»Astronomie ist unglaubliche Ahnenforschung auf allerhöchstem Niveau«
Prof. Dr. Harald Lesch im Gespräch
Dr. Harald Lesch ist Professor für theoretische Astrophysik an der Universität München. Zu den Hauptforschungsfeldern des 40jährigen gehören Schwarze Löcher, Neutronensterne und kosmische Plasmaphysik. Bekannt geworden ist er durch die TV-Astronomie-Reihe Alpha Centauri im Bayerischen Fernsehen (BR-alpha). Prof. Lesch, der den Elfenbeinturm der Wissenschaft gerne verlässt, um Menschen für die Astronomie zu begeistern und zu gewinnen, ist nicht nur ein vielseitig interessierter Wissenschaftler, der Gefallen an Goethe und historischen Themen findet, sondern darüber hinaus auch jemand, für den das Interdisziplinäre und das zwischenmenschliche Miteinander in der Wissenschaft wichtig ist.
Schwarze Löcher, Superstrings, Gravitationswellen, Wurmlöcher, SETI - all diese Begriffe sind heute salonfähig wie nie zuvor. Der Erfolg ihrer Sendung Alpha Centauri, die sich all dieser Fragen annimmt, beweist, dass derartige Themen auch den naturwissenschaftlich interessierten Laien faszinieren.
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Lesch: Meiner Erfahrung nach wird die Astronomie von der Öffentlichkeit als die interessanteste Disziplin innerhalb der Naturwissenschaften angesehen. Was den Bereich Public Relation anbelangt, haben die Astronomen einen viel geringeren Handlungsbedarf als Vertreter anderer naturwissenschaftlicher Disziplinen. Und zwar deswegen, weil sich das Gros der Bevölkerung für astronomische Themen interessiert. Gehe ich in eine Kneipe und erwähne beiläufig, dass ich Astronom bin, kommen unter Garantie Fragen wie "Was war der Big Bang, und was war vor ihm?"
In der Schul- und Weiterbildung führt die Astronomie ein Schattendasein. Sehen Sie hier Handlungsbedarf?
Lesch: Insgesamt ist in Deutschland in den letzten zwanzig Jahren tatsächlich viel zu wenig getan worden, um die Öffentlichkeit für die Naturwissenschaften zu sensibilisieren. Warum dies so gekommen ist, vermag ich nicht zu erklären. Ich muss ganz ehrlich gestehen, dass ich mir am Anfang der Fernsehsendung keine großen Gedanken gemacht habe, inwieweit die Astronomie als Ganzes Nachholbedarf hat oder nicht. Die Astronomie hat ganz sicher dadurch einen unglaublichen Anstoß bekommen, dass wir zum ersten Mal Teleskope im All haben, die fantastische Bilder abliefern. Zusammen mit dem Internet ging ein großes Tor auf. Per Mausklick kann auf einmal jeder direkt an die neuesten Bilder kommen. Insofern hat die Astronomie heute, was die Darstellung von naturwissenschaften Erkenntnissen in der Öffentlichkeit betrifft, ein riesengroßes Potenzial. Andererseits ist die Astronomie wie keine andere Naturwissenschaft den Geisteswissenschaften sehr nahe. Und zwar deswegen, weil sie im Gegensatz zu den anderen naturwissenschaftlichen Fächern genau wie die Philosophie immer die Frage nach dem Ganzen stellt. Wie funktioniert die Welt als Ganzes?
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| Aurora Astern |
Gibt es heute überhaupt noch eine scharfe Grenze zwischen Astronomie und Astrophysik?
