Warum man dazu neigt, sich zu viel Wein einzuschenken

03.10.2013

Wissenschaftler geben Ratschläge für den Weintrinker

Weintrinker kennen das Phänomen. Ist eine Flasche Wein auf, trinkt man sie auch gerne zu Ende, selbst wenn man eigentlich zunächst nur ein Glas trinken wollte. Dabei hängt es sicher auch von dem Gefühl ab, ob eine Flasche noch halbvoll oder schon halbleer ist. Ein ähnliches Phänomen gibt es natürlich auch mit Gläsern. Wissenschaftler der Iowa State University und der Cornell University haben einmal näher untersucht, welche Folgen die Größe eines Weinglases für den Weinkonsum hat - vielleicht aus eigener schlechter Verarbeitung?

Begründet wird die Untersuchung von den Wissenschaftlern damit, dass viele Menschen schlecht Alkoholmengen abschätzen können. Sie wissen etwa nicht, welche Menge Bier oder Wein einer Alkoholeinheit entspricht. Das sei aber wichtig, um den Alkoholkonsum in geordneten oder gesunden Bahnen halten zu können. Ein Glas muss keiner Alkoholeinheit entsprechen. Bei Wein (12%) entspricht einem Viertelliter drei Alkoholeinheiten, bei Bier (5%) muss man da schon einen Liter zu sich nehmen. Bei Männern sollen in der Woche 14 Alkoholeinheiten bedenkenlos oder verträglich sein, also ein bisschen mehr als drei 0,25-l-Gläser Wein.

Während in Kneipen oder Restaurants Alkohol in standardisierten Mengen und Gläsern ausgegeben wird, hätten eben viele Schwierigkeiten, die Alkoholmengen abzuschätzen, wenn etwa in unterschiedlichen Gläsern und im Rahmen verschiedener Kontexte eingeschenkt wird. Weingläser gebe es in vielen Größen und Wein werde auch oft selbst nachgeschenkt. Daher sei die Gefahr größer, sich zu viel einzuschenken und ungewollt zu viel zu trinken.

Breites Glas und Einschenken mit dem Glas in der Hand sollen Fehler sein. Bild: cornell.edu

Für ihre Studie, die in der Zeitschrift haben sie Versuchspersonen gebeten, die Menge Wein in Gläser verschiedener Größe einzuschenken, die sie für normal halten. Bekannt ist natürlich, dass breitere oder größere Gläser die in ihnen enthaltene Flüssigkeitsmenge kleiner erscheinen lassen, so dass in diese entsprechend mehr eingeschenkt wird als in einem Glas mit Standardgröße, für das die Wissenschaftler ein 0,3-Liter-Glas ansetzten. Normalerweise werden hier um die 116 ml eingegossen.

Die Annahmen wurden denn auch von den Versuchspersonen bestätigt, die fast 12 Prozent mehr Wein in ein breiteres Glas einschenkten. Und wer ein Glas in der Hand hält, schenkt in es auch mehr ein, als wenn es auf dem Tisch steht. Auch die Farbe des Glases scheint eine Rolle zu spielen. Bei einem hohen Kontrast zwischen Wein und Glas wird weniger eingeschenkt als bei einem kleinen. In ein klares Glas wird wegen des geringeren Kontrastes 9 Prozent mehr Weißwein als Rotwein eingeschenkt.

Menschen können Volumen nicht gut einschätzen, sagt Laura Smarandescu, Mitautorin der Studie: "Sie neigen dazu, mehr auf die vertikalen denn auf die horizontalen Maße zu achten. Das ist der Grund, warum Menschen meist weniger aus einem engen Glas trinken, weil sie dann glauben, dass sie mehr trinken." Und die Menschen füllen, wenn sie gebeten werden, immer dieselbe Menge einzuschenken, in das Glas auch meist eine unterschiedliche Menge. Allerdings wussten die Versuchspersonen durchaus, wenn man sie anschließend fragte, warum sie mehr in ein breiteres Glas eingeschenkt hatten, dass es an der Glasgröße liegt.

Wie also können sich Menschen dazu bringen, weniger Wein zu trinken? Ganz einfach, sagt Brian Wansink, der Direktor des Food and Brand Lab an der Cornell University und Mitautor, man müsse nur enge Weingläser nehmen und nur einschenken, wenn sie auf dem Tisch stehen. Dann würde man 9-12 Prozent weniger trinken. Damit hat man freilich nicht den Effekt gelöst, eine angebrochene Flasche auch auszutrinken. Das könnte man wohl am ehesten beherrschen, wenn man kleinere Weinflaschen kauft, beispielsweise 0,25-Liter-Flaschen, wie sie mehr und mehr auch angeboten werden. Aber macht das noch Spaß?

Aber mehr in ein Glas einzufüllen, als man glaubt, heißt wohl auch noch nicht zwingend, zu viel zu trinken. Zumal man ja auch zu viel trinken kann, wenn ein anderer das Glas einschenkt - Zuhause oder in der Kneipe. Am Food and Brand Lab will man die Menschen Hinweise bringen, wie sie besser oder gesünder essen oder trinken können, auch indem sie sich selbst austricksen. Die Durchrationalisierung des Essens und Trinkens geht nicht nur gegen die Lust, sondern hat auch skurrile Züge, wenn beispielsweise empfohlen wird, doch farblich Wein passend zum Glas zu wählen, um nicht zu viel einzuschenken …

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Anzeige
Anzeige
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Angebot des Monats:
Kaffee und Espresso aus Nicaragua in der Telepolis-Edition für unsere Leser

Cover

Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

Anzeige

Amok: Der ausschlaggebende Auslöser Antidepressiva?

Torsten Engelbrecht 12.09.2015

Der Psychiater David Healy zum "Medikamentenaspekt" des Amokflugs 4U95254 und bei Amokläufern

weiterlesen

"Independence Day: Wiederkehr": Zum Kern vorgedrungen

Warum man jeden neuen Emmerich-Film gesehen haben sollte

bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.