"Hartes journalistisches Wettrennen" um Snowden-Dokumente

06.11.2013

Einige Artikel größerer Zeitungen werfen ein Licht auf die Eifersüchteleien, wer eigentlich die von Edward Snowden geleakten Dokumente des US-Militärgeheimdienstes NSA auswerten darf

Ende letzter Woche hatte die Welt mit "Merkels Handygate ist Putins bislang größter Coup" behauptet, die Informationen zu Merkels abgehörten Nokia-Handy sei von "Russland" lanciert worden. Ähnlich hatte mit "Wie Putin den NSA-Skandal für sich nutzt" tags darauf die Süddeutsche Zeitung getitelt. Im Gegensatz zur Welt ging die Süddeutsche aber der Frage nach, ob sich Ströbele und die beiden mitreisenden Journalisten von der russischen Regierung instrumentalisieren lassen.

Am Sonntag hatte John Goetz, einer der beiden Begleiter von Hans-Christian Ströbele, gemeinsam mit Hans Leyendecker in der Süddeutschen eine Antwort auf den Artikel in der Welt verfasst. Die beiden Journalisten beschreiben akribisch, wieso weltweit kein Geheimdienst von Snowden wissentlich mit Material versorgt wurde und attackieren anderslautende Berichte als "Verfolgungswahn".

Zu Recht: Etwa gleichzeitig erscheint ein weiterer Artikel in der Welt mit neuen Verschwörungstheorien. Nicht genannte "deutsche Sicherheitsexperten" würden "glauben", dass der für das Treffen mit Snowden genutzte Raum vom russischen Geheimdienst präpariert gewesen sei. Dies würden unter anderem an der Wand drapierte Gemälde belegen. Henryk M. Broder durfte noch ausführen, dass die NSA-Affäre zur "Rache für Nürnberg" mutiere. Gemeint ist der Prozess gegen Nazi-Kriegsverbrecher vor einem US-amerikanischen Militärgerichtshof.

Immer mehr "andere Presseleute" sind bei Snowden aufgetaucht

Der kleine Zeitungskrieg scheint hanebüchen. Die Replik in der Süddeutschen zeigt aber auch, dass sich dahinter eine Konkurrenz führender Tageszeitungen um die geleakten NSA-Dokumente verbirgt.

John Goetz legt dar, dass zunächst die Dokumentarfilmerin Laura Poitras, der damalige Guardian-Blogger Glenn Greenwald und der Guardian-Journalist Ewen MacAskill in Hongkong erste Materialien von dem Whistleblower erhielten. Die Herausgabe orientierte sich demnach an den unterschiedlichen Interessenslagen: Greenwald habe "mehr Stoff mit Blick auf die Amerikaner" erhalten, die an Poitras weitergegebenen Dokumente seien "mehr für die Europäer von Interesse". Schon in Hongkong seien aber "andere Presseleute aufgetaucht". MacAskill habe beispielsweise "Verstärkung durch Kollegen" bekommen, die sich vor allem für "britische Angelegenheiten" interessierten und folglich Material zur Kooperation des Government Communications Headquarter (GCHQ) mit der NSA überreicht bekamen.

Die neue Solidaritätswebseite für Edward Snowden führt die internationalen Medien auf, die jeweils als erste mit exklusiven NSA-Leaks aufmachten. In Großbritannien berichtet vornehmlich der Guardian, in den USA sind es die Washington Post und die New York Times. Artikel in indischen, französischen, italienischen oder portugiesischen Medien werden oft von Glenn Greenwald (mit-)verfasst, der sich dabei auch schon Expertise vom Verschlüsselungsexperten Bruce Schneier holte.

Wie von John Goetz zum Wettrennen in Hongkong berichtet, erscheinen deutsche Artikel meist unter Mitarbeit von Laura Poitras. Allerdings hatten er und Frederik Obermaier in der Süddeutschen selbst im August einen Exklusivbericht verfasst, der auf "bislang geheime[n] Powerpoint-Folien, die der SZ vorliegen" fußte. Inwieweit auch der ebenfalls mit nach Moskau reisende, frühere Spiegel-Chefredakteur Georg Mascolo entsprechend eingeweiht ist, bleibt offen. Zwar publizierte der als Geheimdienstkenner firmierende Journalist mehrfach in der FAZ zum Thema, durfte bislang aber lediglich die Meldungen Anderer kommentieren.

Wollten auch die taz oder die Berliner Zeitung Zugang?

Anscheinend haben in Deutschland also lediglich der Spiegel sowie die Süddeutsche Zugriff auf die geleakten NSA-Dokumente. Dabei ist nicht einmal klar, ob auch die jeweiligen Chefredakteure Einblick haben oder ob sich die Daten nur im Besitz einzelner Journalisten befinden.

Laut Goetz hätten sich in den vergangenen Monaten "immer wieder neue Allianzen" zur Ausbeute gebildet. Er meint wohl auf internationaler Ebene, wenn zum Beispiel mittlerweile auch der britische Independent über Insiderkenntnisse verfügt. Denn in Deutschland beißen die Redaktionen anderer Zeitungen auf Granit:

Chefredakteure und Chefredakteurinnen großer Blätter reisten bei mutmaßlichen Verwaltern an, um auch Teile des Snowden-Materials zu bekommen. Es gibt ein hartes journalistisches Wettrennen; es geht um Kompetenz und Nicht-Kompetenz.

Es ist unklar, welche "Blätter" gemeint sind. Die eigene Erwähnung von "Chefredakteurinnen" kann aber als Seitenhieb auf die taz oder die Berliner Zeitung verstanden werden, denn alle anderen großen Medienhäuser werden von Männern geführt (mal abgesehen von Gala oder Bunte, die hier wohl kaum gemeint sind).

"Verwalter des Materials waren also nicht Geheimdienstler, sondern Journalisten", resümiert Goetz. Hier irrt er allerdings, denn bekanntlich wurde David Miranda Ende August am Flughafen Heathrow von der Polizei gestoppt, gefilzt und mehrere bei ihm gefundene Datenträger konfisziert. Der Lebensgefährte von Glenn Greenwald kam gerade aus Berlin. Ob er sich dort mit Laura Poitras traf, erklärt er verständlicherweise nicht.

Schon damals war die Rede davon, seine beschlagnahmten Festplatten hätten 58.000 brisante Dokumente enthalten. Sie seien teilweise entschlüsselt worden, weil Miranda eine auf Papier geschriebene, entsprechende Anleitung samt Passwort mitführte. Inzwischen ermittelt die Regierung gegen Miranda wegen "Spionage" und "Terrorismus".

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