Lesch: Nein, die Grenzen sind längst verwischt. Heute ist Astronomie gleich Astrophysik. Beides wird bei uns nebeneinander völlig gleichrangig behandelt. Eine Astronomie im klassischen Sinne hingegen, die nur Objekte am Himmel benennt, gibt es heute nicht mehr. Vielmehr gehen wir gemeinsam der Frage nach: Wie funktionieren die Dinge da oben? Sind die Naturgesetze, die ich hier auf der Erde im Labor entdecke, überall im Universum anwendbar? Oder gibt es irgendwelche Abweichungen? Wenn ja, was bedeutet dies? Wir merken, dass wir nur einen winzigen Weltausschnitt direkt erfahren können. Und die Erfahrung, dass das, was wir im Universum sehen, theoretisch auch vorhersagen und was andere Forscher via Teleskop bestätigen können, erklärt, warum wir Astronomen unter den Naturwissenschaftlern das ausgeprägteste Selbstbewusstsein haben. Wir können uns damit trösten: 'He, wenn unsere Naturgesetze falsch sind, dann sind sie verdammt gut falsch'. Denn einerseits erklären sie uns eine ganze Menge; andererseits erlauben sie uns, derart bizarre Dinge vorherzusagen, von denen keiner zuvor angenommen hätte, dass sie wirklich existieren. Das macht das Gespräch mit einem Geisteswissenschaftler in gewisser Weise aber fast wieder unfair. Denn viele Geisteswissenschaftler beschäftigen sich mit Bereichen, wo die Interpretation einen großen Raum einnimmt. Ich als Astronom kann hingegen sagen: Das sind die Fakten; da gibt es nichts zu interpretieren. Ein Neutronenstern bleibt ein Neutronenstern; er ist nicht interpretierbar. Das führt natürlich sofort dazu, dass man in der Diskussion mit Geisteswissenschaftlern schnell in die Rolle des Wissenden gedrängt wird.
Die Entdeckerin der Pulsare Joceyln Bell Burnell ist bekennende Quäkerin. In ihrem kosmologischen Weltbild hat ein Gott Platz. Angesichts der Tatsache, dass die Kette der Zufälle, die unsere Existenz bedingen, so enorm groß ist, fragt man sich: Gibt es auch ein deterministische Konstante in unserem Universum? Dies führt unweigerlich zu der Frage nach Gott.
Lesch: Sind wir Naturwissenschaftler - und damit schließe ich auch alle Atheisten unter ihnen ein - denn nicht irgendwie alle auf der Suche nach Gott? Wir alle wollen doch wissen, so wie es Goethe einst treffend pointierte, was die Welt im Innersten zusammenhält. Wir Astronomen beobachten etwas, was im wahrsten Sinne des Wortes von uns geographisch sehr weit, nämlich Billiarden von Kilometern entfernt liegt. Wir machen unsere Beobachtungen, erstellen Theorien oder analysieren Strukturen. Spätestens dann, wenn sie aber realisieren, dass das Material, aus dem sie selbst bestehen, auf Elementen wie Kohlenstoff, Stickstoff oder Sauerstoff basiert, wird ihnen sprunghaft klar: "He, meine Hand besteht ja aus Sternenstaub; das Material, was ich sehe, ist vor ein paar Milliarden Jahren in einem Stern erbrütet worden. Es ist das Resultat von ein paar Milliarden Jahren kosmischer Evolution." Treibt man dies auf die Spitze, stellt man fest, dass Astronomie eine unglaubliche Ahnenforschung auf allerhöchstem naturwissenschaftlichem Niveau ist.
Das liefe ja auf eine subatomare Ahnenforschung hinaus?
