elemente in Bewegung, suchen Ihresgleichen und docken aneinander an. Sobald sich aus allen vorhandenen Quadern einer Farbe eine zusammenhängende Kette geformt hat, verpfufft sie ohne Aufhebens, löst sich auf, verschwindet. Dieses Schauspiel der Verknüpfung und subsequenter Desintegration könnte die Auflösung der den Bildern immanenten semantischen Ebene andeuten, aber auch die Visualisierung eines digitalen Bildarchivs sein, das von der Inkompatibiltät von Softwaregenerationen geplagt wird und deshalb als vergleichsweise instabil und temporär gelten darf. Freilich ist es auch als Bindeglied zwischen der Sehkultur des Impressionismus und der heutigen techno-empirischen Forschung lesbar.

Suchbilder Kongress Programm

6.2.: Directors Cut
7.2.: Digitale Optionen
8.2.: Kulturtechnische Konsequenzen

http://www.heise.de/tp/artikel/4/4815/1.html
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