Sunnistan, Schiitestan und Wahhibistan

02.10.2013

Gibt es mehr Chancen auf Frieden im Mittleren Osten, wenn Grenzen und Namen der Länder geändert werden?

Die Staatsgrenzen im Nahen Osten passen nicht mehr? Wäre es eine friedensbildende Maßnahme den arabischen Teil des Fruchtbaren Halbmonds aufzuteilen, und, wenn man schon dabei ist, auch das arabische Kerngebiet, Saudi-Arabien, den Jemen und in Nordafrika Libyen? Statt Syrien und Irak und Saudi-Arabien lieber Sunnistan, Schiitestan, selbstverständlich Kurdistan, aber auch Nordarabien und Wahhibistan?

Eine preisgekrönte amerikanische Journalistin namens Robin Wright veröffentlichte Anfang der Woche in der New York Times Spekulationen über die Notwendigkeit neuer Grenzen im Mittleren Osten, inkl. Teile Nordafrikas und fügte dem ihre imaginierte neugezeichnete Karte des Middle East bei.

Fachleute und US-Nahostkenner mokieren sich. Schon das Suffix "istan" verrate, dass hier Ignoranz am Werke sei, wird etwa in einem Diskussionsthread bei Aron Lund angemerkt. Die Endsilbe sei eindeutig indo-iranischen Ursprungs und nicht semitischem, was also zu Zentralasien passt, gehört nicht in die arabische Welt. Jökelnd wird dem entgegengehalten, dass neuere linguistische Forschung gezeigt habe, dass im amerikanischen Englisch "-stan" all den Staaten angehängt werden kann, die Kamele haben. "Was in aller Welt soll die Karte und warum erscheint sie in einer echten Zeitung?"

Geht es nach der Mutter der Mutter aller zornigen arabischen Blogger, so wird der Teilungsplan von Robin Wright in der ganzen arabischen Welt diskutiert. Weniger als Meinungsartikel, sondern als "Beweis für einen gemeinen, bösen Plan" der beiden Nahostpartner USA und Israel. In den arabischen TV-Sendern würde mit der neuen Karte aufgeregt herumgewunken, spöttelt es aus dem mit Beirut gut vernetzten kalifornischen Störsender der MSM. Ein wahrer Feuersturm sei im Gange. "The whole Arab world is now abuzz."

Alawitestan

Die Wrightsche territoriale Neuordnung nimmt den Krieg in Syrien, der längst auf die Nachbarstaaten ausufert und dortige Spannungen verschärft, wie z.B. im Irak, als Ausgangspunkt. Die Korrespondentin mit den Schwerpunkten Mittlerer Osten, Europa, Afrika, Lateinamerika und Asien, hat die Hoffung, dass die neue Grenzen eine strategische Kehrwende sein könnten, hin zu mehr Stabilität. Eine geographisch-politische Neuordnung könnte die zentrifugalen Kräfte in der Region neu bündeln. Wright will darin eine Möglichkeit erkennen, dem derzeitigen Chaos zu begegnen.

Syrien würde ihrer Vorstellung nach in ein Alawitestan, einen Ort für Drusen, in einen Teil Kurdistan und in Sunnistan aufgesplittet. Sunnistan reicht bis weit in den Irak hinein, der weiter in die Zonen Schiitestan und Kurdistan aufgetielt wird. Eine gewisse Vorsicht ist der Kartenzeichnerin beim angrenzenden Saudi-Arabien anzumerken.

Zwar hat sie den Mut auch dieses Land, das in großen Öffentlichkeit als homogener Block dargestellt wird, ebenfalls aufzuteilen. Aber die mehrheitlich von Schiiten bewohnte Zone im Osten des Landes, wo auch riesige Ölfelder sind, wollte sie nicht einfach Schiitestan zuschlagen. Ebensowenig die von schiitischen Mehrheiten bewohnten Gebiete anderer Golfstaaten.

Das Orient-Panorama

Der Kern Saudi-Arabiens würde künftig Wahhibistan heißen, Mekka und Medina jedoch einem Staat Westarabien zugehören. Ob das tatsächlich Spannungen lindert? Vielleicht schon, wenn alle mit dem Wahabismus infizierte Gruppen, militante wie auch "Wohlfahrtsorganisationen", im heißen Kern Saudi-Arabiens festgehallten würden....

Abzusehen ist schon in den politisch stabileren Zonen, dass das "deeskalierend" gemeinte Moment der Neuaufteilung sich bald in sein Gegenteil verkehren könnte. Wie schon andere großpolitische Visionen mit künstlichen Grenzziehungen demonstrierten, tragen solche Reißbrettpläne unweigerlich neue Konflikte in sich.

"Es gibt keine Unschuld der Begriffe gerade der geografischen nicht", so die Historikerin Gudrun Krämer. Wrights nüchtern klingende Landesnamen spiegeln eine Sehnsucht nach aufgeräumten Schubladen wider, worin sich die politischen Energien und Konflikte einkapseln ließen. Suggeriert wird, dass dies ohne das Wirken von Ordnungsmächten geschehen würde. So wie der Markt in den Utopien liberaler Wirtschaftsvorstellungen ganz allein für Ordnung und Gerechtigkeit sorgt. Das ist der blinde Fleck beim Wrightschen Kartenspiel, das an Schaufenster von amerikanischen Kaufhäusern in früheren Jahrhunderten und Orientpanoramaausstellungen Ende des 19.Jahrhunderts denken läßt.

Bezeichnend sind da nicht nur die "stan"-Suffixe, sondern auch, dass genau die Territorien, bei denen eine politisch relevante Grenzziehung faktisch Gegenstand von Verhandlungen ist, Israel und die palästinensischen Gebiete, auf der Wrightschen Karte kein Thema ist.

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