Alte Fernsehsendungen und Zeitschriften machen Alzheimer erträglicher

14.10.2013

Warum man für das Rentenalter Medien bereithalten sollte

Der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) zufolge sind "erkrankungsbedingte Fehlinterpretationen der Umwelt" bei Alzheimer-Patienten häufig Ursache von Ängsten und von aggressivem Verhalten. Dem könne man mit einer entsprechenden Gestaltung der Umwelt des Erkrankten und der Interaktion mit ihm entgegenwirken.

"Fotos, Musikstücke oder Buchtexte" aus der Vergangenheit können der DGPPN nach einem "fortschreitenden Identitätsverlust bei Patienten entgegenwirken", "dem Kranken kleine Erfolgserlebnisse verschaffen und zugleich Sicherheits- und Kompetenzgefühle wecken". Entscheidend dabei ist, dass man einem Dementen nicht etwas vorsetzt, womit er nichts anfangen kann, sondern auf seine in der Kindheit und Jugend geformten Interessen und Vorlieben eingeht.

Murphy-Fernseher von 1951. Foto: Rob Skitmore, Science Museum London. Lizenz: CC BY-SA 2.0.

Ein Engländer hat aus diesen Erkenntnissen bereits eine Geschäftsidee gezimmert, die über die BBC-Sendung Dragon's Den (in der der damit 100.000 Pfund gewann) landesweit bekannt wurde: Richard Earnest liefert Pflegeheimen 1950er-Jahre-Arrangements, mit denen sich Alzheimerpatienten wohler fühlen. Seiner Ansicht nach wird damit sogar Geld für Medikamente gespart, weil die Patienten in einer ihnen vertrauten Umgebung auch ruhiger sind.

Sein erstes Arrangement stellte Earnest kostenlos für einen Nachbarn zusammen. Mittlerweile hat er über 40 davon abgesetzt – für jeweils 1.500 Pfund. Basis dieser gezimmerten Vergangenheiten sind Stellwände, die ein Wohnzimmer aus den 1950er Jahren oder die Inneneinrichtung einer Gaststätte mit alten Markenprodukten abbilden, die es heute nicht mehr gibt.

Zu diesen Wandtapeten kommen antike Möbel, Fernseher im selben Design (die mit neuem Innenleben historische Programme zeigen) und Zeitschriften hinzu, in denen alte Damen beispielsweise Artikel zur Krönung Elizabeths II. finden. Wenn sie darin blättern, dann erinnern sich manche davon wohlig an die Sonderrationen Zucker und Käse, die es zu diesem Anlass gab.

Die Kindheit und Jugend der Generation, die jetzt massenhaft alzheimerkrank ist, ist deutlich weniger leicht simulierbar als die derjenigen, die seit den 1960er Jahren mit Fernsehen und anderen Medien aufwuchs: Raumschiff Enterprise oder Alpha Alpha lassen sich sehr viel einfacher und perfekter wiederaufführen als ein Fliegeralarm. Deshalb besteht eine gewisse Hoffnung, dass ein langsamer Gedächtnisverlust um so leichter erträglich gemacht werden kann, je virtueller das Leben eines Dementen war. Voraussetzung dafür ist freilich, dass die Auswahl stimmt und dass garantiert ist, dass man im Alter statt The Wire oder den Simpsons kein Degeto-TV vorgesetzt bekommt.

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Anzeige
Anzeige
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Angebot des Monats:
Kaffee und Espresso aus Nicaragua in der Telepolis-Edition für unsere Leser

Cover

Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

Anzeige
Cover

Die Moral in der Maschine

Beiträge zu Roboter- und Maschinenethik

Die Form folgt den Finanzen

Der Hochhausbau verstärkt die Defizite, die er beseitigen soll

bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.