"Das Deutsche hat sich in einer sehr ansprechenden Weise modernisiert"

23.11.2013

Karl-Heinz Göttert über die Veränderung der Sprache

Während manch einem mit dem Einschalten der Flimmerkiste und dem Blättern in der Tageszeitung die pure sprachliche Regression entgegenbraust, kann der Germanist Karl-Heinz Göttert der aktuellen Entwicklung des Deutschen durchaus positive Seiten abgewinnen. Mit seinem Buch Abschied von Mutter Sprache - Deutsch in Zeiten der Globalisierung unternimmt er eine ausführliche Bestandsaufnahme des Deutschen und blickt fern von jeglichem Kulturpessimismus frohgemut in die Zukunft.

Herr Göttert, wenn Sie Sätze wie "Kann Guttenberg Kanzler?" lesen, wie lange geben Sie dem Deutschen dann noch eine Chance?

Karl-Heinz Göttert: Wir kennen das Phänomen in allen Zeiträumen, dass die Hochsprache von Jugendsprache und allen möglichen Sondersprachen flankiert wird. Das bedeutet nicht, dass diese Übergriffe eine Sprache korrumpieren oder auch nur beschädigen. Für mich ist die Antwort ganz klar: Dieser Satz macht der deutschen Sprache, wenn ich das so salopp ausdrücken darf, überhaupt nichts.

Karl-Heinz Göttert. Foto: privat

Es ist also um die deutsche Sprache nicht so schlecht bestellt, wie man den Eindruck hat, wenn man Günther Grass oder die Süddeutsche liest, Fernsehen sieht und Politiker reden hört?

Karl-Heinz Göttert: Ich bin diesbezüglich nicht pessimistisch und will Ihnen deutlich sagen, dass ich die deutsche Sprache für so gefestigt halte, wie sie es im Lauf ihrer Geschichte noch nie gewesen ist.  Ich stehe hier mit meinem Optimismus nicht alleine da, sondern berufe mich auf gewichtige Stimmen innerhalb der Wissenschaft: Der Grammatiker Peter Eisenberg zum Beispiel betont immer wieder, dass Leute, die von der Verhunzung der deutschen Sprache sprechen, die angeblich so geliebte Sprache letztlich in den Schmutz ziehen. Das Deutsche hat sich in einer Weise modernisiert, die, wie ich finde, sehr ansprechend ist.

Ich möchte nur auf einen Punkt hinweisen: Man kann sich das deutsche Feuilleton anschauen und nachvollziehen, wie sehr diese Sprache davon profitiert hat, dass die Jahrhunderte lang währende Trennung zwischen Schriftlichkeit und Mündlichkeit zwar nicht aufgehoben ist, sich beides aber angeglichen hat: Wir haben jetzt eine Schriftsprache, die Elemente der Mündlichkeit aufgenommen hat und damit zu einer sehr lebendigen Schriftsprache geworden ist. Ich behaupte also das glatte Gegenteil: Abgerechnet die Tatsache, dass man immer Leute findet, die nicht schreiben können, dass es Schüler gibt, die das Deutsche nicht genügend beherrschen, haben wir momentan ein wundervolles Deutsch.

Ich habe gerade einen Artikel von Peter Dausend und Mark Schieritz zum Thema Steuererhebung als SPD-Programm vor mir und lese:

"Steuern erheben oder nicht? Braucht der Staat mehr Geld, um die Zukunft des Landes zu sichern, oder nimmt er schon genug ein? Das war im Wahlkampf eines der wenigen Themen, bei denen Unterschiede zwischen den Lagern sichtbar wurden. Über nichts haben Schwarz-Gelb und Rot-Grün leidenschaftlicher gestritten. Es ging ums Geld - aber auch darum, in welcher Gesellschaft die Deutschen leben wollen."

Das ist sehr locker und anschaulich geschrieben, mit den rhetorischen Fragen sehr nahe an einem Gesprächston.

Also mich beschleicht schon das Gefühl, dass das Deutsche immer schrecklicher wird ...

Karl-Heinz Göttert: Sie müssen sich einmal ansehen, was im 19. Jahrhundert sehr berühmte Leute wie Nietzsche und Schopenhauer über die Zeitungssprache geschrieben haben. Da wird in einer Weise auf die Sprache eingedroschen, dass man sich heutzutage nur wundern kann, denn wenn beide recht gehabt hätten, wäre das Deutsche keine Kultursprache mehr.

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