"Die Diktatur wird gerade privatisiert"

24.11.2013

Roman Koidl über den Staat als Stalker

Die neuen Technologien verbinden die Menschen weltweit und haben auch die Organisation von Umstürzen in der arabischen Welt erleichtert. Allerdings sind sie nicht in Händen neutraler Einrichtungen, sondern werden von Unternehmen dazu benutzt, um sämtliche Daten ihrer Nutzer zu sammeln und kommerziell zu verwerten. Wir befinden uns in der Ära der Großdatenverarbeitung, die von McKinsey als die "nächste Grenzregion für Innovation, Wettbewerb und Produktivität" gepriesen wird.

Damit werden die Grundsteine einer ökonomischen Total-Überwachung gelegt, an der sich auch Geheimdienste erfreuen. Darüber hat nun der Unternehmer und Publizist Roman Koidl, der kurze Zeit Online-Berater in Peer Steinbrücks Kompetenzteam war, ein Buch geschrieben: Web Attack - Der Staat als Stalker.

Roman Koidl. Bild: (c) Christoph Michaelis

Herr Koidl, wie sieht das große Stalking durch Big Data aus und was ist das essentielle Problem dabei?

Roman Koidl: Wirtschaft und Gesellschaft werden sich in den nächsten 10 Jahren grundlegend verändern. Leider hat Europa bei diesem revolutionären Wandel den Anschluss vollständig verschlafen. Längst müssten wir die Fragen der IT-Entwicklung auf gleicher Ebene diskutieren wie die Nuklearstrategie in den 80er Jahren. Finanzmärkte, Zahlungsverkehr, Infrastruktur, Telekommunikation: innerhalb von Sekundenbruchteilen können Angriffe auf unsere Systeme das Leben von Millionen Menschen gravierend beeinflussen, den Alltag lahm legen, unsere Ökonomie nachhaltig schädigen.

Politiker glauben anscheinend immer noch, wir redeten von rausgekotzten Jugendbildern bei Facebook, wenn wir über die Probleme des digitalen Wandels sprechen. Tatsächlich aber haben wir es mit einer realen Cyberwar-Bedrohung zu tun, die unser aller Wohlstand in Europa gefährdet. Daher brauchen wir dringend eine gesamteuropäische Anstrengung, eine eigene europäische IT Industrie. Wir müssen verstehen, dass wir diese Anstrengung staatlich und privatwirtschaftlich, im Sinne eines Public Private Partnership, zu leisten haben, wie beispielsweise beim Airbus-Konsortium oder dem Europäischen Raumfahrtprogramm.

Es ist unerträglich, dass ein Wirtschaftsraum mit über 500 Millionen Einwohnern keine hinreichende Antwort auf den größten Strukturwandel aller Zeiten hat. Dabei hat in Europa alles begonnen: nicht nur die Erfindung des Computers, auch des WWW selbst. Aus meiner Sicht könnte beispielsweise eine Institution wie das CERN in Genf zum Ausgangspunkt für die wissenschaftliche Basis einer großen europäischen Anstrengung ausgebaut werden. 

"Vollkommen neue Dimension von Willkür durch Algorithmen"

Inwiefern bewirken die Prozesse und Strukturen eine totale Ökonomisierung des Lebens? Welche Folgen könnte diese Entwicklung zum Beispiel auf das Krankenversicherungssystem haben?

Roman Koidl: Kern dieser Prozesse sind die Algorithmen. Problem: die Entwickler sind stolz auf das Herrschaftswissen rund um diese "Handlungsanweisungen", diese Rechenmodelle. Black Boxes als Daseinsberechtigung einer ganzen Industrie und so schön "technisch kompliziert", dass der Normalbürger abwinkt und gelangweilt etwas von "Computer sind nicht so mein Ding" faselt. Dabei werden Algorithmen in Zukunft unser aller Leben bestimmen. Ihr Reiz besteht darin, den Einzelnen aus der Masse identifizierbar, schlimmer noch, vorhersagbar zu machen. Und zwar auf Basis der bisher über diese Person gespeicherten Daten. Das kann sehr praktisch sein, weil man Angebote erhält, die auf einen selbst perfekt zugeschnitten sind. Wer Kunde bei Amazon ist, hat eine Ahnung davon, wie das läuft.

