"Eine Welt ohne absichtliche Schöpfung ist im Grunde sinnlos"

03.11.2013

Robert Grözinger über Christentum und Kapitalismus - Teil 2

Der Diplom-Ökonom Robert Grözinger geht in seinem Buch Jesus, der Kapitalist - Das christliche Herz der Marktwirtschaft davon aus, dass die Schriften des Alten und Neuen Testaments für eine gedeihliche Entwicklung unserer Gesellschaft unabdinglich sind. Den Sozialismus hält er hingegen für das Sinnbild menschlicher Hybris.

Zu Teil 1: "Eine christliche Sozialpolitik würde den Staat aus der Sozialversicherung herausnehmen"

In der Befreiungstheologie gibt es Theologen, die behauptet haben, dass das Christentum mit dem Sozialismus kompatibel sind - haben diese Menschen die Bibel falsch interpretiert?

Robert Grözinger: Es ist eher umgekehrt: Christen, die Sympathien für den Sozialismus aufbringen, haben den Sozialismus falsch interpretiert, oder seine Grundzüge nicht verstanden. Es ist eigentlich erstaunlich, dass nicht wenige Christen für ein Ideengebäude eintreten, dessen wichtigste Gründungfigur "Religion" als "Opium für das Volk" verunglimpfte. Es ist ein Ideensystem, das im Grunde davon ausgeht, dass der Mensch in der Lage ist, wahlweise das Paradies oder den Himmel im Diesseits zu schaffen, und das ganz ohne Gott. Im Grunde eine eigene Religion, manche würden sogar sagen eine christliche Häresie.

Ich vermute, so mancher Befreiungstheologe ist in Wahrheit in erster Linie ein Sozialist, der die Kraft der christlichen Religion in Lateinamerika für die Förderung seines eigenen, nicht-christlichen Gesellschaftsentwurfs nutzen will. Seit Antonio Gramsci wissen Sozialisten, dass ihr größtes Hemmnis auf dem Weg zum sozialistischen Paradies die bürgerliche Kultur, die bürgerlichen Werte und hier wiederum insbesondere die christliche Religion ist. Diese gilt es seither ihrerseits zu unterwandern, auszuhöhlen und zu verfälschen. So gesehen haben die Befreiungstheologen die Bibel nicht falsch, sondern sehr richtig interpretiert - als zu überwindendes Hindernis.

"Es ist ein Denkfehler, ein perfektes System zentral herbeiplanen zu wollen"

Machen Sie es sich hier nicht zu einfach? Nach meiner Kenntnis hat sich Karl Marx keinen Moment bei der These von der Religion als "Pfaffen-Betrug" aufgehalten, sondern in der Tradition der Aufklärung und im Gleichklang mit Georg Wilhelm Friedrich Hegel die Religion als ein frühes, vorwissenschaftliches Erkenntnismodell verstanden, in dem wesentliche in der Welt obwaltende Kausalzusammenhänge von den Menschen noch nicht begriffen worden sind und diese nun die noch nicht richtig begriffene Welt und den die Erfahrungswelt übersteigenden Sinnzusammenhang in den Parametern ihrer eigenen Vorstellung interpretieren.

Und mit dem Philosophen Ludwig Feuerbach teilt er den Gedanken, dass die Menschen im Falle des Christentums in Gott ihre eigenen, von sich selbst abgezogenen, nach außen verlagerten und in ein exklusives Wesen vereinigten potentiell unendlichen Fähigkeiten anbeten. Diese religiösen Impulse sind aber den Menschen ein Bedürfnis, solange sie unter gesellschaftlichen Umständen darben, die sie selbst geschaffen haben, die aber eine Eigendynamik entfalten, der sie sich bedingungslos unterordnen müssen und die ihre Fähigkeiten vereinseitigen und verstümmeln. Dementsprechend schreibt Marx auch nicht von der Religion als "Opium für das Volk", sondern vom "Opium des Volkes" ...

Robert Grözinger: Sie haben Recht mit dem Zitat, wobei dieses auch korrekt wiedergegeben Christen zu größter Skepsis dem Sozialismus gegenüber veranlassen sollte. Grundsätzlicher für die Hervorhebung des Widerspruchs zwischen Christentum und Sozialismus als dieser kurze Satz von Marx ist aber der von Ihnen beschriebene Kontext. Der konstruktivistische Flügel der Aufklärung, aus dem Marx hervorging, meinte, aus der möglichen vollständigen Erklärbarkeit der Welt eine Gestaltbarkeit eines perfekten Sozialsystems ableiten zu können.

Mit vielen guten Absichten, diese perfekten Systeme zu verwirklichen, wurden seither verschiedene Wege zu verschiedenen Höllen gepflastert. Im Gegensatz zu den weiter oben von Ihnen aufgezählten Greueltaten sind diese aber nicht als Abweichungen von Prinzipien oder als historische Besonderheiten zu bewerten, sondern als direkte Folge der Umsetzung des Prinzips, dass fehlbare Menschen perfekte Sozialsysteme gestalten können.

