Niedriglohnland USA: Fastfood-Ketten als Profiteure des "Wohlfahrtsstaats"

18.10.2013

Wenn der Staat den Lohn aufstocken muss, damit es fürs Leben reicht, oder wie man als Einzelner auf die Idee kommt, den Markt für Haare, Muttermilch oder Nieren zu testen

Wo kann ich meine Haare verkaufen, meine Muttermilch, meine Eizellen, meine Nieren? Der Marktplatz Google erschließt Geschäftsmodellen, die den Körper als Warenkorb zur Grundlage haben, neue Möglichkeiten. Suchabfragen "I want to sell my …," die mit "hair," "eggs" und "kidney" ergänzt wurden, belegten 2011 über ein halbes Jahr lang die vier ersten Plätze, berichtet Bloomberg.

Der Marktanalyst, auf den sich das Finanzmedium dabei bezieht, wertet die Suchanfragen als Hinweis für die finanziellen Sorgen in der amerikanischen Bevölkerung. Die "Erholung" von dieser Wirtschaftskrise verlaufe nicht so wie bei den Krisen zuvor.

Als Beispiel für die oben genannten Suchabfragen und damit im Zusammenhang stehende finanzielle Nöte zitiert Bloomberg eine Frau, die ihre lang gewachsenen Haare bei buyandsellhair.com für 1.000 Euro zum Verkauf anbot - und angeblich innerhalb von Stunden Interessenten gefunden hat. Sie erwäge darüberhinaus, ihre Muttermilch bei onlythebreast.com zu verkaufen. Das zeige, dass sie wie andere Amerikaner auch "unkonventionelle Wege" erkunde, um mit ihren Einkünften auszukommen, während die Wirtschaft Mühe habe, dem Arbeitsmarkt neu zu beleben.

Die Dame mit dem prächtigen Haarschopf mag als skurill-amerikanisches Einzelbeispiel abgetan werden, doch deuten Zahlen, die der Bericht aus US-Reproduktionskliniken beisteuert, darauf hin, dass der deutliche Anstieg von Eizellenspenderinnen auch im Zusammenhang mit der Wirtschaftskrise verstanden werden kann, da 65 Prozent der Frauen angeben, dass ihr Angebot finanziell motiviert war, selbst wenn noch mehr Frauen, nämlich 75 %, Altruismus als hauptsächlichen Beweggrund angeben. Für solche Spenden werden laut Bericht Summen zwischen 7.500 und 8.000 Dollar bezahlt.

Zu geringe Löhne: Der Staat muss jährlich etwa 7,9 Milliarden Dollar hinzuschießen

Am Dienstag hatte ein Bericht der Washington Post über den Niedriglohnsektor in den USA Wellen geschlagen. Es geht darin um Angestellte von Fastfoodketten, deren Entlohnung nicht reicht, um Lebenskosten abzudecken, selbst Vollzeitanstellung. Der Staat müsse jährlich etwa 7,9 Milliarden Dollar hinzuschießen, 1,9 Milliarden für Lohnauffüllung (Earned income tax credit), 1 Milliarde für Lebensmittelmarken und 3,9 Milliarden für die Gesundheitsfürsorge Medicaid und das staatliche Children's Health Insurance Program.

Die Firmen kalkulieren mit der staatlichen Subvention, wie dies in Deutschland Unternehmen mit der Hartz-IV-Lohnaufstockung praktizieren. Die Königinnen, die derart vom vielgeschmähten Wohlfahrtsstaat profitieren ("Welfare Queens") machen nicht nur mit Fastfood dickes Geld, wie McDonalds oder Taco Bell, sondern auch in anderen Branchen, denn auch Walmart zählt zu diesem Kreis, wie die Webseite Naked Capitalism ergänzt.

Dort macht man darauf aufmerksam, dass die Berichte über die öffentlichen Kosten der Niedriglöhne, die vom National Employment Law Center (NELP) herausgegeben wurden - unter so anschaulichen Titeln wie "Super-Sizing Public Costs" - in den US-Medien oft nur mit halber Wucht wiedergegeben werden.

Längst keine "Studentenjobs" mehr: Die große Masse der frontline-occupations

So werde dem Argument der Fastfoodketten-Betreiber, wonach sie keine höheren Löhne bezahlen können, weil sonst das Essen so teuer käme, dass es sich deutlich weniger Leute leisten könnten, oft mehr Platz und Gewicht eingeräumt als den Gewinnzahlen dieser Unternehmen - und der Honorierung der Angestellten im Management oder in der Führung. Dazu komme, dass die Vorreiterrolle von McDonalds, Wendy's, Burger King etc. bei dem Niederhalten bzw. Drücken von Löhnen aus der öffentlichen Wahrnehmung herausgehalten werde.

Eine Grafik des NELP veranschaulicht sehr deutlich, wie die Anteile zwischen Personal mit einfachen Arbeiten (frontline-occupations), den Aufsehern (firstline-supervisors) und der Managementebene in der Fastfoodbranche und in anderen Industrien aussehen. Eine zweite Grafik zeigt dann die zugeordneten Löhne.

Ein genauerer Blick auf die Zusammensetzung der Angestellten mit Niedriglohn entkleide auch das Argument, das von den Fastfood-Unternehmen häufig ins Spiel gebracht wird, um die geringen Löhne zu rechtfertigen: dass es sich doch meist nur um Gelegenheitsjobber handele, die zum Beispiel in den Ferien ihr Studium auf diese Art finanzieren.

Working for a McDonald’s is no longer mainly a part-time or summer job for high school and college students. Only 18% are below 18 and living with their parents; even if you include all minors (which also picks up ones living on their own) and college students living at home, you reach only 1/3 of total employees.

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