Lasst uns leben
Napster bietet der Musikindustrie eine Milliarde Dollar
Eine Milliarde Dollar kostet offenbar der Beweis, dass auch das neue Medium Internet alten Gesetzmäßigkeiten der Ökonomie und Judikative folgt. Eine Milliarde bietet jedenfalls die Internet-Tauschbörse Napster mit dem solventen Partner Bertelsmann der restlichen Musikindustrie, um eine gerichtliche Schließung zu verhindern. Napster ermöglicht seinen Nutzern das kostenlose Finden und Austauschen von Musikdateien. Da die meisten urheberrechtlich geschützt sind, klagten vier Plattenfirmen in den USA - und bekamen in zwei Instanzen recht (Gelb-rote Karte für Napster). Eine gerichtliche Verfügung wird gerade überarbeitet, fest steht jedoch, dass Napster den Austausch von urheberrechtlich geschütztem Material wird unterbinden müssen.
Das jetzt veröffentlichte Angebot zielt auf eine außergerichtliche Einigung. Akzeptieren Musikverlage das Angebot, entfällt ihr Klagegrund, da sie keinen materiellen Schaden mehr erleiden. Konkret bietet Napster für die nächsten fünf Jahre den vier größten Musikverlagen EMI, Sony, Universal und Warner jährlich 150 Millionen Dollar. Die genaue Aufteilung soll sich nach der Anzahl des bei Napster tatsächlich getauschten Materials richten. Weitere 50 Millionen Dollar Lizenzgebühren sollen jährlich an kleinere Firmen gezahlt werden, auch hier verteilt nach der Menge ihrer bei Napster getauschten Werke.
Die hofierten Unternehmen reagieren verhalten. "Eine Milliarde ist nicht viel, wenn man bedenkt, dass Einnahmen von 35 bis 40 Milliarden Dollar im Jahr durch Napster gefährdet sind", sagte Richard D. Parsons von AOL Time Warner. Der Präsident des Verbandes der Schallplattenbranche Amerikas RIAA, Hilary Rosen erklärte: "Wir verstehen, dass Napster nicht seinen Betrieb wegen einer gerichtlichen Verfügung einstellen will. Aber sie haben einfach kein System, um die Interessen der Konsumenten und Künstler zusammenzubringen." Das aber müsse erst einmal geschaffen werden. Die RIAA spricht von einer PR-Strategie und Verzögerungstaktik vor Gericht.
|
|
Trotzdem ist das Angebot der erste konkrete Versuch einer neuen Geschäftspolitik, die Napsters Partner Bertelsmann zu verdanken ist. Im Oktober 2000 gewährte der Konzern Napster einen Kredit von 200 Millionen Dollar. Ab Sommer will Napster nun von seinen derzeit angeblich 64 Millionen Nutzern Gebühren verlangen. Bis zu 9,95 Dollar im Monat soll das unbegrenzte Tauschen von Dateien kosten. Vielleicht kommt eine weitere Gebühr für Nutzer hinzu, die Musikstücke auf CD brennen wollen. Napster rechnet nach der Gebühreneinführung mit nur noch einer Millionen Kunden und Einnahmen von 60 Millionen Dollar im ersten Geschäftjahr. 2005 aber will Napster mit 14 Millionen Kunden und 832 Millionen Dollar Einnahmen erzielen.
Auch wenn es derzeit anders aussieht, spricht wenig gegen eine Einigung. Denn Napster/Bertelsmann und die restliche Musikindustrie haben dasselbe Ziel: Gewinn. Die einen wollen Geld von Napster, die anderen von ihren Nutzern. Der Konflikt funktioniert nach bekannten wirtschaftlichen Prinzipien und Handlungsmustern. Es ist nicht der antikapitalistischer Freiheitskampf, zu dem er gern stilisiert wird. Und Napster funktioniert letztlich nach dem modifizierten Geschäftsprinzip eines Radiosenders. Daten werden zwar dezentral bei den Nutzern gelagert, doch die Information, wo etwas zu finden ist, liegt allein auf den Zentralrechnern des Unternehmens. Informationsmonopole sind ein hervorragendes Geschäftskonzept. Wäre Brechts Radiotheorie von jedermann als gleichwertigem Sender und Empfänger Wirklichkeit geworden, dann gäbe es kein Napster, keine Gewinnprognosen und auch keinen Prozess.
http://www.heise.de/tp/artikel/4/4982/1.html- Kommerzialisierung in vollem Gange (24.2.2001 13:37)
- 150 Mio $ im Jahr für's nix tun ... (22.2.2001 9:29)
- der letzte Satz ist das beste statement zum Thema bisher [ohne Text] (22.2.2001 8:23)
Darstellungsbreite ändern
Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.
