Prostitutionsgesetz: Abkehr vom richtigen Weg?

09.11.2013

Zur Diskussion über das Verbot sexueller Dienstleistungen: Es gibt in Sachen Sexbusiness noch viel zu tun!

Die aktuelle Welle der Sexualrepression, die über Deutschland und andere europäische Länder schwappt, kann dazu führen, dass eine lange und schwere, aber letztlich richtige Entwicklung, hin zu einer Prostitution ohne Ausbeutung, Menschenhandel und kriminelles Milieu abgebrochen wird. Dabei wird deutlich: die Allianz zwischen konservativen und religiösen Sexualgegnern einerseits, Feministinnen und vermeintlichen Frauenschützerinnen andererseits, setzte schon vor rund 150 Jahren Verbote sexueller Dienstleistungen durch. Wo das hinführen kann, sieht man in Schweden, das nach einem Prostitutionsverbot die höchste Vergewaltigungsquote in Europa erreichte. Doch auch, wenn man nicht in Prüderie und den Stand der 1950er Jahre zurück fallen sollte: Es gibt in Sachen Sexbusiness noch viel zu tun!

Foto: Redaktion

Aktuell macht wieder die Zeitschrift Emma mit einem Appell von sich reden, in dem zahlreiche Prominente der Redaktion in einer Gleichsetzung von Prostitution mit Sklaverei und Menschenhandel, sowie Forderungen nach Rücknahme des Prostitutionsgesetzes und Verboten beipflichten.

Anderswo grassieren Medienberichte, in denen pseudomoralische Verdammung der Prostitution an sich und Lustfeindlichkeit ungeschminkt durchkommen: Deutschland sei zum "Puff Europas" geworden.

Eine Darstellung, die an ebenso prüde wie dubiose Spießermoral appelliert, nach der kommerzielle Sexualität an sich schon als eine "nationale Schande" zu betrachten sei, nicht etwa nur kriminelle Begleiterscheinungen. Die Frage, ob die in Deutschland verbreitete Prostitution nicht ein Vorbild sein könnte, weil sie so sauber wie sonst kaum irgendwo auf der Welt abläuft, oder zumindest große Anstrengungen unternommen werden, diese Arbeit durch die betreffenden Frauen selbstbestimmt stattfinden zu lassen, wird meist gar nicht erst gestellt.

Freier "kaufen" Frauen?

Ebenso werden falsche und diffamierende Formulierungen verbreitet, etwa, dass Freier "Frauen kaufen" - wer wird schon vom Kunden eines Friseursalons behaupten, dass er die Angestellte, die ihm die Haare schneidet, "kauft"? Getragen wird der Emma-Aufruf von einer Vielzahl Personen, die sich gerne in der Öffentlichkeit als "Gutmenschen" darstellen, in dieser Eigenschaft aber teilweise durchaus umstritten sind.

Einige, wie Prof. Christian Pfeiffer oder die CDU-Abgeordnete und bisherige Bundesbeauftragte für Integration, Maria Böhmer, sind als notorische Moralapostel und Verbotsapologeten aus den Debatten um Medienzensur, Computer-"Killerspiele" und ähnliches einschlägig bekannt.

Feministinnen als Eisbrecher der Sexualrepression

Dass Feministinnen, die sich ursprünglich für Frauen engagierten, letztlich zu Rammböcken für reine Repression und Unterdrückung der Sexualität dienten, ist nicht neu: Schon vor knapp 150 Jahren engagierte sich die britische Feministin Josephine Butler gegen eine staatliche Reglementierung der Prostitution.

Anlass waren Zwangsuntersuchungen von Frauen, nicht jedoch Freiern, zur Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten. Sie wandte sich noch gegen Zwangsverhältnisse bei den Frauen und verwendete daher den Begriff "Abolitionismus", in Referenz auf die Abschaffung der Sklaverei. Damit stand sie in Gegnerschaft zu manchen Vertretern konservativer Sexual"moral", die Prostituierte als "unmoralisch" und "verdorben" diskriminierten und geächtet wissen wollten, wobei es ein offenes Geheimnis war, dass diese Herrschaften durchaus gerne auch mal auf Freiersfüßen wandelten.

Diese oft religiös-fürsorglich geprägten Bewegungen hatten in den 1860er- bis 1880er-Jahren europaweit erhebliche Öffentlichkeitswirkung. Wenige Jahrzehnte später, zur Jahrhundertwende, dominierten religiös, konservativ und lustfeindlich geprägte Sittlichkeitsvereine, vor allem in Deutschland und der Schweiz. Ziel: Prostitution bestrafen, die Frauen Zwangsmaßnahmen unterziehen und Sexualität, für Frauen wie Männer, auf die Ehe beschränken.

Nicht selten richteten sich daher Strafen und Zwangsmaßnahmen auch gegen andere Frauen, die nicht der lustfeindlichen Sexual"moral" entsprachen, etwa ledige Mütter. Auch die Forderungen nach "sittlicher" Medienzensur, "Jugendschutz" und der Bekämpfung von "Schmutz und Schund" kamen durch diese Vereine in großem Umfang auf; einige ihrer Schöpfungen und deren Nachfolger, wie die "Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien" und diverse "Jugendschutzgesetze" in Deutschland, bestehen noch heute.

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