Gier, Gift und kranke Kinder

29.10.2013

Der sorglose und überbordende Einsatz von Pestiziden beim Anbau von Gentech-Soja in Argentinien zeigt zwanzig Jahre nach Beginn des Booms fatale Folgeerscheinungen. Täglich werden Ärzte mit Missbildungen bei Kindern, einem signifikanten Anstieg der Krebserkrankungen und mit Fehlgeburten konfrontiert.

Im Jahre 1999 brachte die Argentinierin Sofia Gatica ein Kind zur Welt, das drei Tage später an Nierenversagen verstarb. Gatica, die in einem von Sojafeldern umgebenen Arbeiter-Viertel lebte, versuchte die Ursache für den Tod ihres Babys herauszufinden. Sie sah sich in ihrer Gemeinde um, legte Protokolle über Missbildungen und Krebserkrankungen an. Schließlich kam ihr der Verdacht, dass das Besprühen der nahegelegenen GV-Soja-Felder mit Pestiziden zu den gesundheitlichen Problemen geführt hätte. Sie gründete die Organisation Mütter von Ituzaingó und mobilisierte mit außergewöhnlicher Hartnäckigkeit gegen die Agro-Chemikalien Glyphosat und Endosulfan. 2008 klinkte sich ein Arzt und Mitarbeiter der Gesundheitsbehörde mit einer weiteren Anzeige gegen das illegale Sprühen in Ituzaingó ein.

Besprühen der Felder. Bild: Médicos de Pueblos Fumigados

Mit dieser Unterstützung ging der Fall ging schließlich vor Gericht und endete 2012 mit zwei Schuldsprüchen - diese allerdings auf Bewährung. Das Gericht sah bei einem der beiden beschuldigten Sojaproduzenten und dem Eigentümer eines Kleinflugzeuges Gesetzesverstöße als erwiesen an. Auch, dass man billigend eine Gesundheitsgefährdung der Anrainer in Kauf genommen hätte.

Ärzte klagen an

Das Urteil wurde als richtungsweisend gesehen. Doch das Problem war und ist damit noch lange nicht vom Tisch in Argentinien. Denn Ituzaingó war kein Einzelfall. Erst jüngst kamen wieder Bilder von missgebildeten Kindern und an Krebs erkrankten Menschen über Presseagenturen an die Öffentlichkeit, welche die Schattenseiten des Soja-Booms in Argentinien dokumentieren.

Der argentinische Kinderarzt und Universitätsdozent Medardo Avila Vazquez warnt seit langem vor den Folgen des massiven Chemikalieneinsatzes, der mit der Veränderung landwirtschaftlicher Verfahren - speziell durch die Einführung gentechnisch veränderter Pflanzen wie Soja und Mais - einherging. Die Zunahme der Erkrankungen und Missbildungen in den Anbaugebieten ist evident und wird von der Ärzte-NGO Medicos de pueblos fumigados seit Jahren dokumentiert.

Während in Dörfern, die sich weiterhin der traditionellen Viehzucht widmen, die Krebsrate bei etwa drei Prozent liegt, leiden einer Umfrage zufolge in den Anbaugebieten von Gentech-Soja bis zu dreißig Prozent der Bevölkerung an Krebserkrankungen, vermeldete vor wenigen Tagen The Associated Press unter Berufung auf Vazquez. In der Provinz Santa Fe, dem Herzen der argentinischen Soja-Produktion, würde man zwei bis viermal höhere Krebserkrankungs-Raten verzeichnen als im Rest des Landes.

Gentech-Soja: Hoffnungsträger in der Wirtschaftskrise

Dabei hatte alles so verheißungsvoll begonnen. Im - von einer tiefen Wirtschaftskrise (1998 bis 2002) gebeutelten - Argentinien wurde das ab 1996 vermarktete gentechnisch veränderte Monsanto-Soja Roundup Ready als "Wundermittel" gegen die Rezession gefeiert.

