Compuserve schließt die deutschen Foren
"Wir können nun mal nicht Compuserve. Wir können nur AOL."
Eine Compuserve-Adresse - das galt mal was. Die Compuserve-Foren waren ebenfalls legendär. Der jetzige Compuserve-Eigner AOL wusste mit diesem Schatz aber nichts anzufangen. Deshalb sind die deutschen Foren nun am Ende.
Vor zehn Jahren waren Hobbynetze wie FIDO sowie der Online-Dienst Compuserve das Maß der Dinge in Sachen internationaler Datenvernetzung für den normalen Sterblichen - das Internet gab es nur an Universitäten und wissenschaftlichen Einrichtungen; Einwahlmöglichkeiten von außerhalb waren ebensolche Raritäten wie Modems mit Postzulassung.
Compuserve kassierte denn auch stolze Gebühren, was ihm den Spitznamen "CI$" statt der offiziellen Abkürzung CIS einbrachte. Damit fanden sich nur diejenigen dort ein, die den Dienst beruflich brauchten und sich dies leisten konnten. Das Niveau der Angebote war hoch und die User stellten eine große, weltweite Gemeinschaft dar. Auch der Datenaustausch im Profibereich lief bis 1995 meist über Compuserve, weil viele Büroarbeiter mit normalen Mailboxen oder Terminalprogrammen nicht umzugehen wussten und das Internet zunächst ohne komplizierte Kodierverfahren nur ASCII-Textübertragung bot. Die Mehrzahl der Compuserve-Kunden haben vermutlich nie mehr als ihre Email-Adresse genutzt angesichts der hohen Minutengebühren, mit denen das Herumstöbern in den Foren ganz schön ins Geld gehen konnte.
Ab 1995 sanken dann angesichts der Konkurrenz aus dem Internet die Preise bei Compuserve, doch die Chance, den Markt noch rechtzeitig aufzurollen, wurde vertan. Der Grund: Der Online-Dienst Compuserve wurde sowohl von seinem früheren Besitzer H & R Block als auch dem heutigen Besitzer AOL stiefmütterlich behandelt. Für H & R Block war Compuserve nur ein Abschreibungsobjekt - ursprünglich entstanden, um ihre Computer besser auszulasten. Das eigentliche Geschäft von H & R Block ist das Erstellen von Steuererklärungen für US-Bürger. Für AOL war Compuserve dagegen immer ein Konkurrent. Von daher wäre es durchaus verständlich, wenn AOL Compuserve sterben ließe. Allerdings war dies nie offiziell beabsichtigt. Compuserve hat sogar zuletzt als einziger Online-Dienst schwarze Zahlen geschrieben, so Geschäftsführer Jürgen Rösger im Frühjahr 2000. AOL Deutschland war dies angesichts aufwendiger Werbung dagegen nicht vergönnt. Vermutlich gingen alle Gewinne an Werbestar Boris Becker und seine Verflossene, AOL-CDs und Prozesse mit Wettbewerbern.
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AOL gelang es in der Vergangenheit nicht, aufgekaufte Wettbewerber als eigene Marke am Leben zu erhalten. In den USA hatte man beispielsweise 1995 den Online-Dienst GNN (Global Network Navigator) aufgekauft, um ihn schon ein Jahr später zu schließen, nachdem man zunächst versucht hatte, GNN als den Online-Dienst für den fortgeschrittenen Benutzer im Gegensatz zu AOL für die Einsteiger zu positionieren. Und wie positionierte AOL Compuserve? Richtig, als Online-Dienst für Profis!
Mit dem Aufkauf von Netscape hat AOL in England noch ein drittes Standbein im Markt positioniert: Netscape Online als günstigen Internet-Provider, bei dem man nur den Ortstarif zum Zugang ins Netz zahlen muss, aber keine Providergebühren. Ein in Deutschland uninteressantes Geschäftsmodell, da hier die Telefonkosten im Ortsnetz weit über den Zugangsgebühren von Internet Call-by-call liegen. Hier hat AOL deshalb unter dem Namen Compuserve Office eine neue Strategie mit dem Motto "Nie wieder Nachtschicht" aufgesetzt, bei der man tagsüber einen preiswerten Internetzugang bietet, nachts dagegen mehr kassiert in der Hoffnung auf Kunden, die zu faul sind, auf einen anderen Provider umzuschalten. Dieser Online-Zugang kommt jedoch von Mediaways, einer Bertelsmann-Tochter, und hat mit dem früheren Compuserve nur noch den Namen gemein.
