Die Epoche der "Webkunst" scheint zu Ende zu sein

16.02.2001

Ein Überblick über neue Bücher zur Netzkunst

Um die Netzkunst ist es in der letzten Zeit stiller geworden. Während es in der Periode zwischen 1995 und 1999 fast im Monatsrhythmus aufregende künstlerische Arbeiten im Internet zu entdecken gab, sind die Lichtblicke in der letzten Zeit seltener geworden. Man kann nur darüber spekulieren, woran das liegt. Sicher ist, dass es auch im Internet nicht mehr so leicht ist, mit wenig Aufwand einen großen Effekt zu erzielen. Bis heute sind viele der einfachsten Arbeiten aus der Mitte der 90er Jahre immer noch die direktesten und treffsichersten - das gilt zum Beispiel für so simple und gleichzeitig zielgenaue Webexperimente wie ABC von Alexei Shulgin oder Read.me von Heath Bunting.

Blank/Jeron

Wer heute mit dem Internet etwas Aufregendes anstellen will, muss allerdings mehr bieten als eine Website, und sei sie auch noch so elaboriert. Überhaupt scheint die Epoche der "Webkunst" zu Ende zu sein. Arbeiten, die die künstlerischen Möglichkeiten des WorldWideWeb und des HTML-Codes ausloten, erregen kaum noch Aufmerksamkeit - was vielleicht auch ein Grund dafür ist, dass einige Künstler - wie Jodi - sich in letzter Zeit verstärkt auf Software und Browser spezialisiert haben.

Vielleicht liegt der Niedergang des Netzkunst auch daran, dass der inzwischen ebenfalls schon wieder beendete wirtschaftliche Internet-Hype der letzten Jahre viele Künstler verschreckt hat und das Internet plötzlich nicht mehr als der aufregende neue Freiraum erschien, als das das Netz einmal galt - nicht zuletzt auch deswegen, weil viele dieser Internetfirmen Konzepte kommerzialisierten, die zuerst Künstlern eingefallen waren. Vielleicht kann man jetzt, nachdem die Dot-com-Luftblase geplatzt ist, auch wieder auf mehr neue und interessante Netzkunstprojekte hoffen - wenn auch eventuell nicht unbedingt von den alten Recken aus der Net.art-Periode, die inzwischen zum Teil etwas müde wirken.

Wie dem auch sei, sicher ist auf jeden Fall, dass die Zahl der Publikationen, die sich mit Netzkunst beschäftigen, zugenommen hat. Zwar meiden die meisten Kunsthistoriker das Thema nach wie vor wie der Teufel das Weihwasser, zwar haben auch die internationalen Museen nach wie vor kein Verhältnis zur Netzkunst entwickeln können - Ausnahmen wie das Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM), das nun endlich den Katalog zur Ausstellung net_condition nachgeliefert hat, bestätigen nur die Regel. Aber auch einige Buchveröffentlichungen der letzten Monate zeigen, dass sehr wohl noch Netzkunst produziert wird und auch nach wie vor Bedarf nach Vermittelung des Themas zu bestehen scheint.

Erstaunlichweise kommt eine der umfangreichsten und am sorgfältigsten Publikationen zum Thema von einer Institution, die mit Kunst erst einmal gar nichts zu tun hat, und zwar vom Fraunhofer Electronic Business Innovationszentrum. Der von Redakteur Stefan Federspiel gestaltete Reader Net Art Guide dokumentiert die Beiträge, die zu einem Netzkunst-Wettbewerb im vergangenen Jahr eingegangen sind. Gesucht war zwar vor allem eine Netzkunst-Arbeit, die als Kunst-am-Bau-Projekt ein neues Gebäude des Instituts schmücken sollte, aber gleichzeitig wurden Einsendungen gesammelt, die nun in dem fast dreihundert Seiten starken Buch zusammengestellt sind.

Dabei wurden fast alle Beiträge aufgenommen, die so einen ungefilterten Überblick über den Zustand der Netzkunst heute zeigen. Viele der bekannten Aktivisten - wie Jodi, Heath Bunting oder Olia Lialina - fehlen, dafür sind natürlich alle Selbstpromoter und ewigen Einsender bei jedem Wettbewerb und jedem Festival - wie Valery Grancher, Herrmann Josef Hack oder Andrej Tisma - komplett vertreten. Etwas verwirrend ist die Zuordnung der Texte, die zum Teil von den Künstlern selbst zu stammen scheinen. Ein Anhang mit den Künstlerbiografien vervollständigt das Buch.

Nicht im Handel ist das kleine Heft "Update 2.0", das eine Art aktuelle Fortsetzung des Readers "Medien - Kunst - Interaktion" von Rudolf Frieling und Dieter Daniels in die Gegenwart darstellt. Es ist vom Zentrum für Kunst und Medientechnologie und dem Goethe Institut gemeinsam herausgegeben worden. Die erste Ausgabe ist auch im Internet einzusehen. Es begleitet eine Ausstellung von Medienkunst aus Deutschland, die von Goethe Instituten in der ganzen Welt gezeigt werden kann.

Das Bändchen behandelt darum nicht nur Netzkunst, sondern alle Arten von Medienkunst aus Deutschland. Zu den Künstlern, die auf jeweils einer Doppelseite vorgestellt werden, gehören unter anderem Blank & Jeron, Daniel Pflumm, Cornelia Sollfrank, Andrea Zapp und Bjørn Melhus. Grosse Geistesblitze zu deren Arbeiten sind in so kurzem Textformat nicht zu erwarten, aber immerhin weiß man so einmal, welche Künstler, die mit neuen Medien arbeiten, Deutschland im Ausland vertreten.

Nicht übersehen werden sollen in diesem Zusammenhang zwei interessante Arbeiten von Studenten, die sich ebenfalls mit Kunst und Literatur im Internet beschäftigen. Christiane Heibach, die als Mitherausgeberin des "Kursbuch Internet" aus dem Bollmann-Verlag bekannt ist, hat eine Doktorarbeit über Netzliteratur geschrieben - ein Thema, über das ja seltsamerweise ein viel breiterer Diskurs als über Netzkunst geführt wird, obwohl die künstlerischen Resultate meist hinter den Möglichkeiten des Mediums zurückbleiben. Die Arbeit steht als PDF-Datei im Netz, ist aber auch als Buch zu haben (Berlin 2000 (dissertation.de), ISBN: 3-89825-126-8, DM 95,--) Die Magisterarbeit Netzkunst als Avantgarde diskutiert ausführlich und materialreich die Debatte über die künstlerische "Fortschrittlichkeit" von Netzkunst.

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