Schaden Wiederkäuer dem Klima?

10.11.2013

Nicht die Kuh ist für die klimaschädlichen Treibhausgase verantwortlich, sondern deren Instrumentalisierung durch eine gewinnorientierte Agrar- und Lebensmittelindustrie

Laut FAO nimmt die Landwirtschaft einen Anteil von rund 18 Prozent an den weltweiten Treibhausgasen ein. Darin eingerechnet sind Transport und Herstellung von Futtermitteln sowie die Rodung von Regenwäldern für den Soja-Anbau. Für den Ausstoß von klimaschädlichen Gasen werden vor allem Wiederkäuer verantwortlich gemacht. Doch suchen sie ihr Futter auf der Weide, sind Rinder, Schafe und Ziegen klimaneutral.

Tierhaltung und Landwirtschaft nehmen mit neun Prozent Kohlendioxid, 35 Prozent Methan und 65 Prozent Stickoxiden einen erheblichen Anteil an der menschlichen Gesamtproduktion von Klimagasen ein. Die Menge dieser Gase listet die FAO in einer jüngeren Studie für alle Nutztierarten auf.

Der Hühnermast zum Beispiel verdanken wir 389 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente, wobei die Intensivmast weltweit dominiert. Da es sein Futter effizienter verwertet als ein Wiederkäuer, ist das Masthuhn zwar klimafreundlicher als das Milchrind (vgl. Fleischlos: klimafreundlich?), doch zu beneiden ist das intensiv gemästete Hybridhuhn nicht.

In einer Mastanlage mit 40.000 Tieren muss es sich mit 20 anderen Hühnern einen Quadratmeter teilen. Während der Dauer von fünf Mastwochen vegetieren die Hühner dicht gedrängt vor sich hin, ohne Raum zum Ruhen oder Flügelschlagen. Weil das Skelett mit dem wachsenden Fleischansatz nicht mithalten kann, verenden viele Tiere, unfähig sich zu bewegen, vor dem Mastende. Meist verdursten sie, weil sie die Tränke nicht mehr erreichen.

Schweine sind intelligenter als Hunde, heißt es. Umso mehr leidet das konventionelle Mastschwein unter den unwürdigen Haltungsbedingungen. 1.000 bis 1.500 Schweine drängeln sich in einer Anlage mit je 15 Tieren in einer Gruppe auf Vollspaltenböden ohne Stroh. An den harten Kanten verletzen sie sich Klauen und Gelenke. Ein bis zu 110 kg schweres Schwein hat etwas mehr als einen halben Quadratmeter Platz. Monotonie und Langeweile bestimmen den Alltag.

Aus Frust beißen sie sich gegenseitig in die Ohren oder benagen die kupierten Schwanzstummel. Während der sechsmonatigen Mastdauer saufen die Tiere Flüssigfutter aus Soja und Getreide. Trotz Effizienz, Rationalisierung und Billigfutter aus Übersee ist die Schweinemast ein Verlustgeschäft. Und sie ist global gesehen klimaschädlich: Ihre Emissionen entsprechen weltweit 668 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten.

Stallhaltung für mehr Klimaschutz?

Rund 4,9 Millionen Kühe (Destatis 2013) gibt es in Deutschland. Dementsprechend schlägt die Milchkuhhaltung in der Fleisch-Produktion mit 486, in der Milchproduktion mit 1.331 Millionen Tonnen CO2 -Äquivalenten zu Buche. Die Fleischrindermast hält mit 2.338 Millionen Tonnen den Rekord.

Nutztierwissenschaftler an der Universität Hohenheim untersuchten den Zusammenhang zwischen Fütterung, Haltung und klimaschädlichen Gasen. Durch chemische Verdauungsvorgänge im Rindermagen entsteht Methan, das genau wie Kohlendioxid über den Ructus aus der Speiseröhre entweicht - nur, dass Methan 26 Mal klimaschädlicher ist als Kohlendioxid.

Rotes Höhenvieh, Foto: Susanne Aigner

So sondert eine Hochleistungskuh mit sehr hoher Futteraufnahme laut Winfried Drochner vom Institut für Tierernährung der Universität Hohenheim täglich rund 400 g Methan ab, eine Kuh mit relativ geringer Leistung und geringem Futterverbrauch hingegen nur 80 g. Mit der Fütterung von angekeimtem Getreide und Tanninen soll der Methan-Ausstoß bei Milchkühen um bis zu 20 % reduziert werden.

Auch befürworten die Wissenschaftler eine intensivierte Stallhaltung ohne Weidegang. Die Kuh werde damit ihrer Bestimmung, viel Milch zu produzieren, am ehesten gerecht. Die meisten Milchrinder stehen ohnehin schon das ganze Jahr über in Ställen auf Beton- und Spaltenböden, aus arbeitstechnischen oder Kostengründen, oder weil die Weideflächen fehlen. Ein hoher Anteil an Getreide in der Futterration reduziert den Methanausstoß.

Gleichzeitig erhöht die Getreidefütterung die Milchleistung. Die Gülle wird umweltfreundlich in der hofeigenen Biogasanlage verarbeitet, der so erzeugte Strom ins Netz eingespeist. Am Ende kann die Milchkuh stolz sein auf ihre vorbildliche Klimabilanz. Ob sie auch glücklich ist?

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