The Silk Road to Hell

13.10.2013

Der Drogenumschlagplatz "Silk Road", der nur innerhalb des Anonymisierungsnetzwerks Tor erreichbar war, wurde vom FBI Anfang Oktober geschlossen und der mutmaßliche Betreiber inhaftiert

It boils with every poison you can think of

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Silk Road galt als das Amazon.com für illegale Substanzen, auch wenn dort ebenso Kunst, Kleidung, Bücher und Zigaretten erhältlich waren. Bei "anything who's [sic!] purpose is to harm or defraud", allem, dessen Zweck es ist, anderen zu schaden oder andere zu betrügen, zog man die Grenze. Kinderpornografie, Massenvernichtungswaffen oder gestohlene Kreditkartendaten waren nicht über Silk Road zu bekommen. Dafür gab es Heroin, Kokain und LSD im Angebot.

Die Staatsanwaltschaft spricht von 1.229.465 Transaktionen im Zeitraum von 6.2.2011 bis 23.7.2013, das wären etwas über 40.000 pro Monat. Der Umsatz soll 1.2 Milliarden US-Dollar (885 Mio. EUR) betragen haben, Silk Road hätte in dem Zeitraum knapp 79,8 Mio. Dollar (ca. 59 Mio. EUR) an Provisionen bezogen.

This ain't no technological breakdown

Betrieben wurde Silk Road von einer Person, die nur unter dem Pseudonym "Dread Pirate Roberts" (DPR) bekannt war. Auf seine Spur kamen die Ermittler nicht durch technische Überwachungsmaßnahmen, sondern durch altmodische Ermittlungsarbeit. Da DPR keine Spuren hinterließ, ging man in der Zeit zurück und suchte nach der ersten Erwähnung von Silk Road. Dabei stieß man auf ein Posting von einem User namens Altoid. Ein strafbewehrtes Auskunftsersuchen (Subpoena) an Google brachte Altoid in Verbindung mit einem "Ross Ulbricht".

Es gab einige Hinweise, dass Ross Ulbricht DPR war, aber keine konkreten Beweise. So zeigte ein "Ross Ulbricht" in einem Posting Interesse an einer Verbindung zu Tor über php und curl. Er änderte eine Minute später den Benutzernamen in "frosty", aber sein Interesse an Tor war für die Strafverfolgungsbehörden dokumentiert.

Am 10 Juli 2013 fing der Zoll im Rahmen einer Routinekontrolle ein Paket an Ross Ulbrichts Adresse ab, das neun gefälschte Identitätsausweise enthielt, jeder mit einem Bild von Ulbricht. Bei einer späteren Vernehmung sagte Ulbricht, dass es so leicht sei, gefälschte Dokumente zu erhalten, dass sie jeder für ihn bestellt haben konnte, der ihm etwas anhängen wolle.

Zwei Wochen später konnten die Ermittler die Silk Road Server im Ausland ermitteln. Der Hauptserver befand sich in einem Land, das ein Rechtshilfeabkommen mit den USA hat. Im Rahmen dieses Abkommens erhielt das FBI ein Abbild der Festplatten dieses Servers. Auf diesen Festplatten fand sich nun der PHP-Code aus dem genannten Posting, außerdem ein SSH-Key mit dem Namen "frosty@frosty.com".

Der administrative Zugang auf den Server erfolgte über VPN, und zwar über einen VPN-Server, dessen Daten vom Kunden gelöscht wurden. Der letzte Zugriff erfolgte am 3. Juni 2013 aus einem Internetcafé keine 200 Meter von Ulbrichts Wohnsitz entfernt. Aus diesem Café gab es an diesem Tag auch mehrere Zugriffe auf Ulbrichts Gmail-Konto. Aus diesen Indizien schließen die Ermittler nun, dass es sich bei DPR um Ross William Ulbricht handelt.

And the perverted fear of violence chokes the smile on every face

Die Vorwürfe gegen den "grausamen Piraten Roberts" sind schwerwiegend. Nicht nur der Handel mit Betäubungsmitteln wird ihm vorgeworfen, auch versuchter Mord steht auf der Liste der Anklagepunkte.