Nun, Email gibt es heute überall, Online-Zugang oder Webspace ebenso. Da kann Compuserve nur einer von vielen sein. Das einzige Alleinstellungsmerkmal von Compuserve waren die Foren: Im Gegensatz zum Internet, wo User mit erfundenen Namen und Adressen jede Menge Unsinn schreiben und ein Forum so schnell wertlos machen konnten, war hier jeder Teilnehmer über seine Compuserve-ID identifizierbar. So konnte man User, die sich schlecht benahmen, aus einem Forum verbannen oder auch für heikle Themen geschlossene Sektionen in einem Forum einrichten, in die dann nur geladene Gäste Zutritt hatten. Sysops überwachten das Ganze und sorgten dafür, dass die Atmosphäre in den Foren angenehm blieb und beispielsweise weibliche Besucher nicht "totgebaggert" wurden.
Mittels Missmanagement hat Compuserve die Foren aber über die Jahre auf den Hund gebracht: Die Kunden wurden eigentlich nie richtig auf deren Funktion hingewiesen, teils kamen nicht mal die eigenen Mitarbeiter mit der Bedienung zurecht. Lukrative Firmenkunden wurden vergrault und interessierte Firmen als Forenbetreiber gekündigt. Anfang 2000 wurden von 50 deutschen Foren dann alle bis auf 12 geschlossen, in der Hoffnung, den Traffic in den verbliebenen Foren zu steigern. Dabei war das Konzept der Foren ja gerade, dass es zu jedem Spezialthema ein eigenes Forum gab und nicht ein großer Chatraum mit Allerweltsgeblubber gefüllt wurde. Prompt verließen die meisten Forenbesucher den Dienst komplett, weil ihr Thema nicht mehr vertreten war, und auch die Allgemein-Smalltalk-Foren wurden nun nicht etwa besser besucht, sondern schlechter: die "Zaungäste" aus den anderen Foren fielen weg.
Zum Ausgleich öffnete man im Sommer 2000 die Compuserve-Foren zum Internet: Heute kann man dort auch mitschreiben, wenn man kein Compuserve-Kunde ist. Ein Geschäft ist das - von Werbebanner-Einnahmen mal abgesehen - natürlich nicht: an Webbesuchern verdient ein Online-Dienst nichts. Und da es kaum bekannt war, kamen auch nicht mehr Besucher. Andere versuchten stattdessen, unter dem Schlagwort "Community" mühsam das aufzubauen, das Compuserve all die Jahre hatte und nicht zu schätzen wusste.
Nun ist Feierabend: alle deutschen Compuserve-Forenbetreiber haben die Kündigung zum 30. April erhalten. Eine Online-Gemeinschaft ist am Ende, und von Compuserve Deutschland bleibt nur noch ein Name, ein Portal und ein Online-Zugang. AOL bietet da keinen Ersatz, da deren Foren wesentlich oberflächlicher gestaltet sind, was zwar den Einstieg erleichtert, längeres Verweilen aber uninteressant macht. Stattdessen wandern die verbliebenen Compuservler in die mittlerweile entwickelten Internet-Communities beispielsweise von Yahoo/Egroups, MSN oder Planet Interkom ab. Nur die amerikanischen Compuserve-Foren haben noch eine Gnadenfrist. Doch wurde dort mit dem nun vollzogenen AOL-Time-Warner-Merger auch dort vielen Mitarbeitern gekündigt und man will mit der Öffnung der Foren ins Web genau den Weg gehen, der schon in Deutschland nicht funktioniert hat. Das Ende von Compuserve USA ist damit ebenfalls abzusehen.
Ob AOL nun auch seine neuesten Erwerbung Time-Warner in ein weiteres AOL aufarbeitet? Wollen wir es nicht hoffen, aber bislang haben sie noch jeden Zukauf geschafft. Sie können halt nichts anderes als AOL.
http://www.heise.de/tp/artikel/4/4839/1.html- Wer lesen kann... (26.2.2001 10:03)
- Auch ein guter Artikel, aber mit Bug.... (26.2.2001 9:54)
- Natürlich nicht - es informiert nur darüber (26.2.2001 9:50)
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