Wer gibt schon gerne Vorteile ab?

15.10.2013

Wie könnte sich Deutschland zu einer gerechteren Bildungsrepublik entwickeln? Interview mit dem Grundschulpädagogen Hans Brügelmann

Aus Vergleichsstudien zum Leistungs-bzw. Schulausbildungsstand geht immer wieder aufs Neue hervor, dass die soziale Herkunft besonders in Deutschland eine ausschlaggebende Rolle für den Schulerfolg spielt. In Ländern wie Finnland, das in den internationalen Vergleichen meist in der Spitzengruppe zu sehen ist, ist dies anders. Könnte Deutschland von den Erfahrungen dieser Länder profitieren?

Was könnte hierzulande verbessert werden, um die Kluft zwischen den Schülern aus besseren sozioökonomischen Verhältnissen und den weniger Privilegierten zu verkleinern? Telepolis sprach darüber mit Dr. Hans Brügelmann, bis 2012 Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Siegen, u. a. Autor des Buches "Schule verstehen und gestalten".

Was könnte man denn von den Ländern, die besser abschneiden, abschauen? Kann man da überhaupt etwas übernehmen oder sind die Systeme und auch die Unterschiede in den Mentalitäten und sozialen Verhältnissen in den Ländern grundlegend so andersartig, dass solchen Übernahmen enge Grenzen gezogen sind?

Hans Brügelmann: Transfer von Erfahrungen, also auch von konkreten Organisationsformen und Unterrichtsmethoden, aus einem Land in ein anderes ist in der Tat schwierig. Ein Beispiel: Fernsehen hat in kleineren Ländern eine ganz andere Bedeutung als bei uns. Die Kinder hören Filme in der Originalsprache, was z. B. das Englischlernen fördert, und sie sehen die Übersetzung in den Untertiteln, was zum Lesen(lernen) motiviert.

Wenn so unterschiedliche Bildungssysteme wie Japan und Finnland bei PISA und anderen Leistungsstudien ähnlich gut abschneiden, wird das Problem offenkundig: Es ist jeweils ein Gesamt von Maßnahmen und Bedingungen, das zu bestimmten Effekten führt. Man kann also nicht einfach einzelne Elemente "importieren", ohne ihre Kontexte mit zu bedenken.

So lernen die Kinder in Finnland und Japan länger gemeinsam als in Deutschland - in Finnland gibt es aber ergänzend ein ausgebautes Unterstützungssystem, das eine individuelle Förderung auch bei Schwierigkeiten ermöglicht, in Japan wiederum besuchen die meisten Kinder nach der Schule noch den Unterricht in privaten Jukus, die das Schulangebot ergänzen.

Um die Bildungschancen zu verbessern, wird es also vermutlich nicht ausreichen, einfach die Dauer des gemeinsamen Lernens zu verlängern - so wichtig diese Bedingung auch ist, z.B. um den Selektionsdruck auf die Grundschulen zu verringern. Strukturänderungen können eine gute Pädagogik erleichtern oder erschweren, aber nicht ersetzen.

Davon abgesehen muss man aufpassen, Nebenwirkungen nicht zu übersehen: in einem Land schneiden die Kinder vielleicht im Lesetest besser ab - lesen aber nur sehr ungern und deshalb auch nur wenig außerhalb der Schule. Was also wären die "Kosten", die man sich mit der Übernahme eines bestimmten Elements aus einem anderen System einkauft?

Nun sprechen Besucher von finnischen Schulen davon, dass sie dort eine "gute Lernatmosphäre" beobachtet haben. Gibt es denn Einstellungen und Alltagspraktiken, die man hierzulande vielleicht überdenken sollte, um aus "eingefahrenen Gleisen" herauszukommen?

Hans Brügelmann: Also zunächst einmal berichten viele davon, dass die Didaktik ihnen überraschend konventionell vorgekommen sei. Aber Sie haben Recht: Auffällig ist eine grundsätzlich positive Haltung gegenüber Kindern und Jugendlichen. Lernschwierigkeiten werden nicht als Defizit oder gar moralisch als "Schuld" interpretiert, sondern als Anspruch auf individuelle Förderung. Und dafür gibt es zusätzliches Personal aus unterschiedlichen Professionen, u. a. eine Art Nachhilfe in der Schule - statt dass sie von den Eltern privat organisiert und bezahlt werden müsste.

