Nichts als der Homo erectus mit starken individuellen Unterschieden

Nach einem Schädelfund im georgischen Dmanisi sollen die Lehrbücher der Anthropologie umgeschrieben werden

In den letzten Jahrzehnten sind die Lehrbücher der Anthropologie ständig umgeschrieben worden, denn der menschliche Stammbaum sieht sehr viel komplizierter und verzweigter aus als lange angenommen. Viele Fragen sind noch offen, und nun kommt eine Wissenschaftlergruppe mit einer These, die sicherlich erneut heftige Debatten auslösen wird: Vor zwei Millionen Jahren soll es nicht mehrere verschiedene Arten der Gattung Homo gegeben haben, sondern nur eine Spezies früher Mensch mit großen individuellen Unterschieden.

Alle heute lebenden Menschen gehören zur Art Homo sapiens und sie variieren stark im Aussehen. Das ist für uns selbstverständlich und bei allen Skelettfunden, die jünger sind als 25.000 Jahre gehen die Anthropologen so gut wie selbstverständlich davon aus, dass sie einen anatomisch modernen Menschen vor sich haben.

Umso heftiger war der Widerspruch als vor zehn Jahren auf der indonesischen Insel Flores die Knochen sehr kleiner Menschen gefunden wurden, die von ihren Entdeckern als neue Spezies namens Homo floresiensis eingeordnet wurde. Gerade mal einen Meter groß waren diese "Hobbits", die sehr kleine Gehirne hatten, und bis vor 18.000 Jahren lebten. Viele Experten erklärten die ehemaligen winzigen Inselbewohner sofort für missgebildete, anatomisch moderne Menschen - was sich durch weitere Funde zunehmend als unwahrscheinlich erwies (Hobbit-Vorfahren).

Bei archaischen Menschenformen, die vor Millionen Jahren lebten, ist die Einordnung ungleich schwieriger, denn oft werden nur einzelne Teile von Skeletten gefunden, unvollständige Schädel, Bruchstücke. Die Fossilien zuzuordnen, sich ein Gesamtbild zu machen und aus den verschiedenen Individuen dann einer Art zu definieren, stellt eine große Herausforderung für die Anthropologie dar.

Computer-Rekonstruktion der fünf Dmanisi Schädel (Hintergrund: Landschaft in Dmanisi); Bild: Marcia Ponce de León und Christoph Zollikofer, Universität Zürich, Schweiz

In Georgien und nicht in der Evolutionsschatztruhe Ostafrika, wo ständig den menschlichen Stammbaum erweiternde Funde gemacht werden (Lucys Schlachtfest), graben Paläoanthropologen seit den 1990er Jahren knapp zwei Millionen Jahre versteinerte menschliche Knochen aus. Im 85 km südlich von der Hauptstadt Tbilisi liegenden Dmanisi kamen neben anderen Skelettteilen auch fünf Schädel ans Tageslicht. Die Fossilien sind unstrittig datiert 1,8 Millionen Jahre alt, und sie sorgten ab der ersten Veröffentlichung für einige Furore in der Fachwelt.

Sie wollten einfach nicht in die tradierten Schemata passen, denn die Dmanisi-Menschen weisen Merkmale auf, die sie der üblichen Kategorisierung entziehen. Sie waren klein (1,5 Meter), hatten kleine Gehirne, aber einen Körperbau, der wie der des anatomisch modernen Menschen lange Fußmärsche ermöglichte, aber dazu nicht passende primitive Arme und Hände.

Kurz: sie sehen wie eine Mischung aus Homo habilis, Homo ergaster und Homo erectus aus. Diese "Mosaikmenschen" stellten Steinwerkzeuge her und kümmerten sich offensichtlich bereits um zahnlose Angehörige (vgl. Zahnlos in der Urzeit).

Homo georgius oder Homo erectus?

Das Puzzle aus morphologischen Merkmalen ließ sich nicht so zusammen setzen, dass die klare Zuschreibung zu einer Art der Homininen möglich gewesen wäre. Also schlugen georgische Paläontologen zunächst vor, die Dmanisi-Menschen in eine neue Art namens Homo georgius einzuordnen und ihn dabei als dem Homo habilis nahe verwandt anzusehen. Was den Rest der Fachwelt aber nicht überzeugte, die Bezeichnung setzte sich nicht durch.

Jetzt stellt eine internationale Forschergruppe rund um David Lordkipanidze vom Georgischen Nationalmuseum in Tiblis in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Science einen neuen Durchbruch vor: Den fünften gefunden, erstaunlich intakten Schädel eines Dmanisi-Menschen (A Complete Skull from Dmanisi, Georgia, and the Evolutionary Biology of Early Homo). Das schöne Stück schmückt sogar den Titel der Zeitschrift.