Ein ehemaliger Angestellter von Silk Road soll Gelder veruntreut haben, woraufhin DPR einem verdeckten Ermittler 80.000 US-Dollar (ca. 59.000 EUR), dafür geboten haben soll, den Angestellten zu foltern, damit dieser die gestohlenen Gelder zurückgibt. Die Hälfte des Geldes sollte sofort überwiesen werden, die andere Hälfte nach Erledigung des Auftrages. Später hat DPR den Auftrag auf "Exekutieren statt Foltern" geändert. Der verdeckte Ermittler lieferte DPR gestellte Fotos der Folterung und der angeblichen Leiche, worauf DPR die zweite Hälfte des Geldes überwies.

Auch in einem zweiten Fall soll DPR einen Mordauftrag erteilt haben. Ein User namens "friendlychemist" kontaktierte DPR und behauptete, einen Silk-Road-Server geknackt zu haben und Informationen über Käufer zu besitzen. Er brauche 500.000 US-Dollar (ca. 369.000 EUR), um seine Schulden abzubezahlen. Später meldete sich "redandwhite" bei DPR: "Wir sind die Leute, denen friendlychemist Geld schuldet. Worüber wollten Sie mit uns reden?" Der Pirat verhandelte daraufhin die Ermordung von "friendlychemist" und überwies auch 1.670 Bitcoins an "redandwhite", nachdem er Fotos des Leichnams erhalten hatte. Der kanadischen Polizei zufolge gab es jedoch keinen Mord, auf den die Beschreibung passen würde. Der Verdacht liegt nahe, dass DPR hier einem Betrug zum Opfer fiel.

And all the roads jam up with credit

Alle Transaktionen auf Silk Road wurden in Bitcoins abgewickelt. Der Kurs der virtuellen Währung brach nach der Schließung von Silk Road ein, erholte sich aber schnell wieder. Das FBI steht jedenfalls vor der Frage, was es mit den beschlagnahmten 26.000 Bitcoins (nach derzeitigem Kurs etwa 2,5 Mio. EUR), die sich in Silk-Road-Accounts befanden, tun soll. Ehemalige Nutzer argumentieren nicht zu unrecht, dass nicht alle Käufe, die auf Silk Road stattgefunden haben, illegal waren. Außerdem könnten etliche User gar nichts gekauft haben, sondern nur den Mixing-Service von Silk Road genutzt haben, der es schwieriger machen soll, Bitcoin-Transaktionen nachzuvollziehen.

Als Protest werden derzeit viele Mikrobeträge auf das beschlagnahmte Bitcoin-Konto überwiesen und eine Funktion genutzt, die es möglich macht, Transaktionen mit einem Kommentar zu versehen. So meint ein User beispielsweise: "You can shut down Napster but you can't stop file sharing. Same for Silk Road."

You must learn this lesson fast and learn it well

Man darf auf den Prozess gegen Ross Ulbricht gespannt sein. Die Beweise gegen "Dread Pirate Roberts" scheinen erdrückend, während die Indizienkette, die Ross Ulbricht als DPR identifizieren soll, etwas dünn wirkt. Vor allem fehlt auch der Beweis, dass Ross Ulbricht derselbe DPR war, der die Mordaufträge erteilte.

"Der grausame Pirat Roberts" ist eine Figur aus dem Buch "Die Brautprinzessin" von William Goldman. Im Laufe des Romans wird enthüllt, dass es sich dabei nicht um eine einzelne Person handelt, sondern um eine Rolle, die immer vom Vorgänger an den Nachfolger übergeben wird. Die Namenswahl legt schon nahe, dass es nicht nur einen DPR gegeben haben könnte.

Silk Road 2.0 soll jedenfalls schon in den Startlöchern stehen. Vertreter von Atlantis, einer ebenfalls geschlossenen Alternative zu Silk Road, meinen:

"Und das ist es, was die Strafverfolgungsbehörden als Sieg feiern? Über zwei Jahre an Ermittlungsarbeit, Millionen Dollar ausgegeben, und eine Handvoll Hobbyprogrammierer können es in ein paar Tagen wieder aufbauen, während die Händler in der Zwischenzeit einfach auf andere Seiten ausweichen."

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