"Kein Kind darf zurückgelassen werden", diese Art der Wertschätzung kenne ich auch von einigen deutschen Lehrerinnen und Lehrern, aber Begriffe wie "schulfähig" und die vielen Formen der Selektion machen deutlich, dass unser System insgesamt eher umgekehrt denkt: Passt das Kind hier rein - und nicht: Was braucht es?

Gleiche Ziele mit unterschiedlichen Terminen

Was steht den sozial nicht privilegierten Schülern am meisten im Weg? Sie sprechen davon, dass in Deutschland - nicht nur unter den Pädagogen - eine Erziehungshaltung vorwiegt, die selektionsorientiert ist. Würde denn eine andere Haltung nicht dazu führen, dass die Klassenbesseren weniger gefördert werden? So dass eine Förderung aller auf die große Angst der Eltern der Leistungsstarken trifft? Oder gibt es Ansätze, die beiden Zielen gerechter werden, als die bisher praktizierte, die die Schulausbildungsschere ja offensichtlich immer weiter öffnet?

Hans Brügelmann: Zunächst: Wie schon gesagt, es reicht nicht, Strukturen zu verändern, wenn sich nicht auch Einstellungen und Alltagspraktiken verändern. Kleine Klassen, Jahrgangsmischung und Integration behinderter Kinder bringen nichts, wenn die Arbeits- und Umgangsformen sich nicht ändern. Deshalb plädieren wir schon lange für Öffnung des Unterrichts: Kinder arbeiten an unterschiedlichen Aufgaben oder an denselben Aufgaben auf unterschiedliche Weise. Davon profitieren alle, gerade auch die Leistungsstarken, weil sie nicht im Gleichschritt mitmarschieren müssen.

Einerseits bleibt es im Grundlagenbereich bei gleichen Zielen, die aber zu unterschiedlichen Terminen erreicht werden können (modularisiert und dokumentiert z.B. in einem "Lese-" oder "Rechtschreibpass" mit gestuften Anforderungen oder in einem "1x1-Führerschein"). Zum anderen gibt es individuelle Aktivitäten und gemeinsame Projekte, in denen Kinder ihre je besonderen Stärken einbringen und gleichzeitig von den anderen lernen, z.B. indem sie ihre Lieblingsbücher vorstellen oder über spezielle Interessen berichten.

Dass sich damit die Schere schließt, glaube ich nicht. Aber für jeden steigt die Chance, den individuell förderlichen nächsten Schritt tun zu können. Und damit stiege die Wahrscheinlichkeit, dass für alle zumindest eine tragfähige Grundbildung gesichert werden könnte.

Multiprofessionell Arbeiten

Angesichts dessen, dass Wohlhabendere und Ärmere mehr denn je in getrennten Wohnvierteln leben, wäre es für den sozialen Zusammenhalt einer Gesellschaft nicht besser, wenn man die Schulsprengelverteilung etwas durcheinanderbringt und für mehr Mischung sorgt, also darauf achtet, dass ärmere Schüler mehr mit den Bessergestellten zusammenkommen?

Hans Brügelmann: Meine Rückfrage: Würden die Privilegierten das überhaupt wollen? Wenn ich an den Schulkampf in Hamburg um die Ausweitung des gemeinsamen Lernens über die Grundschule hinaus denke, habe ich ernste Zweifel. Wer gibt schon gerne Vorteile ab?

Dabei wäre es auf lange Sicht für alle vorteilhaft, wenn es nicht zu einer Spaltung der Gesellschaft kommt: ökonomisch, weil nicht ein bedeutender Teil der potenziellen Produktivkräfte abgekoppelt würde, vor allem aber auch sozial, weil die Verständigung, auf die unsere Demokratie angewiesen ist, leichter fallen dürfte. Aber wer sich an die Erfahrungen mit dem "Bussing" in den USA erinnert, als schwarze Kinder täglich mit Bussen in weiße Schulen transportiert wurden, wird solchen Verfahren mit Skepsis begegnen.

Mit dieser Aufgabe sind Bildungseinrichtungen allein überfordert. Die Städteplanung müsste sich ändern und gezielt gemischte Bebauungen fördern. Schulen in sozialen Brennpunkten müssten zusätzlich Mittel bekommen, um eigene Profile zu entwickeln, die sie auch für Mittelschichteltern attraktiv machen. Bildungs- und Sozialpolitik müssten enger verzahnt werden, um die Kontinuität von Lernbiographien zu sichern. Übrigens: Auch in dieser Hinsicht sind die multiprofessionellen Teams in finnischen Schulen vorbildlich…

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