Das Saatgut wird großflächig ausgebracht. Landwirte ersparen sich durch die Ausbringung der speziellen Gentech-Variante in Direktsaat diverse Arbeitsgänge wie aufwändiges Umpflügen. Der Anbau erfordert auch kaum landwirtschaftliches Know-how. Gentechnisch ist Roundup-Soja derart verändert, dass es tolerant gegen Unkrautvernichtungsmittel ist. Die Farmer steigen in ihre Flugzeuge und sprühen das Monsanto-Breitbandherbizid mit dem Hauptwirkstoff Glyphosat großflächig über die Felder. Roundup vernichtet dabei alle Pflanzen auf den Äckern außer der Gentech-Soja.

Noch 2007 wurden argentinische Soja-Farmer und Getreide-Händler zitiert, die vom Soja-Boom schwärmten und den hohen Profit lobten. Pro Hektar würde man rund 500 US-Dollar verdienen, das wäre im Vergleich zur traditionellen Viehwirtschaft doppelt so viel. In den Großstädten wurden Glaspaläste für Getreidebörsen errichtet und glänzende Geschäfte getätigt. Denn der Soja-Hunger ist weltweit groß. Soja-Öl, Soja-Mehl, Soja für die Futtertröge und Soja für Bio-Treibstoffe ist gefragt. Der Boom hält nach wie vor an.

Doch bereits mit der Einführung der Monsanto-Sorten mehrten sich kritische Stimmen aus dem Umweltbereich. Einer der Hauptkritikpunkte ist die großflächige Rodung in Argentinien. Kleinere landwirtschaftliche Betriebe wurden verdrängt. Damit verringerte sich auch die Nahrungssouveränität des Landes.

Eine schwer nachvollziehbare Landwirtschaftspolitik während der Wirtschaftskrise ließ zudem viele Landwirte aus der traditionellen Weizenproduktion und der Rinderzucht aussteigen. Das Soja-Agrobusiness hielt in großem Stil Einzug. Ursprüngliche Landschaften wurden in Monokulturen verwandelt. Man holte aus den Böden, was ging: Fruchtfolge, damit sich die Böden erholen könnten, wurden kaum eingeplant. Schließlich begannen aber auch die "Unkräuter" gegen die Giftstoffe resistent zu werden. Das ist eine logische Folge des Systems von herbizidtoleranten Gentech-Pflanzen. Die Natur passt sich schnell an und entwickelt einfach neue Pflanzen, welche die eingesetzten Spritzmittel durchaus vertragen. Deshalb müssen zwangsläufig immer neue chemische Zusammensetzungen zur Unkrautbekämpfung entwickelt werden.

Inzwischen empfiehlt sogar Monsanto konventionelle Methoden der Fruchtfolge und kombinierte Systeme einzuführen, um der Resistenzbildung entgegen zu wirken. Grundsätzlich betont der Konzern, dass man die Landwirte zum korrekten Einsatz von Pestiziden anhalten würde. In Argentinien gab es tatsächlich lange Zeit keine fundierten Regelungen bezüglich des Einsatzes von Spritzmitteln. Das betont auch der argentinische Arzt Medardo Avita Vazquez. Als Mitglied der Ärzte-NGO "Médicos de Pueblos Fumigados", welche sich laufend mit den gesundheitlichen Auswirkungen der gentech-basierten Agrarrevolution in Argentinien auseinandersetzt, ist er seit Jahren mit Missbildungen, Fehlgeburten und erhöhten Krebsraten in den Anbaugebieten konfrontiert. Neben den Anrainern sind auch viele Landarbeiter betroffen, die nicht über die Risiken aufgeklärt wurden und keine Schutzkleidung beim Hantieren mit den Giftstoffen trugen.

2011 gab es eine erste größere Konferenz, auf der insbesondere das massive Ausbringen des Breitbandherbizides Glyphosat bemängelt wurde. Insgesamt lebten laut Vazquez damals zwölf Millionen Menschen in Gebieten, wo massiv - in Zahlen: 300 Millionen Liter Agrochemikalien - gesprüht wurde. Den größten Anteil (rund 200 Millionen Liter) machte Glyphosat aus. Es sei vor allem die Menge, die zu Problemen führen würde, betonte Vazquez damals auf der Konferenz. Die Lage für die Menschen in Argentinien sei ernst.

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