Man kann es aber auch als Instrument zur Diskriminierung und Ausgrenzung sehen, weil einem nur noch das angeboten wird, was das "System" für sinnvoll oder angebracht hält. Weil man für jenen Datingpartner zu alt, für Kunstbücher bisher kein Interesse hatte oder für eine neue, günstige Krankenversicherung nicht gesund genug ist. Da rächt sich dann, dass wir freiwillig in spielerischen Apps Millionen von Daten preisgegeben haben. Zum Beispiel über diese Quantified Self-Apps, in denen gemessen wird, wie viel man sich bewegt, was der Blutdruck sagt, wie lange man gestern geschlafen hat, und so weiter. Die Sache wird zum Problem, wenn den Kranken kein oder ein schlechterer Tarif angeboten wird, das System sie also ausgrenzt. Das alles ist aber eben auch möglich in der Diskriminierung von Alter, sexueller oder politischer Orientierung, Herkunft, Religion, et cetera.

Die Anwendung von Algorithmen wird derzeit von jeglicher staatlichen Einflussnahme unreguliert zum ökonomischen Vorteil einzelner Unternehmen massiv ausgebaut. Uns droht eine vollkommen neue Dimension von Willkür. Daraus erwachsen Erpressungspotenziale gegen Millionen von Menschen. 

"Wir alle sind erpressbar geworden"

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Amazon, Apple, Facebook und Google "Meinungen nach Belieben steuern, ausschließen, desinformieren und zensieren" können. Wie soll das gehen und wie agieren diese Unternehmen untereinander?

Roman Koidl: In Web Attack beschreibe ich das Beispiel des ehemaligen CIA-Chefs General Petraeus, der zurücktreten musste, nachdem eine Affäre zu seiner Biografin bekannt wurde. Wenn nicht einmal der Chef der CIA selbst in der Lage ist, sich vor der Veröffentlichung privater Geheimnisse aus seinen E-Mails zu schützen, wer dann? Die Möglichkeiten zu Erpressung bestehen aber nicht nur aufgrund abgehörter Regierungshandys. Wir alle sind erpressbar geworden, denn jeder hat doch ein kleines Geheimnis. Das muss nicht einmal etwas Strafbares sein, es kann auch die drohende Veröffentlichung einer Peinlichkeit oder eines moralisch nicht einwandfreien Verhaltens sein.

Am meisten beeindruckt hat mich der Fall "Lena". Das 11-jährige Kind war in Emden ermordet aufgefunden worden. Ein Junge wurde verhaftet, er war tatverdächtig. Irgendein Depp rief über Facebook zur Lynchjustiz auf und 50 brave Emdener versammelten sich prompt vor der Polizeistation in Emden und forderten zum Zwecke der Selbstjustiz die Herausgabe des Jungen. Am Ende stelle sich heraus, er war unschuldig, es war ein anderer Täter. Der Mob hätte den Falschen gelyncht. Während man sich noch fragt, wer weniger Hirn hatte, der Agitator oder die 50 Irrlichter, die ihm folgten, muss man feststellen, dass es schon verdammt leicht ist, Menschen auf die Zinne zu bringen.

Mir macht in diesem Zusammenhang die Tatsache Angst, dass beispielsweise eine einzelne Person wie Mark Zuckerberg, faktisch Zugriff auf 1,2 Milliarden Menschen auf der Welt hat. Ich möchte Herrn Zuckerberg nichts unterstellen, aber unsere gewaltigen finanziellen Anstrengungen für zahlreiche öffentlich-rechtlichen Anstalten (ARD und ZDF), als Lehre aus der Gleichschaltung der Medien im Dritten Reich, sind da irgendwie doch ein ziemlich teuerer Witz aus einer längst vergangenen Zeit. Man muss aber nicht gleich mit der Keule der Nazis kommen. Die Sache betrifft jeden von uns, im Kleinsten. Natürlich kann Google Informationen steuern.

Zum Beispiel über irreführendes Weglassen, wie ich an meinem eigenen Wikipedia-Eintrag immer wieder feststelle, durch Bücher, die mir bei Amazon nicht mehr angeboten werden, weil mich bestimmte Themen nach Analyse der Algos nicht interessieren. Oder es werden uns neopuritanische Moralvorstellungen eines reaktionären Amerikas übergestülpt, wenn - wie bei Apple - das Ausstellungsplakat einer Kunstausstellung der klassischen Moderne zensiert wird, weil auf dem Gemälde von Max Beckmann ein Akt zu sehen ist. In seinem Buch fordert Google-Chef Eric Schmidt, dass die zahlreichen Online Profile, die wir alle so haben (LinkedIn, Facebook, Amazon, XING, Tumblr, und so weiter), zu einem einzigen zusammengeführt werden sollen, das dann staatlich legitimiert wird. Das ist der Beginn der totalen Überwachung des Einzelnen, in der Hand privater Unternehmen. 

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