Von der Agropolis zur Ökopolis

01.10.2013

Das Konzept der Stadt wird sich ändern müssen. Ansonsten wird die Energiewende erfolglos bleiben

Der ökologische Fußabdruck, den die Megastädte von heute auf diesem Planeten hinterlassen, wird von Jahr zu Jahr größer. Der Ressourcenverbrauch der großen Städte stieg in den vergangenen Jahrzehnten unaufhaltsam. Gleiches gilt für die Produktion von Müll. Gerade deshalb sagen viele Experten, dass die Lösung für ein Großteil der Probleme dieser Welt ebenfalls und insbesondere in den Städten liegen.

In seinem 1826 veröffentlichten Buch "Der isolirte Staat" [sic] zeigte der Geograf Johann Heinrich von Thünen, wie die Städte der vorindustriellen Zeit in die sie umgebende Landschaft eingebettet wurden. Unmittelbar um die Stadt herum zog sich ein Ring von Obst- und Gemüsegärten. Danach kam die Zone für den Wald, der für Brenn- und Bauholz sorgte.

In einem noch weiter vom Zentrum entfernt liegenden Kreis waren die Felder angelegt, die für die Versorgung der Städte mit Weizen zuständig waren. Daran schloss sich ein letzter Versorgungskreis an, mit den Weiden für Kühe und Pferde. Die biologischen Abfälle der Stadt wurden zurück auf die Felder geführt. Das Konzept dieser Stadt nennt der Stadtentwicklungsexperte des World Future Council (WFC), Herbert Girardet "Agropolis".

Erst durch die Industrialisierung wurde die Stadt aus dieser Einbettung in ihre Umgebung herausgelöst und zum Motor der Globalisierung. Fortan wurde sie zum Dreh- und Angelpunkt eines weltweiten Handels. Ihr Treibstoff waren nicht mehr die Stadtwälder, sondern Kohle und Erdöl.

Diese Petropolen, so Girardet, verbrauchen heute etwa 80 Prozent der jährlichen Produktion an fossiler Brennstoffe und sind damit nicht mehr nur die Zentren einer kulturellen und technologischen Entwicklung, sondern auch die Zentren von Umweltverschmutzung und Ressourcenverbrauch.

Megastadt Tokyo. Bild: Gorgo, Lizenz: CC BY-SA 2.0

Die Einflussmöglichkeiten der Städte

Im Unterschied zur Agropolis funktioniert die Versorgung von Petropolis linear. Die Stadt entnimmt der Natur ihre Ressourcen und gibt - für die Natur - wertlosen Müll zurück. Girardet schreibt daher folgerichtig:

Wir brauchen ein neues Modell der modernen Stadt. Die Stadt mit Zukunft möchte ich hier "Ökopolis" nennen: Sie ist von der Notwendigkeit einer regenerativen Beziehung zur Natur geprägt. Gleichzeitig ist sie jedoch auch eine wirtschaftlich aktive Stadt, besonders in Bezug auf Umwelttechnik und erneuerbare Energien.

Städte seien, so Girardet, das wichtigste Aktionsfeld, um den Klimawandel in den Griff zu bekommen. Die Frage, wie schnell der Ausbau der erneuerbaren Energien, die Steigerung der Energieeffizienz, nachhaltige Transportsysteme und vor allem eine Kreislaufwirtschaft in Städten erreicht werden könne, werde darüber entscheiden, ob eine übermäßige Erderwärmung noch vermieden werden könne.

In dem, im Juni 2013 vom WFC herausgegebenen Bericht Towards Regenerative Cities heißt es:

Der Herausforderung ist schwerer in Städten, in denen Wasser- und Energieversorgung oder das Müllmanagement privatisiert wurden. Die Möglichkeiten dort ein integriertes Stadtsystem zu bauen, sind deutlich reduziert.

Denn wo im einzelnen Energie und auf welche Art und Weise produziert wird, kann in einem regenerativen System eher in der Stadt selbst entschieden werden, als bei Unternehmen, die sich als global Player verstehen. Die Technologien dafür seien bereits entwickelt.

Eine dezentrale Energieerzeugung in der Stadt und der sie umgebenden Region könne durch Wind-, Solar- oder Biogasanlagen, und in machen Regionen auch durch geothermale Projekte aufgebaut werden.

Stadtwerke und ebenso private Haushalte sind die Hauptakteure

In den deutschen Regionen, die heute bis zu 100 Prozent ihrer Energie durch erneuerbare Energien erzeugen, haben die Stadtverwaltungen eine entscheidende Rolle bei dieser Entwicklung gespielt. Sie hatten den entsprechend großen Einfluss, den Einsatz der regenerativen Technologien zu forcieren und die politischen Möglichkeiten, die dafür nötigen Veränderungen in ihren jeweiligen Kommunen durchzusetzen.

Das Ziel einer solchen Politik ist es, den ökologischen Fußabdruck einer Stadt so gering wie möglich zu halten. Sabine Drewes, Referentin für Kommunalpolitik und Stadtentwicklung der Heinrich Böll Stiftung in Berlin, sagt gegenüber Telepolis, dass die Einflussmöglichkeiten der verschiedenen Städte sehr unterschiedlich seien.

Private Stadtwerke und ebenso private Haushalte sind die Hauptakteure bei der Energiewende in Deutschland.

Große internationale Energieerzeuger dagegen hätten eher ein untergeordnetes Interesse, das Konzept einer dezentralen Energieversorgung durchzusetzen.

Der Trend, dass viele Kommunen, die in den vergangenen Jahren verkauften Stadtwerke und Versorgungsnetze wieder zurückkaufen, scheint daher in die richtige Richtung zu zeigen. Hamburg hat kürzlich in einem Volksentscheid den Senat der Stadt verpflichtet, die Energienetze wieder in die eigene Hand zu nehmen (Energienetze: Hamburger stimmen für Rekommunalisierung)

Und wenn ein Teil der finanziell besser gestellten städtischen Elite in Hamburg nun behauptet, diese Entscheidung sei in erster Linie von unwissenden Hartz-IV-Empfängern forciert worden, war es, zumindest wenn dem Bericht des WFC gefolgt wird, die richtige Entscheidung. Manchmal müssen die Entscheider einer Stadt zu ihrem Glück einfach gezwungen werden. Andere erkennen die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, selbst.

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