Lesch: Ja, genau. Man geht bis an den Rand der Erkenntnismöglichkeiten, um in Erfahrung zu bringen: "Wo komme ich eigentlich her?" Aber zurück zu der Frage nach Gott. Am Ende eines Tages, wenn sie sich lange mit dieser Materie beschäftigt haben, kommen sie abends nach Hause und stellen natürlich zwangsläufig die Frage nach Gott. "Was bedeutet dies alles?" Wenn wir die ganzen Bedingungen betrachten, die notwendig waren, damit wir Menschen überhaupt in der Evolution Fuß fassen konnten, hat man das Gefühl, dass dort Rasierklingen an Rasierklingen stehen und der Homo sapiens sapiens schlichtweg obendrauf sitzt. Wackelt er nur ein wenig mit seinem Hinterteil, fällt er runter und verschwindet wieder. Bei den leisesten Veränderungen in dieser Welt wären wir sofort weg vom kosmischen Fenster. Hierzu passt ein Aphorismus von Vincent van Gogh, der gleichzeitig auch mein Credo ist: "Man sollte Gott nicht nach dieser Welt beurteilen. Die war nur ein Schnitzer, der nicht gelungen ist. Aber es muss ein Meister sein, der sich solche Schnitzer leisten kann". Ich persönlich bin kein bekennender Quäker; ich bin Protestant. Aber ich arbeite zum Beispiel mit einem Kollegen von der Hochschule zusammen, der Philosoph und Jesuit ist. Und mit dem mir befreundeten Münchener Philosophen und Ethiker Prof. Wilhelm Vossenkuhl habe ich zum Beispiel auch einmal ein interdisziplinäres Seminar abgehalten, das die Frage "Sind wir allein im Universum?" thematisierte. Hieran teilgenommen haben Philosophie-, Theologie-, Biologie- und Physikstudenten. Meine Erfahrung läuft darauf hinaus: Bereitet man solche Themen nicht zu akademisch auf, interessieren sich soviele dafür, dass einem die Bude eingerannt wird.
In den nächsten zehn Jahren wird eine ganze Armada von Forschungssonden zum Mars fliegen. Auch der Jupitermond Europa wird demnächst irdischen Besuch erhalten. Glauben sie, dass wir in unserem Sonnensystem irgendwann und irgendwo einmal Leben in Gestalt von Mikroben vorfinden werden?
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| Jupiters Gehirn |
Lesch: Ich bin ziemlich sprachlos über den Optimismus, den einige amerikanische Kollegen an den Tag legen. Nein, ich glaube nicht, dass wir einen direkten Beweis für Leben in unserem Sonnensystem jemals finden werden. Der Mars ist für mich kein Thema, da er einfach knochentrocken ist. Dort hat es nie Leben gegeben. Ich wundere mich immer wieder darüber, wieso so viel darüber spekuliert wird, dass auf dem Mars jemals Wasser war. Beim Mars haben wir es vielmehr mit einem Planeten zu tun, der seit mehreren Hundertmillionen Jahren unbeschreiblichen Staubstürmen ausgesetzt ist. Auf seiner ausgedörrten Oberfläche gibt es nicht den leisesten Hinweis für irgendein organisches Molekül. Aber genau dies sollte man dort eigentlich vermuten, da der Mars wie die Erde dereinst von unzähligen Meteoriten, die organische Moleküle bis hin zu Aminosäuren tragen, bombardiert wurde. Bei alledem prasselt die solare UV-Strahlung auf den Roten Planeten derart gnadenlos, dass organisches Material nicht den Hauch einer Überlebenschance hat.
Was halten sie von der 1906 vom Chemie-Nobelpreisträger Svante Arrhenius aufgestellten Panspermie-Theorie, wonach sich das Leben im gesamten Universum durch Kometen oder Meteore, auf und in denen sich Sporen oder Keime befinden, verbreitet?
Lesch: Ich bin deswegen davon überzeugt, dass das Leben auf der Erde seinen Anfang genommen hat und nicht anderswo, weil alle Lebewesen eine Elementverteilung in sich tragen, die mit der des Meerwassers identisch ist - und das sowohl von unser molekular-zellulären bis hin zur komplex-zellulären Struktur. Wir kommen definitiv aus dem Meer; wir sind keine Gebilde, die eine Elementverteilung aufweist, wie sie auf dem Festland, auf der Erde großräumig anzutreffen ist. Wir atmen kein Silizium aus, und unsere Knochen bestehen auch nicht aus Aluminium.
Der zweite Teil des Interviews:»Dunkle Materie ist für die Astrophysik die absolute Katastrophe«
http://www.heise.de/tp/artikel/4/4933/1.html- Sehr sicher! (22.2.2001 9:07)
- Na dann herzlichen Glückwunsch, Professor [ohne Text] (22.2.2001 8:53)
- Ankunft des ersten Trolls ein gutes Zeichen für Threadende [ohne Text] (21.2.2001 21:38)
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