Dieser konstruktivistische Ansatz übersieht zwei ganz grundsätzliche Punkte. Erstens: Auch wenn wir davon ausgehen, dass Menschen (als Kollektiv) "alles" wissen können, kann jeder einzelne Mensch zu jedem beliebigen Zeitpunkt nur über einen kleinen Ausschnitt aus der Gesamtheit allen möglichen Wissens verfügen. Ganz besonders eingeschränkt bleibt das Wissen darüber, was andere Menschen gerade wollen und empfinden.

Es ist daher ein grundsätzlicher Denkfehler, ein perfektes System zentral - das heißt notwendigerweise von einer kleinen Zahl von Menschen - herbeiplanen und managen zu wollen. Zweitens, und dies berührt mehr das Verhältnis des Christentums zum Sozialismus: Der Mensch als Teil des Universums kann notwendigerweise gar nicht beweisen, dass die Welt als Zufallsprodukt oder als bewusste Schöpfung entstanden ist (nur diese zwei Alternativen sind möglich). Das ist Glaubenssache und kann nur Glaubenssache bleiben.

Der erkenntnistheoretische Ansatz des konstruktivistischen Rationalismus ergibt aber nur Sinn, wenn es keinen Schöpfer gibt, weil hier der zufällig entstandene Mensch sich selbst (sofern er sich zu den Erleuchteten zählt) die Erlaubnis gibt, die Welt so umzugestalten, wie er es für richtig hält. Er, der Fehlbare, erhebt sich zum Schöpfer seiner neuen Welt. Das kann erstens nicht gut gehen, siehe oben. Und außerdem basiert dieser Ansatz auf den Glauben an die schöpfungslose Entstehung der vorgefundenen Welt. Dieser Glaube ist ganz grundsätzlich mit dem Christentum unvereinbar.

Mein Gedanke geht genau anders herum: Weil es auf Basis des christlichen Glaubens an einen wundertätigen und naturtranszendenten Gott nicht möglich ist einen rational einsehbaren Übergang zu den empirischen Verhältnissen zu leisten und sich in der Bibel vollkommen disparate Teile finden, lassen sich sowohl Bibel als auch Christentum in alle denkbare Richtungen interpretieren. Was halten Sie von dieser These?

Robert Grözinger: Zur Unmöglichkeit des Übergangs: Die Geschichte lehrt uns, dass das Gegenteil der Fall ist. Es ist gerade auf der Basis des christlichen Glaubens gelungen, "einen rational einsehbaren Übergang zu empirischen Verhältnissen zu leisten". Den alten Griechen gelang das nicht, aber den Gelehrten des Mittelalters und, darauf aufbauend, der Neuzeit. Das hat mehrere Gründe.

Erstens der Glaube an die Menschwerdung Gottes. Damit wurde die Dualität von Geist und Natur aufgehoben, der die alten Griechen daran hinderte, ihre durchaus staunenswerten Leistungen sowohl auf geistigen als auch praktischen Gebieten zu einer naturwissenschaftlichen Methodik zu verknüpfen. Dies gelang erstmals unter dem Einfluss christlicher Theologie, weil es nun nicht mehr unter der Würde eines Philosophen war, seine Theorien in der Natur empirisch zu überprüfen, wenn selbst Gott sich nicht zu schade war, Teil der Natur zu werden.

Diese Verknüpfung begann nicht erst in der Neuzeit, sondern schon im Mittelalter. Schon Augustinus von Hippo pries in der Spätantike die Erfindungsgabe des Menschen und bemerkte, welche praktischen Fortschritte damit bereits erzielt worden waren. Den Chinesen gelang dieser Durchbruch fast, doch fehlte ihnen der Individualismus, der ebenfalls durch den Glauben an die Menschwerdung Gottes gefördert wurde.

Statt dessen herrschte dort Konformität, die Innovationen erstickte. Auch der Zentralismus in China spielte da eine Rolle. Dagegen war Europa lange Zeit ein dezentralisierter Flickenteppich kleiner und kleinster Staaten, die untereinander in ständiger Konkurrenz um die besten und innovativsten Köpfe standen. Die langfristige Schwäche des Staates damals ist eine Folge der für das Christentum einzigartigen Trennung von Staat und Kirche.

Zweitens der Fortschrittsglaube. Das Christentum hat vom Judentum eine lineare und progressive Weltsicht übernommen. Demnach gibt es einen definierten Anfang und ein definiertes Ende der Welt. Damit verknüpft ist auch der Glaube, dass die Einhaltung der Gesetze des Schöpfers jedenfalls tendenziell zu einem besseren Leben schon im Diesseits führt. Das wiederum ermutigt dazu, die Gesetze Gottes, einschließlich der von ihm geschaffenen Natur, zu entdecken und anzuwenden.

Drittens: Das Gebot aus dem Buch Genesis, dass die Menschen sich die Erde und alle darauf befindlichen Lebewesen "untertan" zu machen sowie ihren Lebensraum zu "bebauen und [zu] pflegen" haben. Das können sie nur, wenn sie ihren Verstand gebrauchen. Die Mönche waren mit der Urbarmachung ihrer Klostergrundstücke konsequente Pioniere auf diesem Gebiet. Natürlich gab es vorher schon Landkultivierung. Aber nicht in dem Ausmaß wie im Mittelalter in Europa. Damals fand im Grunde die erste industrielle Revolution statt.

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