Massenschlachtung von Tieren: Schmerzfrei nicht garantiert

31.10.2013

45 Sekunden für die Tötung eines Rinds, beim Geflügel 10.000 Tiere pro Stunde - Die Fehlbetäubungsraten sind hoch

Die Deutschen sind im wahrsten Sinne Fleischfresser, also Carnivoren. 2012 wurden in den über 5.000 Schlachtbetrieben 3.678.831 Rinder, 59.291.063 Schweine und die unglaubliche Zahl von 705.049.980 Geflügel getötet. Ob die Massenschlachtungen "human" geschehen, darf bezweifelt werden. Eigentlich sollten nach der Tierschutz-Schlachtverordnung (TierSchlV) Tiere so betäubt werden, "dass sie schnell unter Vermeidung von Schmerzen oder Leiden in einen bis zum Tod anhaltenden Zustand der Empfindungs- und Wahrnehmungslosigkeit versetzt werden".

Wie ethisch mit Tieren umgegangen werden soll, ist umstritten. Ob sie eine Würde haben sowieso (Die Würde des Tieres ist unantastbar, oder?). Dass Tiere zumindest so getötet werden sollen, dass sie keine Schmerzen erleiden müssen, sollte freilich zu bewerkstelligen sein. Allerdings geht in der Tierzucht vorneweg auch schon einiges schief. Die industrielle Massentierhaltung macht aus Lebewesen ein Produkt, das möglichst effizient erzeugt und verwertet werden soll. Schmerzen, Leiden, tiergerechtes Leben spielen dabei keine große Rolle, es werden oft nur bestenfalls die Mindestanforderungen eingehalten, die schlimm genug sind.

Auf eine Kleine Anfrage der Grünen antwortete die Bundesregierung: "Studien belegen, dass es aus verschiedenen Gründen vorkommen kann, dass Schlachttiere vor weiteren Schlachtarbeiten das Wahrnehmungs- und Empfindungsvermögen wiedererlangen und z. B. reagierende oder wache Schlachtschweine in die Brühanlage gelangen." Das sei "schwerwiegend" und müsse ausgeschlossen werden. Schließlich werden sonst schmerzempfindliche Tiere lebendig verschnitten und verbrüht, was einer Folter gleichkommt. Das sagt die Bundesregierung nicht, aber sie erklärt, dass man die Forschung zu einer "tierschutzgerechten Tötung von Schlachttieren" fördert. Das entspricht, auch wenn man nicht zynisch sein will, dem Vorhaben einer "menschenrechtsgerechten Tötung von Menschen", beispielsweise in Staaten, in denen die Todesstrafe noch ausgeführt wird.

Aber kümmern will sich die Bundesregierung nicht wirklich um die tierschutzgerechte Tötung. Über Kontrollen und Verstöße werden keine Informationen gesammelt: "Es besteht keine Verpflichtung zur Führung einer Statistik über festgestellte Verstöße gegen die Tierschutz-Schlachtverordnung. Daher liegen der Bundesregierung hierzu keine Daten für das gesamte Bundesgebiet vor." Was man nicht weiß, das macht einen nicht heiß. Das Dilemma ist allerdings groß, schließlich liegt "in handgeführten elektrischen Betäubungsanlagen die Fehlbetäubungsrate bei Schweinen bei 10,9 bis 12,5 Prozent, in automatischen Anlagen bei 3,3 Prozent".

In Beamtensprache heißt es weiter: "Wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge zeigten durchschnittlich 0,1 bis 1 Prozent der Tiere, abhängig von Betäubungsverfahren und Personal, auf der Nachentblutestrecke unmittelbar vor der Brühung noch Reaktionen, welche auf Empfindungs- und Wahrnehmungsvermögen hindeuten. … Wie Untersuchungen ergaben, lag die Häufigkeit von Fehlentblutungen (Wiedererwachen der Tiere auf der Nachentblutestrecke) personenabhängig zwischen 0,4 und 2,5 Prozent." Bei Rindern wird die "Fehlbetäubungsrate mit 4 bis über 9 Prozent" angegeben. Bei Geflügel wird lieber schon mal keine Zahl genannt. Es geht also um viele tausend oder zehntausend Tiere, die nicht schmerzfrei "verwertet" werden.

Die Geschwindigkeit der Massentötung ist rasant und dauert pro Tier nur Sekunden:

Die zur Verfügung stehende Zeit für die Betäubung bzw. Schlachtung (Tötung durch Blutentzug) richtet sich insbesondere nach der Schlachtleistung (Tiere/ Stunde) der Betriebe:

Schweine: bis ca. 750 Tiere/h pro (automatische) Betäubungsanlage. Zeit für Ausführung des Entblutestichs ca. 5 Sekunden.

Rinder: bis ca. 80 Tiere/h. Zeit für Ausführung der Betäubung (einschließlich Auswurf aus der Falle) sowie für das Setzen des Entbluteschnitts jeweils maximal 45 Sekunden.

Geflügel/Hähnchen: >10 000 Tiere/h; automatische Betäubung und Entblutung.

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