Portrait des Dmanisi-Schädels Nr. 5, im Profil. Bild: Guram Bumbiashvili, Nationalmuseum Georgien

Das Grabungsteam fand nahe beieinander liegend Schädel und weitere Knochen von fünf Dmanisi-Menschen, die ungefähr zur selben Zeit gestorben sind. Drei Männer, eine junge Frau und einen Jugendlichen unklaren Geschlechts.

Schädel fünf gehörte wohl zu Beginn der Eiszeit, vor 1,85 Millionen Jahren, einem erwachsenen Mann. Sein Schädelvolumen ist mit 546 Kubikzentimetern sehr klein, das Gesicht lang gezogen, über den Augen prangen starke Wülste, er hatte einen vorspringender Kiefer und sehr große Zähne.

Noch nie wurde ein derartig alter, so gut erhaltener Schädel aus der Erde geborgen. Er vereint die typischen, scheinbar widersprüchlichen morphologischen Merkmale der Dmanisi-Menschen in besonders ausgeprägter Form. Bereits jetzt wird er von Fachkollegen als "Fossilien-Ikone" bezeichnet.

Aber er wird auch heftigste Debatten auslösen, denn Schädel 5, zusammen mit den anderen vier an selber Stelle ausgegrabenen Schädeln, stellt die herrschende Lehrmeinung über die Einordnung von menschlichen Fossilien in verschiedene Arten nach den Merkmalen, die sie in sich vereinen, radikal in Frage. Co-Autor Christoph Zollikofer, Anthropologe an der Universität Zürich erklärt:

Wären Hirn- und Gesichtsschädel des Dmanisi-Exemplars als Einzelteile gefunden worden, wären sie mit großer Wahrscheinlichkeit zwei verschiedenen Arten zugeordnet worden. Bei den Dmanisi-Funden handelt es sich erstens um die Population einer einzigen fossilen Menschenart. Zweitens unterscheiden sich die fünf Dmanisi-Individuen tatsächlich stark voneinander, aber auch nicht mehr als fünf beliebige Menschen oder fünf beliebige Schimpansen aus einer modernen Population.

Die Forschergruppe um David Lordkipanidze schlägt vor, die bisher gängigen Unterteilungen der vor zwei Millionen Jahren gleichzeitig lebenden "Homo habilis", "Homo rudolfensis", "Homo ergaster" etc. aufzugeben und alle als "Homo erectus" zu bezeichnen (vgl. Unsere Verwandtschaft - eine Geschichte, die immer komplizierter wird, PDF), weil individuelle Unterschiede, die Vielfalt verschiedener Vertreter einer Art, damals genau so groß gewesen seien wie heute.

Aufbruch aus Afrika

Die bisherigen Arten-Zuordnungen haben sich aus verschiedensten Funden in Afrika entwickelt, und sie werden bis heute in der Fachwelt immer wieder diskutiert. Christoph Zollikofer erläutert: "Es handelt sich um meist fragmentarische Einzelfunde, die über weite räumliche Distanzen verstreut sind, und die zudem aus einer Zeitspanne von mindestens 500.000 Jahren stammen. Somit ist letztlich nicht klar, ob es sich bei den afrikanischen Fossilien um Artenvielfalt handelt oder um Vielfalt innerhalb einer Art."

Die Dmanisi-Funde bieten die einmalige Chance, höchst verschiedene Individuen aus der Epoche des Eizeit-Beginns zu analysieren, die am selben Ort und zur selben Zeit lebten. Und es ist nicht nur höchst unwahrscheinlich, dass sich Vertreter verschiedene Arten früher Menschen vor 1,8 Millionen Jahren dort trafen und zusammen lebten - sie vereinen zudem in sich die Merkmale, die einzeln betrachtet zur Einteilung in die verschiedenen Arten geführt hatten.

Es klingt sehr viel wahrscheinlicher, dass Homo erectus, als er sich vor zwei Millionen Jahren auf den Weg machte, bereits in Afrika mindestens genauso viele individuelle Unterschiede aufwies wie später in Georgien. Allerdings war sein Gehirn wohl zumindest durchschnittlich deutlich kleiner als bis jetzt angenommen. Die Paläoanthropologen waren davon ausgegangen, dass er bei seinem Aufbruch aus Afrika schon ein Gehirn von ungefähr 1.000 Kubikzentimetern in seinem Schädel trug.

Luftaufnahme von Dmanisi: Ausgrabungsstätte vor dem Hintergrund der mittelalterlichen Stadt; Bild: Fernando Javier Urquijo

Der Forschergruppe ist klar, dass sie eine fachliche Bombe geworfen haben und es ist zu erwarten, dass bald heftige Reaktionen folgen werden. Nicht zuletzt, weil viele Experten ungern auf ihre selbst in die Fachwelt eingebrachten Bezeichnungen und Einordnungen werden verzichten wollen. Co-Autorin Marcia Ponce de León bringt das Problem auf den Punkt:

Zur Zeit gibt es eben so viele Unterteilungen in Arten, wie es Wissenschaftler gibt, die sich mit diesem Problem beschäftigen.

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