Limburg: Das "Wandlitz" der Kirche

15.10.2013

Wieso schreit das Volk plötzlich auf, wo es um die konsequente Mittelverwendung eines bischöflichen Stuhls geht?

Was war das damals für ein Theater, als erstmals ein Filmteam in die Siedlung des SED-Politbüros kam und dokumentierte, wie die Obersten des DDR-Staates lebten. "Wandlitz" ist seitdem im Osten ein Begriff für die Absonderung der Herrschenden und zugleich für die Armseligkeit ihrer Lebensweise. Zugleich ist "Wandlitz" aber auch ein Symbol für die Skandalisierung der Vierten Macht, die anno 1989 Bananen und Orangen in den Mittelpunkt der Wandlitz-Berichterstattung rücken musste, weil es bei all der Spießigkeit viel mehr kaum zu skandalisieren gab.

2013 nun kriegt die katholische Kirche "ihr Wandlitz", es wird künftig "Limburg" heißen. Ein alternder Bischof, der in seiner Zunft dennoch als "jung" gilt, hat sich eine Luxus-Hütte bauen lassen, die symbolisch für die Abgehobenheit der Kirchenfürsten steht. Einige nehmen an, er sei "verrückt", was auch immer das heißen mag.

Diözesanes Zentrum in Limburg. Bild: Cirdan. Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Aber wer ist schon "verrückt", wenn er zum Autokraten bestimmt über angeblich 100 Millionen Euro schwarzer Bischofskassen verfügen kann und dies auch tut? Ist er nicht konsequenter Arbeitsplatzbeschaffer, wenn er das Geld seiner Institution ausgibt, statt es zinsbringend anzulegen? Ist nicht die Arbeitsplatzreligion gesellschaftlich so breit gewachsen, dass selbst Sozialdemokraten als Gläubige gelten müssen? Wo alles getan wird, um Arbeitsplätze ungeachtet von Wechsel- und Nebenwirkungen zu schaffen, muss doch die ganze Gesellschaft und nicht nur ein einzelner Bischof als "verrückt" gelten!

Zudem: Luxus, Protz und kranke Bauwut gibt es ja bei weitem nicht nur in Limburg. Vielmehr quellen diese Sakramente tagtäglich aus all jenen Medienkanälen, die sich jetzt der Hetzjagd an das waidgeschossene Kirchentier anschließen. Als wäre Reichtum nicht das Ziel jedes Arbeitslebens? Als wären Millionengehälter von Fußballspielern (Fußballspieler!!) nicht gesellschaftlich akzeptiert und sogar hochgeachtet, teilweise sogar unter Erlassung aller Steuersünden? Wieso schreit das Volk plötzlich auf, wo es um die konsequente Mittelverwendung eines bischöflichen Stuhls geht, der doch wohl mit seinem Gelde tun und lassen kann, was ihm beliebt? Zumal seine Mitglieder sich immer mehr ausdünnen und damit immer mehr Vermögen auf immer weniger Köpfe zu verteilen bleibt (sofern man auf die verrückte Idee käme, SO ETWAS zu tun).

Bischof Tebartz-van Elst. Bild: Bistum Limburg

Luxus und überbordender Reichtum sind vollakzeptierte gesellschaftliche Realität. Kaum jemand außer linksradikalen Marxisten kritisiert, dass es Individuen gibt, die als "Milliardäre" mehr Vermögen besitzen als hunderte Millionen Weltbürger zusammen. Kaum jemand kräht danach, dass dieses Geld leistungslos zusammengeflossen ist, eben weil die Dynamik des "Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen" insbesondere (!) für das Finanzwesen gilt. Wer kümmert sich darum, dass das Vermögen des einen die Schulden des anderen sind und damit der Reichtum des einen immer die Schuld(en) des anderen? "Saldenmechanik", das ist doch Teufelszeug.

Es will auch niemand hören, dass Sklaverei die andere Seite der Eigentumsmedaille ist (Arbeits- und Kapitaleinkommen). Wer Vermögen hat und kluge Vermögensverwalter, die es durch Renditen, Dividenden und Zinsen exponentiell anschwellen lassen, der kauft mit diesem Vermögen die Lebenszeit jener armen Höllenhunde, die wir heute "Arbeitnehmer" nennen. Vorne kriegen sie ihren Lohn und hintenrum zahlen sie beim Einkaufen die Dividende des "Arbeitgebers", der damit nichts anderes ist als ein moderner Sklavenhalter. Seine Methoden sind subtiler, er braucht nicht mehr mit der Peitsche übers Feld zu reiten. Er dirigiert per Zahlungsstrom.

Und so wie der moderne Kapitalismus Luxus zum Lebensziel für das RTL2-Volk gemacht hat, so will der Limburger Bischof den goldlackierten Katholizismus der vergangenen Jahrtausende in ein modernes Gewand kleiden und Kirche eben anders denken: Mit moderner Sound-Technik in clever in den Stein gefräster Architektur.

Wer sich hier aufregt, ist doch nur neidisch. Neidisch, dass die 100 Millionen Vermögen der Kirche nicht ihm gehören. Neidisch, dass der Bischof sich 2.000 Quadratmeter Wohnraum nicht nur leisten, sondern nach eigenen Wünschen bauen kann, während man selbst auf 66 Quadratmeter mit Kindern haust und die nächste Mieterhöhung schon absehbar ist - weil ja sonst die Lebensversicherer nicht mehr auf ihre Garantieverzinsung kommen.

Das Limburger Theater an der Verrücktheit eines Einzelnen oder am Katholizismus festzumachen bedeutet doch nur, die sich ausdünnende Glaubensgemeinschaft in den Mittelpunkt zu rücken und damit die neu gewachsene globale Plutokratie um Himmels Willen nicht anfassen zu müssen. Da bleibt nur zu beten, dass der neue Papst dem trägen Denken auf neue Sprünge hilft. Nicht nur in der Kirche.

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