Schluss mit der Dämonisierung von gesättigten Fettsäuren!

24.10.2013

Für einen britischen Kardiologen ist es an der Zeit, den durch neuere Forschung widerlegten Mythos von der Rolle gesättigter Fettsäuren bei der Entstehung von Herzerkrankungen zu beenden

Gesättigte Fettsäuren haben einen schlechten Ruf. Sie sollen den Cholesterinspiegel anheben und das Risiko für Herzkrankheiten wie Herzinfarkt erhöhen. Tierische Fette, wie man sie in Butter, Käse, Fleisch, Wurst etc. findet, enthalten einen großen Anteil an gesättigten Fettsäuren und sollen daher nur in Maßen zu sich genommen werden, während pflanzliche Fette, mageres Fleisch, Geflügel oder Fisch empfohlen werden und überhaupt Lebensmittel mit einfach und mehrfach ungesättigten Fettsäuren sollen das LDL-Cholesterin im Blut senken. Der britische Kardiologe Aseem Malhotra vom Croydon University Hospital in London erklärt nun in einem Beitrag für das British Medical Journal, dass es höchste Zeit wäre, den Mythos der Rolle von gesättigten Fettsäuren für Herzerkrankungen zu beenden. Diese seien seit den 1970er Jahren "dämonisiert" worden.

Angeblich kein Zusammenhang von Herzerkrankungsrisiko und gesättigten Fettsäuren.

Im Gegensatz zu den kursierenden Versprechungen würden neuere wissenschaftliche Studien zeigen, dass die Befolgung des Rats, den Konsum gesättigter Fettsäuren zu reduzieren, "paradoxerweise unsere kardiovaskulären Risiken erhöhen" würden. Er geißelt auch die Obsession der britischen Regierung mit Cholesterinwerten. Das habe zu einer exzessiven Einnahme von Statin und einer damit verbundenen milliardenschweren Industrie geführt und die Aufmerksamkeit vom verbreiteten Risikofaktor der Fettstoffwechselstörungen abgelenkt. Allein 8 Millionen Briten würden inzwischen Statin einnehmen, um das Herzerkrankungsrisiko zu senken, aber bislang sei keine erkennbare Wirkung zu sehen.

Die Reduzierung von gesättigten Fettsäuren führt zwar zur Reduktion von großen und leichten LDL-Partikeln (Typ A), aber riskant seien eigentlichen die kleinen und dichten HDL-Partikel (Typ B). Und der Kardiologe verweist auf die USA, wo innerhalb der letzten 30 Jahre der Kalorienkonsum von Fett um 10 Prozent zurückgegangen ist - allerdings nicht der gesamte Fettkonsum -, aber die Fettleibigkeit stark zugenommen hat. Die Lebensmittelindustrie hat gesättigte Fettsäuren teilweise mit Zucker kompensiert, weil sonst die Produkte nicht mehr so gut schmecken, und damit den vermeintlichen Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben, wie dies oft bei fettarmen, deswegen aber keineswegs zuckerarmen Produkten der Fall ist.

Während wissenschaftlich die Risiken der Transfettsäuren belegt seien, die häufig in Fastfood, Backwaren oder Margarine vorkommen, gehe der Verdacht gegenüber gesättigten Fettsäuren vor allem auf eine Studie aus dem Jahr 1970 zurück, in der eine Korrelation zwischen Herzerkrankungen und dem gesamten Cholesterinwert im Blut gefunden wurden, der wiederum mit gesättigten Fettsäuren korreliert wurde. Aber aus einer Korrelation könne man keine Kausalität herleiten, so Malhotra. Neuere Studien hätten auch keine Belege für eine signifikante Verbindung zwischen der Aufnahme gesättigter Fettsäuren und dem Herzerkrankungsrisiko gefunden, hingegen hätte sich herausgestellt, dass gesättigte Fettsäuren sogar schützen können.

Fettarme Ernährung ist nicht die entscheidende Lösung

Es könne allerdings einen Unterschied machen, woher die gesättigten Fettsäuren stammen. Beispielsweise wurde verarbeitetes rotes Fleisch - nicht rotes Fleisch selbst - mit einem erhöhten Herzgefäßrisiko in Zusammenhang gebracht. Studien weisen auch auf ein erhöhtes Risiko durch Vitamin-D-Mangel hin, das in Milchprodukten ebenso wie Vitamin A vorhanden ist. Auch Calcium und Phosphor, das in Milchprodukten vorkommt, könnte das Risiko senken. Fett wurde auch deswegen als Risiko angesehen, weil es viele Kalorien enthält. Aber es könnte sein, dass der Körper Fette, Kohlehydrate und Proteine verschieden verarbeitet. So könne nach einer Studie eine fettarme Kost im Unterschied zu einer protein- oder kohlehydratarmen Ernährung zu ungesunden Lipidmustern und erhöhter Insulinresistenz führen. Dass es keinen wesentlichen Zusammenhang zwischen erhöhten Cholesterinwerten und Herzerkrankungen git, macht Malhotra auch an einer Studie fest, nach der 75 Prozent der wegen eines akuten Herzinfarkts in einer Klinik behandelten Patienten ganz normale Cholesterinwerte gehabt hätten.

Cholesterin ist für den Kardiologen nicht das Hauptproblem. Er empfiehlt nach einem Herzinfarkt den Umstieg auf eine Mittelmeerkost. Das sei dreimal so gut bei der Reduzierung der Mortalität als die Einnahme von Statin, die mit einer hohen Zahl von Nebenwirkungen einhergehe. Und eine Mittelmeerkost erziele auch bessere Wirkungen als eine fettarme Kost. Und überhaupt seien die größten Fortschritte im Hinblick auf Morbidität und Mortalität nicht durch Entscheidungen in der persönlichen Verantwortung, sondern durch Bevölkerungsgesundheit erzielt worden: "Es ist an der Zeit, den Mythos von der Rolle der gesättigten Fettsäuren bei Herzerkrankungen aufzulösen und den Schaden von Ernährungsratgebern zu beenden, die zur Fettleibigkeit beigetragen haben."

David Haslam, der Vorsitzende des National Institute for Health and Care Excellence und des National Obesity Forum, unterstützt Malhotra und sagt, es sei naiv, wenn die Menschen und die Ärzte glauben, "das seine Kalorie Brot, eine Kalorie Fleisch und eine Kalorie Alkohol von den erstaunlich komplexen Systemen des Körpers alle auf gleiche Weise verarbeitet warden". Man habe die A nnahme gemacht, dass eine erhöhte Fettkonzentration im Blut durch eine erhöhte Einnahme von gesättigten Fettsäuren verursacht werde". Neuere Forschung habe jedoch gezeigt, dass in Wirklichkeit verarbeitete Kohlehydrate und besonders Zucker verantwortlich seien.

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