Offen für Alles

04.10.2013

Mit einem gefälschten Artikel führt eins der weltweit wichtigsten Wissenschaftsmagazine die Verfechter der "Open Access"-Bewegung vor

Eine Demokratisierung des Wissens und die Verringerung der digitalen Kluft - es sind hehre Ziele, die sich die Förderer der "Open Access"-Bewegung für den freien Zugang zu wissenschaftlicher Literatur gestellt haben. Tatsächlich steht die Wissenslandschaft vor etlichen Problemen: Während Forscher vor dem andauernden Zwang zu publizieren stehen, können sich die Einrichtungen, an denen diese Wissenschaftler arbeiten und lehren, die Zeitschriften kaum noch leisten, in denen all diese Ergebnisse erscheinen.

Open Access verspricht eine gerade in Zeiten knapper Budgets interessante Alternative: Forschungsergebnisse, die auf diesem Wege veröffentlicht wurden, sind frei zugänglich. Nicht nur für Unis und deren Bibliotheken in den Industriestaaten, sondern auch für Wissenschaftler in der sich entwickelnden Welt, die sonst von neuem Wissen womöglich abgeschnitten sind. Etwa ein Drittel aller Wissenschaftszeitschriften weltweit widmet sich mittlerweile dieser Publikationsmethode - selbst wenn das Veröffentlichen im Open-Access-Bereich bisher nur in wenigen Disziplinen als gleichwertig anerkannt und normaler Forscher-Alltag ist.

Es gibt zudem einen wesentlichen Unterschied zu offenen Lizenzen bei Software oder Inhalten im allgemeinen: Zwar ist der Konsum von Open-Access-Inhalten frei (im Sinne von Freibier), nicht aber die Veröffentlichung. Das Problem liegt in zwei wesentlichen Ressourcen begründet.

Einerseits ist der Platz in renommierten Journalen nicht unendlich, zum anderen braucht die Wissenschaftsgemeinde Regularien, die die Qualität der Inhalte sichern sollen. "Peer Review" heißt das Zauberwort - eine Beurteilung des fachlichen Wertes durch Kollegen. Peer Review kostet Zeit und damit Geld und die Magazine legen diese Kosten als Publikationsgebühren auf die Forscher um.

Ablehnung kostet Geld

Dabei handelt es sich nicht unbedingt um kleine Beträge, und wie immer, wenn Geld im Spiel ist, gesellen sich damit zu hehren Motiven auch pekuniäre. Ein Paper abzulehnen, kostet den Verleger eines Open-Access-Magazins Geld. Im Zweifel, so die Unterstützung, drückt er deshalb vielleicht ein Auge zu.

Tatsächlich wird die Wissenschaftsgemeinde weit seltener von entsprechenden Skandalen erschüttert, als man auf dieser Grundlage erwarten würde. Nachdem 2009 etwa ein Open-Access-Magazin einen zusammengewürfelten, völlig sinnlosen Artikel angenommen hatte, führte das zu längeren Diskussionen über die Probleme dieser Veröffentlichungsform.

Doch das damalige Fazit war: Es handelt sich wohl um einen Einzelfall. Ein gieriger Verleger war über das Ziel hinausgeschossen und hatte sich nach Aufdeckung selbst damit erledigt (den Verlag gibt es allerdings noch immer). Wirklich?

Titelblatt des aktuellen Science-Magazins

Ausgerechnet Science, eins der weltweit führenden (und garantiert nicht kostenlosen) Wissenschaftsmagazine, hat jetzt den Test gewagt. Nun kann man der Zeitschrift natürlich ein gewisses Eigeninteresse unterstellen, doch die Ergebnisse lassen kaum Raum für Interpretationen.

Fehlerhaftes Papier wird 157mal angenommen

Der Autor, John Bohannon, hat sich dabei richtig Arbeit gemacht. Zwischen Januar und August 2013 sandte er pro Woche etwa zehn Open-Access-Zeitschriften ein Paper, das - zum Beispiel - ein gewisser Ocorrafoo Cobange vom Wassee Institute of Medicine in Asmara, der Hauptstadt von Eritrea, verfasst hatte. Es beschrieb die Anti-Krebs-Wirkung eines Stoffes, den der Autor angeblich aus Flechten extrahiert hatte.

Mit Hilfe eines Computerprogramms tauschte Bohannon jeweils die Art der Flechte und der von dem Wirkstoff beeinflussten Zelllinie aus und erhielt so eine große Anzahl einzigartiger Paper, die er mit zufällig zusammengewürfelten Autorennamen versah. Die Veröffentlichung wurde absichtlich mit gravierenden wissenschaftlichen Fehlern gespickt. Schließlich ließ Bohannon das Paper auch noch durch Google vom Englischen ins Französische und zurück übersetzen.

Das Ergebnis: das Paper wurde von 157 Magazinen angenommen (darunter auch solche, die unter der Regie der Industriegiganten Sage, Wolters Kluwer und Elsevier erscheinen). Das Sage-Magazin Journal of International Medical Research etwa nahm den Artikel ohne Rückfrage an, um sogleich eine Rechnung über 3100 US-Dollar zu schicken.

Qualitätsmängel beim Peer Review sind kein "Vorrecht" der Open-Access-Kultur

Nur 98 lehnten das Paper ab (darunter auch Magazine der renommierten Public Library of Science) - die Annahme war also die Regel. Interessant dabei: Die meisten der Magazine, die auf ein Peer Review verzichtet hatten, versuchen auch, ihre wahre Herkunft zu verschleiern. IP-Adressen und Bankdaten verrieten, dass dem Namen nach "europäische" oder "amerikanische" Open-Access-Magazine oft in Entwicklungsländern beheimatet sind. Die meisten dieser Magazine kommen dabei aus Indien, doch schon auf dem zweiten Platz liegen die USA.

Hat Science damit ein Problem aufgedeckt, das nur im Open-Access-Bereich existiert? Vermutlich nicht, zitiert Bohannon in seinem Artikel einen Forscher. Qualitätsmängel beim Peer Review sind kein Vorrecht der Open-Access-Kultur. Doch sie habe, meint Bohannon, die Basis weit verbreitert, auf der diese Art von Betrug existieren kann.

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