"Physiologisch gesehen sind Frühgeborene wie Leichen"

18.10.2013

20 Pflegekräfte werfen ihrem Chefarzt schwere Behandlungsfehler vor. Ein Gutachten wird angefertigt und die Staatsanwaltschaft legt den Fall zu den Akten. Medien berichten. Doch mit den Schwestern redete niemand.

Einläufe bei Frühgeborenen bis kotähnliche Flüssigkeit aus dem Mund tritt, nicht patientengerechte Beatmungsformen, Absenz von Kommunikation: Das Pflegeteam der Frühgeborenen-Station erhebt gravierende Vorwürfe gegen den Chefarzt der Kinderklinik Harlaching. Schwestern und Ärzte berichten von Nothilfe, einem kurzen Gutachterbesuch und Einschüchterung durch die Klinikchefs.

Wenn man die Kinderklinik München-Harlaching betritt, fühlt man sich wie im Science-Fiction-Streifen "Flucht ins 23. Jahrhundert". Blutjunge Ärzte und Pfleger. Kaum einer wirkt älter als 30. "Das hat monetäre Gründe", erklärt ein langjähriger Oberarzt des Klinikums. Das Haus wolle keine erfahrenen älteren Mediziner, sondern junge, formbare Mitarbeiter. "Die alten Haudegen sind gegangen, wurden gekündigt oder mit hohen Summen abgefunden. Sie sind durch Berufsanfänger und Ärzte in den ersten Fortbildungsjahren ersetzt worden."

Das Kinderklinikum Harlaching hat den Status eines Perinatalzentrums Level 1. Es ist spezialisiert auf die Versorgung sehr früh geborener Babys. Foto: Ulrike Duhm.

Der Oberarzt sieht auf der Frühgeborenenstation daher die Patientensicherheit gefährdet: "Ärzte und Pflegepersonal sind fachlich überfordert. Aus Mangel an Kompetenz könnte es tote Frühchen geben, insbesondere bei Extremfrühgeborenen." Die hochqualifizierten älteren Neonatologen, die der Kinderklinik ihren einst exzellenten Ruf einbrachten, sind nicht mehr da. "Und ausgerechnet die sechs kompetentesten Schwestern wurden entlassen", klagt der Mediziner. Statt vorher 19 Frühgeborenen würden, so der Arzt, derzeit nur zwei bis vier Frühchen aufgenommen.

Aus Sicht der Klinik ist alles in Ordnung: "Ärztliches Personal und Pflegepersonal ist ausreichend vorhanden, um die qualitativ hochwertige Versorgung von Patienten jederzeit zu gewährleisten", sagt Kliniksprecher Raphael Diecke.

Der Brandbrief

Auslöser für die Entlassung der Schwestern war ein Brandbrief des Pflegeteams der Frühchen-Station vom 31. Juli. Der Betriebsrat hat ihn an Klinikleitung, Geschäftsführung und Stadtrat weitergeleitet. Im Schreiben äußern 20 Schwestern "erhebliche Zweifel" an der Behandlung extrem kleiner Frühgeborener durch Chefarzt M. und eine Oberärztin: Einem 320 Gramm leichten Frühchen soll ein Einlauf mit einer Anspülmenge von 40 ml verabreicht worden sein, "bis der Stuhlgang aus dem Mund kam". Zum Verständnis: 40 ml entsprechen dem 25fachen der üblichen Anspülmenge.

Bei mehreren Frühgeborenen hätten Einläufe zu "Darmperforation, Todesfolge oder mehrfache Operationen mit künstlichen Ausgängen" geführt. Moniert wurden auch ein "mehrere Wochen liegengelassener Nabelarterienkatheter" und "nicht nachvollziehbare Beatmungsformen".

Das Pflegeteam der Frühchenstation sieht Wohlergehen und Gesundheit von Kindern gefährdet. Zwanzig Schwestern verfassten einen Brandbrief. Foto: Ulrike Duhm.

Der Brandbrief zitiert den Chefarzt mit der Äußerung: "Egal, Frühchen sind sowieso wie Leichen." Dieser Satz sei so nicht gefallen, räumen die Schwestern ein. Er würde das Gesagte aber sinngemäß wiedergeben. Wörtlich hätte M. gesagt: "Physiologisch gesehen sind Frühchen wie Leichen." Die Klinik dementiert das. Doch die Schwestern sind sich sicher: Der Chefarzt habe es "auf einer Stationsbesprechung im Beisein von zwölf Schwestern" gesagt. "Wir sollten neue Flaschenwärmer bekommen. Dem Chefarzt war nicht begreiflich zu machen, dass Neugeborene warme Milch brauchen."

Dem Hilferuf der Schwestern vorangegangen waren monatelange Versuche, auf eine "nicht tragbare Situation" auf der Frühgeborenen-Intensivstation K9 aufmerksam zu machen.

Chefarzt M. äußert sich zur Sache offiziell nicht, sondern verweist auf die Presseabteilung.

Borderline-Medizin

Neonatologie ist Medizin im Grenzbereich. Die Hälfte sehr frühgeborener Kinder stirbt. In diesem schwierigen Umfeld wird M. dem Lager von Neonatologen zugerechnet, die auch zu extremen medizinischen Mitteln greifen. Der Chefarzt, sagen Arztkollegen, sei neuen Versorgungsformen sehr zugewandt. "M. macht manchmal Dinge, die man eher in einem Universitätsklinikum erwarten würde", so ein ehemaliger Kinderarzt der Klinik. "Er ist er relativ schnell darin, Dinge einführen zu wollen, die auf Fachkongressen und in Papern diskutiert werden."

Mit Behandlungsfehlern oder dem Quälen von Kindern habe das jedoch nichts zu tun. M. habe einen "Drang zur Innovation". Dahinter, so der Kinderarzt, stehe aber stets der Versuch, "die Sachen verbessern" zu wollen. "Diagnostik und Therapie entsprechen den Leitlinien, Empfehlungen der Fachgesellschaften und den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen", teilt die Klinik mit.

Es gibt auch andere Stimmen. "M. macht Borderline-Medizin", sagt ein ehemaliger Arzt des Klinikums: "Er schöpft die Therapiemöglichkeiten maximal aus und geht auch experimentell vor." Er verabreiche "deutlich höhere Dosen als anerkannte Standards empfehlen". Verboten ist das nicht. Therapieversuche an Frühgeborenen sind zulässig. "Allerdings muss man kommunizieren", sagt der Arzt. An diesem Punkt - der Kommunikation - sehen Kollegen von Walter M. Probleme: "Er nimmt sein Gegenüber quasi nicht wahr. Es ist überaus schwierig, mit ihm in Dialog zu treten", erklärt der Arzt.

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